Vom besten Freund zum Feind

Daniel Domscheit-Berg prägte neben Julian Assange lange Zeit das öffentliche Gesicht der Enthüllungsplattform WikiLeaks. Knapp sechs Monate nach seinem Rauswurf durch Assange rechnet der frühere Sprecher von Wikileaks mit der Plattform und ihrem Gründer ab. Von Sarah Kringe

Daniel Domscheit-Bergs Karriere bei WikiLeaks endet dort, wo sie begonnen hat: im Chat. Hier hatte der Deutsche 2007 erstmals Kontakt zu Assange aufgenommen und sich durch mehrere kleine Aufträge schnell in den innersten Kreis vorgearbeitet. Hier war es auch, wo Assange im September 2010 Domscheit-Berg mit den Worten suspendierte: „Daniel has a disease, it’s some kind of borderline paranoid schizophrenia”.  Derart kanzelt der Australier einen seiner engsten, über lange Zeit auch einzigen, Mitarbeiter ab. Die Frustration über diese Eskalation der seit Monaten schwelenden Streitereien und Unstimmigkeiten ist dem Autor von Inside WikiLeaks. Meine Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt auf jeder Seite anzumerken.

Ein Rachefeldzug

Der ehemalige WikiLeaks-Sprecher betont immer wieder, es sei ihm beim Verfassen des Buches nicht um persönliche Rache gegangen, sondern um das hehre Ziel, WikiLeaks an seinen eigenen Maßstäben zu messen. „Wir bei WikiLeaks sagten oft, dass nur eine korrekte historische Aufzeichnung das Verständnis der Welt ermögliche. Ich habe mich entschlossen, […] meinen Teil beizutragen“.

Über weite Strecken fällt das Werk dann aber doch wie ein Racheakt aus. Domscheit-Berg schildert nicht nur die internen Schwierigkeiten, die der Website schon kurz nach ihrer Gründung und bis zum heutigen Tag zu schaffen machen. Er verliert sich auch in Details über Julian Assanges Angewohnheiten und Merkwürdigkeiten, beispielsweise in der Leberkäse-Episode: Domscheit-Bergs Schilderung, wie Assange mit den Händen Leberkäse isst und sich dieselben zum Entsetzen seines Gastgebers an seiner ohnehin schon speckigen Hose abwischt, kann kaum sachlich-distanziert genannt werden.

Hybris eines Einzelgängers?

Der Autor wirft seinem ehemals besten Freund immer wieder Paranoia und Überheblichkeit vor, scheint vor letzterer aber selbst nicht ganz gefeit. Er lässt keinen Zweifel daran, dass das gesamte Projekt in den ersten Jahren allein auf seinen und Assanges Schultern ruhte. Außer zwei Technikern habe es nur sie beide gegeben, die einen Löwenanteil der Arbeit erledigt hätten. „Ich habe […] an den Hebeln der Macht gespielt“ verkündet Domscheit-Berg wenig bescheiden bereits im Vorwort.

In einem Interview mit dem Berliner Tagesspiegel vom Februar 2011 klingt das etwas anders: Bradley Manning , der US-Soldat, der WikiLeaks vermutlich das Collateral-Murder-Video sowie die Botschaftsdepeschen zuspielte, sei der eigentliche Held. „Doch über ihn wird kaum berichtet, das finde ich grundfalsch“, kritisierte Domscheit-Berg. In „Inside WikiLeaks“ räumt er dem Whistleblower Manning allerdings selbst nur wenig Platz ein. Der Autor begnügt sich mit wenigen Seiten zu Mannings potenzieller Identität als Quelle und einer knappen Schilderung seiner Haftbedingungen. Den weitaus größeren Raum nimmt die Diskussion darüber ein, was dessen Festnahme für WikiLeaks bedeutet und wie sie die „sozialen Defizite“ der Website offensichtlich machte.

Die chaotischste Website der Welt

Allerdings scheint WikiLeaks zeitlebens nicht nur an sozialen Defiziten zu kranken. Weitaus schwerwiegender nehmen sich laut Domscheit-Berg die internen Unstimmigkeiten und die mangelnde Organisation aus. Bereits in der Anfangsphase war das Projekt geprägt von Chaos und einer „schrottreifen Infrastruktur“, die öffentlich zur Schau getragene Maske einer seriösen Organisation mit vielen hundert Mitarbeitern konnte nur mühsam aufrecht erhalten werden.

Gegen den Widerstand seiner Mitarbeiter etablierte sich Assange nach und nach als Alleinentscheider und letzte Instanz in der WikiLeaks-Hierarchie. Von allen Fehlern, die WikiLeaks unterlaufen sind, ist dies vermutlich der schwerwiegendste. Denn damit ist das Bestehen des Projekts an das private Schicksal seines Gründers geknüpft. Dessen juristische Probleme haben WikiLeaks bereits erheblich geschadet.

Alles in allem ist die Seite derzeit in einem desolaten Zustand. Nach dem Ausscheiden des „Architekten“, des obersten Programmierers und Technikers, sei es nicht gelungen „die Infrastruktur wieder auf die Beine zu stellen“, schreibt Domscheit-Berg. Eine kurze Prüfung zeigt, dass es momentan nicht möglich, über das Submission-System neue Dokumente einzureichen oder die Organisation über den Chat zu kontaktieren.

Düstere Aussichten für WikiLeaks

Domscheit-Bergs Buch lässt, trotz aller Enthüllungen, doch einige Fragen offen und nicht nur die, die der Autor selbst am Schluss stellt. Welcher Art ist das Material, das derzeit noch bei Domscheit-Bergs OpenLeaks-Plattform liegt? Der Leser erfährt auch nicht, was sich in der geheimnisumwobenen Insurance-Datei befindet, die Assange vor seiner Festnahme verbreiten ließ. Diese Geheimniskrämerei ist angesichts der „Mission Transparenz“ kaum nachvollziehbar.

Immerhin vermittelt der Autor, und das ist wahrscheinlich der große Verdienst von „Inside WikiLeaks“, eine Zukunftsprognose für WikiLeaks: Die Website und ihr Gründer scheinen derart eng verbunden, dass man vermuten kann, dass sich das Projekt ohne Assange an seiner eigenen Chaotie abarbeiten wird. Von der „gefährlichsten Website der Welt“  scheint man derzeit kaum sprechen zu können. Domscheit-Bergs Schilderungen erwecken beim Leser den Eindruck, als ob momentan nicht mehr viel von WikiLeaks zu erwarten sei. Zumindest nicht solange, wie Assange mit privaten juristischen Problemen konfrontiert ist.

„Inside WikiLeaks“ ist gute Unterhaltung, leider mit wenig Brisanz. Fundierte Hintergrundinformationen zu WikiLeaks und seiner Geschichte finden sich  eher im Buch der Spiegel-Journalisten Marcel Rosenbach und Holger Stark.

Daniel Domscheit-Berg: “Inside WikiLeaks. Meine Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt ”
Econ Verlag, Berlin, 2011, 304 Seiten
ISBN 3430201217, 18 Euro


Die Bildrechte liegen bei Andreas Gaufer (Domstein-Berg, Creative-Commons-Lizenz), „mar is sea Y“ (Plakat, Creative-Commons-Lizenz), New Media Days (Assange, Creative-Commons-Lizenz) sowie beim Econ-Verlag.


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