Ambivalenter Banker Schacht

Das Leben Hjalmar Schachts, dem Reichsbankpräsidenten und Wirtschaftsminister unter Adolf Hitler, wurde oft moralisch aufgeladen dargestellt. Christopher Kopper ist es zu verdanken, dass jetzt ein differenziertes Bild des kompetenten aber opportunistischen Bankiers vorliegt. Von Christoph Rohde

Christoph Kopper, Wirtschaftshistoriker an der Universität Bielefeld, hat mit Hjalmar Schacht. Aufstieg und Fall von Hitlers mächtigstem Bankier eine Biografie vorgelegt, deren Erkenntnisse nicht nur von historischem Nutzen sind. Denn Kopper gelingt es, volkswirtschaftliche und politische Zusammenhänge so darzustellen, dass sie selbst für die Analyse der Bankenkrise der Gegenwart von Nutzen sein können. So stellt die Biografie gleichzeitig eine spannende Wirtschaftsgeschichte des deutschen Reiches vor und während der Weltkriege dar.

Das Herunterhandeln der Reparationen

Nachdem er den Karriereweg Schachts kurz und prägnant dargestellt hat, zeigt Kopper, dass Schacht die hohen Kriegsziele der deutschen Politiker vor dem Ersten Weltkrieg begeistert mittrug. Nach dem Krieg musste er zu den deutschen Nationalisten gezählt werden, die die Verschwörungstheorie der Dolchstoßlegende unterstützten. Dennoch bleibt Kopper in seiner Darstellung differenziert. Der Wirtschaftshistoriker würdigt die Leistungen Schachts bei der Einführung der Rentenmark nach der Inflation 1923 und seine Überzeugungskraft gegenüber den Alliierten, die Reparationszahlungen zu reduzieren. Die Bemühungen des Bankers führten zu reduzierten Reparationsforderungen, die in den Dawes–  und Young-Plänen festgelegt wurden. Schachts ökonomische Kompetenz strahlte weltweit aus. Das beweist Kopper mit Hilfe der Darstellung von dessen umfangreichen Beziehungen nach Europa und in die USA. Im Jahr 1930 jedoch rückte Schacht vom Young-Plan ab und baute immer engere Kontakte zur rechten Opposition auf.

Das Abdriften nach Rechts…

Sein erstes Treffen im Jahre 1931 mit Hermann Göring war bereits von entscheidender Bedeutung für die Annäherung Schachts an die Nationalsozialisten. Auch Hitler war zugegen, den der ehemalige und zukünftige Reichsbankpräsident als „vernünftige Person“ empfand. Deshalb vertraute Schacht Hitler gerade, als es darum ging, kompetente Juden in hohen wirtschaftlichen Ämtern zu belassen. Denn lokale Nationalsozialisten hatten, ermutigt von den Nürnberger Gesetzen, begonnen, jüdische Händler und Unternehmer eigenmächtig zu tyrannisieren und aus ihren Ämtern zu treiben. Kopper zeigt in überzeugender Weise, dass Schachts dehnbarer Charakter auch in Bezug auf die Judenfrage voll zum Tragen kam. Äußerte er sich gegenüber nationalsozialistischer Prominenz despektierlich gegenüber „den Juden“, um spontane Anerkennung zu ernten, so versuchte er, die seinen Wirtschaftsbeziehungen nützlichen Juden in ihren Positionen zu protegieren, in den ersten Jahren sogar mit Erfolg. Doch auch die Arisierungspraxis der Nationalsozialisten nutzte Schacht zum eigenen Vorteil aus.

