Wissenschaft der Zukunft zugewandt

„No future“ lautete einst ein Slogan der Punk-Bewegung. Bezogen auf Wissenschaft, Forschung und Neue Technologien hatten die Verfechter von „No Future“ eindeutig Recht: Es gibt keine Zukunft – nur Zukünfte. Ein Veranstaltungsbericht von Carsten Rehbein

Auf dem Workshop „Framing Futures: Science, Technology and Global Challenges“ an der RWTH Aachen kamen Ende Juli renommierte Zukunftsforscher aus der ganzen Welt zusammen, um über Wissenschaft und Forschung an der Schnittstelle von Sozial- und Naturwissenschaften zu diskutieren. Die von der VDI-Professur für Zukunftsforschung der RWTH Aachen organisierte und von der Fritz Thyssen Stiftung gesponserte Veranstaltung stellte sich in acht 105-minütigen Sessions über drei Tage verteilt die Frage, wie denn die Zukunft aussehen könnte, falls es denn eine gäbe. Geleitet wurde die Veranstaltung von Daniel Barben, Professor für Politische Wissenschaft an der RWTH Aachen mit dem Schwerpunkt Zukunftsforschung.

Einig waren sich die Teilnehmer darüber, dass es nicht diese eine Zukunft gibt, sondern mehrere Zukünfte. Zukunft ist nur im Plural zu haben, denn alles Zukünftige kann bloß vom jetzigen Wissensstand aus betrachtet werden. Und Prognosen aus der Gegenwart für das, was kommen wird, lassen mehr als nur eine Zukunft zu. Von diesen prognostizierten Zukünften wird eine Zukunft möglicherweise eintreffen – oder auch nicht.

Um ein Beispiel zu liefern: Das Intergovernmental Panel of Climate Change erstellt verschiedene Szenarien für den Anstieg des Meeresspiegels bis zum Jahr 2100. Die Spannweite reicht von 18 bis 59 cm über dem jetzigen Stand. Anno 2011 müssen wir uns also die Welt der Zukunft sowohl mit einem um 18 cm als auch mit einem um 59 cm erhöhten Meeresspiegel vorstellen. Dies impliziert allerdings gleichzeitig, dass Zukünfte nicht beliebig offen sein können, sondern nach bestem Wissen und Gewissen prognostiziert werden müssen. Sie können modelliert und analysiert werden, oder wie es Rob Hagendijk von der Universität Amsterdam formulierte: „There is no true prediction, just modelling and forecasting“. Dies war ein bestimmender Leitsatz für die nächsten drei Tage.

Verabschiedung von Wahrheit

Die Soziologin Barbara Adam von der Universität Cardiff gab gleich in der ersten Session zu erkennen, dass Normativität und Objektivität keinen Widerspruch mehr darstellen und dass wir unser Handeln nicht solange aufschieben können, bis wir absolutes Wissen über einen Sachverhalt, etwa über den Klimawandel, gewonnen haben. Wissen bietet keine soziale Stabilität und ist selbst Teil von Unsicherheit und Unbeständigkeit. Handeln und Entscheiden unter Unsicherheit verlangt jedoch, dass Wissen über Unwissen kommuniziert wird. Die Aufgabe von Zukunftsforschung sei es daher, den Analyserahmen so zu gestalten, dass diverse Expertisen aus unterschiedlichen Fachgebieten zu einer Thematik eingeholt werden, um bestehende Probleme in Zukunft besser bewältigen zu können.

Die Frage, was Expertise und wer ein Experte ist, wurde in der folgenden Session kontrovers diskutiert. Der Politikwissenschaftler Emanuel Richter von der RWTH Aachen verkündete: „There is no pure truth“. Man müsse stets ein gewisses Maß an epistemologischem Skeptizismus an den Tag legen, denn kein wissenschaftlicher Experte kann uns sagen, was wir zu tun haben. Dies obliegt immer den Werturteilen von handelnden Subjekten. Darüber war man sich auch noch einig, doch ob man klare Kriterien festlegen kann, wann jemand als Experte zu bezeichnen ist und welche Kriterien an die Bewertung von Expertise gelegt werden, darüber herrschte keine Einigkeit. Einige Wissenschaftler waren der Ansicht, es gäbe eine eindeutig definierte Trennlinie zwischen Laien und Experten, andere wiederum gingen lediglich von einer graduellen Abstufung zwischen beiden aus. Unbestritten bleibt, dass die Lösung zukünftiger Probleme der Expertise aus Wissenschaft, Politik und Ökonomie bedarf und dass man auf partizipative Strategien unter Einbindung von Bürgern vertrauen muss, um erfolgreich handeln und Zukunft gestalten zu können.

