Der Mafia-Insider

Die Mafia wird in Filmen oft als verruchte Organisation dargestellt, voller Gangster in Maßanzügen. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Pippo Battaglia und Leoluca Orlando geben „Einblick in die Wirklichkeit der skrupellosesten Geschäftemacher“ – Der italienischen Mafia. Von Steven Carthy

Bei Büchern über die Mafia denken viele zumeist an Gangstergeschichten skrupelloser Verbrecher wie in Francis Ford Coppolas Der Pate oder Sergio Leones Es war einmal Amerika. Daneben gibt es aber auch zahlreiche Versuche, die Mafiathematik wissenschaftlich oder historisch aufzuarbeiten. Das Buch Leoluca Orlando erzählt Die Mafia gehört eher zur Kategorie der journalistischen Texte über die italienische Mafia, von denen man sich spannende Hintergrundberichte erwartet. Zumal Leoluca Orlando als langjähriger Bürgermeister Palermos, Politiker und bekannter Mafiagegner über ein profundes Wissen über die Mafia verfügt.

Eine Abfolge isolierter Einzelereignisse

Dieses Wissen Orlandos kommt zwar im Buchdurchaus zur Geltung, da es aber ein einziges langes Interview des italienischen Journalisten Pippo Battaglia mit Orlando ist, kommen Zusammenhänge teilweise nur mit etwas Eigenrecherche heraus. In den meisten Fällen leiten die erläuternden Abschnitte Battaglias die nachfolgenden Interviewpassagen gut ein, aber der Ablauf der Geschehnisse bleibt dennoch eher inkohärent. Einzelheiten wie das Massaker von Capaci – der Anschlag auf den Juristen und Kämpfer gegen die Mafia, Giovanni Falcone – oder die Verhaftung des Mafiabosses Totò Riina werden isoliert betrachtet, ohne sie in einen Zeitverlauf einzuordnen.

Der Anspruch der Autoren ist es nicht, „die Mafia in all ihren Nuancen auszuleuchten“. Daher werden nur einzelne Ereignisse diskutiert. Laut Orlando sei es „unausweichlich eine Auswahl zu treffen und zu entscheiden, was wir wirklich behandeln und was wir nur streifen wollten“. Die Komplexität der Mafia mit all ihren verschiedenen Clans und Gruppierungen macht dies ohne Frage schwierig, ein wenig mehr Zusammenhänge wären dennoch interessant gewesen – sie hätten dem Text mehr Attraktivität verliehen.

Orlando, der Rechtschaffende

Bisweilen anstrengend sind Orlandos Äußerungen darüber, wie sehr er das Recht und die Verfassung achte. Sie ähneln eher der Selbstdarstellung eines Politikers und Juristen, was in einem Buch über die Mafia nicht der Fokus sein sollte. Dass auf diese Weise die Differenz zwischen dem rechtschaffenden Kämpfer einerseits und der rechtsverachtenden Mafia andererseits stärker hervorgehoben wird, ist klar, sollte dem Leser aber eigentlich bereits vor dem Kauf bewusst gewesen sein.

Leoluca Orlando erzählt Die Mafia kann Mafiainteressierten durchaus empfohlen werden, insbesondere, wenn man Einzelereignisse näher studieren will. Als Einsteigerbuch in die Geschichte der italienischen Mafia ist es weniger empfehlenswert, hierzu eignet sich eher Roberto Savianos Gomorrha. Will man sich rein wissenschaftlich mit mafiösen Strukturen auseinandersetzen, so empfiehlt sich Diego Gambettas The Sicilian Mafia.

Pippo Battaglia, Leoluca Orlando: „Leoluca Orlando erzählt Die Mafia“
Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau, 2008
ISBN-13: 9783451298813, 19,95 Euro


Die Bildrechte liegen beim HerderVerlag (Coverfoto) und Andreas Fritsch (Orlando, Creative-Commons-Lizenz).


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