Anbiederung an die Macht

Eine explosive Mischung aus außergewöhnlichem Talent und unstillbarem Ehrgeiz ließen Schacht zu einem gnadenlosen Opportunisten werden. Zwar verteidigte er eifersüchtig und mit Erfolg das Feld seiner Kernkompetenz als Präsident der Reichsbank und später auch als Reichswirtschaftsminister, doch Schacht unternahm bis zum Jahr 1937 nichts, um die schuldenfinanzierte Aufrüstung der Nationalsozialisten einzudämmen. Kopper zeichnet die Kreativität Schachts bei der Konzipierung von Anleihen für die nationalsozialistische Aufrüstung nach. Zwar bekam Schacht aus makroökonomischen Gründen ab einem bestimmten Zeitpunkt Bedenken ob der Verschuldungspolitik Hitlers. Doch auf Hitlers Frage, welchen Betrag die Reichsbank als Kredit für Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und die Aufrüstung bereitstellen könnte, hatte Schacht unvorsichtig geantwortet: „Jeden Betrag, mein Führer!“ Diese Blankovollmacht bereute Schacht bereits 1937 inständig. Sein Glaube, Hitlers inflationärer Aufrüstung jederzeit Einhalt gebieten zu können, betrachtet Kopper als einen der zentralen Fehleinschätzungen des Bankiers.

Die Exit-Strategie: „Ich war Widerständler“

Im Kapitel „Nonkonformismus, Opposition und Widerstand“ stellt Kopper den mehr erzwungenen als freiwilligen Einstellungswandel Schachts dar, als Hitler rücksichtslos den großen Krieg ansteuerte. Bereits 1937 war Schacht als Reichswirtschaftsminister zurückgetreten und suchte ab Mitte 1938 Kontakt zur Opposition um Generalstabschef Franz Halder. Als Hitler Schacht im Januar 1939 auch noch als Reichbankpräsident entließ, bedeutete dies jedoch keineswegs, dass Schacht mit Hitler vollständig gebrochen hätte. Kopper zeigt, dass Schacht die Entwicklungen des Krieges aus einer Art Halbdistanz abwartete: „Sein Handeln war immer noch ambivalent: Während er weiter bereit war, Hitler in kritischer Loyalität zu dienen, konspirierte er gegen Hitlers Kriegspolitik.“ (S.344)

Einige Persönlichkeiten des konservativen Widerstands wie Ulrich von Hassell zweifelten jedoch an der Glaubwürdigkeit Schachts. Der halbherzige Widerständler Schacht wurde ins Konzentrationslager Flossenbürg verbracht und überlebte dieses Lager als „Prominenter“ mit Glück, in dem Dietrich Bonhoeffer noch kurz vor Kriegsende hingerichtet wurde. Aufgrund seiner Rolle bei der Finanzierung der Aufrüstung stand Schacht vor dem Nürnberger Strafgerichtshof, wurde aber auch hier freigesprochen, weil man ihm nicht mehr anlasten konnte als Franz von Papen, dem schon vorher freigesprochenen Ex-Reichskanzler.

Mehr als eine Biografie

Kopper hat erstmals Akten, Redeentwürfe und private Papiere von Schacht verarbeitet, die lange unzugänglich in DDR-Archiven und in Moskau verborgen waren.  Seine Studie über Schacht beinhaltet weit mehr als die Biografie über eine historisch umstrittene Person, deren Erfolg einer eigentümlichen Synthese aus Ausnahmetalent und enormem Opportunismus geschuldet war. Die Darstellung der Währungsprobleme eines sich stark verschuldenden Landes erlauben Lektionen für die Analyse der Euro-Krise, die ebenfalls als Schuldenkrise darstellbar ist. Denn die kreative Einführung von Anleihen ähnelt der neuerdings stabilitätsfeindlichen Offenmarktpolitik der Europäischen Zentralbank. Eine Serie von Bildern in der Mitte des Werkes helfen dem Leser, sich die Mentalitäten der Zeit besser vorstellen zu können. Das Buch erschließt anspruchsvolle Zusammenhänge und ist dennoch gut verständlich und damit für einen breiten Leserkreis zu empfehlen.

Christopher Kopper: „Hjalmar Schacht. Aufstieg und Fall von Hitlers mächtigstem Bankier“
DTV Verlag, München, Stadt, 2011, 464 Seiten
ISBN 978-3-423-34608-5, 12,90 Euro


Die Bildrechte liegen beim Autor (Grab) und beim Deutschen Taschenbuch Verlag (Cover).


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