Raus aus dem Elfenbeinturm, Grenzen sprengen

Am zweiten Tag wurden deshalb Problembereiche aufgriffen, die für die Zukunftsgestaltung von erheblicher Bedeutung sind. Clark Miller von der Arizona State University klagte über eine fehlende Vorbildfunktion von Ingenieuren in der Öffentlichkeit. Auf die Frage nach den Ingenieuren oder Bauherren berühmter Gebäude ernte er meist nur Schweigen, so Miller. Es fehlt also an Leitbildern, um gerade Ingenieurstudiengänge attraktiver zu machen, aber auch an Anreizen für Sozialwissenschaftler, sich mit wissenschaftlich-technischen Fragen zu befassen. Abhilfe schaffen könnten cross-disziplinäre Studiengänge, wie von dem emeritierten Sozialwissenschaftler Arie Rip aus Enschede vorgeschlagen. Dies war Kernthema der Session über „Training & Teaching in Cross-disciplinary S&T Studies“. Gerade Masterstudiengänge könnten das gemeinsame Studieren von Ingenieuren und Sozialwissenschaftlern ermöglichen, doch dies ist gerade in Deutschland noch Zukunftsmusik.

Einen weiteren Streitpunkt stellte der unvermeidliche Begriff der Nachhaltigkeit dar, der zunächst einmal vollkommen unbestimmt ist, mit dem sich jedoch manch ein Politiker schmücken möchte. Das gilt freilich nicht für die Wissenschaftler der Zukunftsforschung, die sich gerade an einer Bestimmung und Eingrenzung dieses Begriffes versuchen. Wobei diejenigen enttäuscht werden, die eine klare Antwort erwarten. Nachhaltigkeit kann nur heißen, sich von zu strikten Zielbestimmungen zu verabschieden und sich eher auf Prozesse zu konzentrieren, die es erlauben, eine Verbesserung der Lebensqualität zu erzielen. Da so etwas niemals objektiv beurteilt werden kann, ist auch hier wieder eine gesellschaftliche Perspektive notwendig, was die Einbindung der Bürger erfordert. Und dies nicht nur national, sondern über nationalstaatliche Grenzen hinweg. Da liegt die Vermutung nahe, dass man in diesem Punkt in der Wissenschaft weiter ist als in der Politik, wo ein Rückfall zu Nationalismen droht und man ab und an lieber Sonderwege geht.

Post-normale Wissenschaft statt blindem Aktionismus

„Wer ist nun verantwortlich für unsere Zukunft und unsere Zukünfte in den kommenden Jahren und Jahrzehnten?“, so eine abschließende Frage des dritten und letzten Tages. Wissenschaftler müssten ein „Engagement Program“ entwerfen, so der Physiker Wiebe Bijker von der Universität Maastricht. Es gilt somit, ins Feld zu gehen, bei den Unternehmen vorbeizuschauen und die Bevölkerung mitzunehmen. Klingt aktionistisch und nicht nach Wissenschaft? Ist es aber. Post-normale Wissenschaft nennt sich das heute. Der Workshop hat gezeigt, dass Wissenschaft nicht mehr im Elfenbeinturm stattfindet und stattfinden darf. Ansonsten würde Wissenschaft ähnliche Akzeptanzprobleme bekommen wie unsere repräsentative Demokratie, und das wäre nicht gut. Hoffen wir das Beste!

Mit dieser Erkenntnis geht ein fruchtbarer Workshop zu Ende. Er hat gezeigt, dass noch einiges an Arbeit von den Zukunftsforschern zu bewältigen ist. Die Arbeit hat jedoch schon jetzt begonnen. Wichtige Aspekte aus unterschiedlichen Blickwinkeln kamen auf dem Tisch, sodass der Workshop in Aachen als voller Erfolg gewertet werden muss.


Die Bildrechte liegen bei Elke Saur, M.A., RWTH Aachen


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