Falscher Bart im Visier?

Der Anti-Terror-Krieg des Westens scheint sich auf falscher Fährte zu befinden. Er hält einen „falschen Bart“ im Angesicht des Islam für den echten: Der Westen greift zu kurz, wenn er die Ursachen des Terrors in einer geschlossenen islamischen Welt sucht. Und scheinbar „gemäßigte“ Regierungen werden vom Westen unterstützt, obwohl sie den Islamismus fördern. Von Karin Kranich

Diesen fast unglaublichen Thesen begegnet man in Marc Thörner Buch Der falsche Bart – Reportagen aus dem Krieg gegen den Terror. Der Geschichts- und Islamwissenschaftler berichtet auf gut 150 Seiten von seinen Reisen zu den Brandherden der Welt und informiert sachkundig und hintergründig über die politischen Gegebenheiten der besuchten Länder.

Thörner arbeitet seit Beginn des „Krieges gegen den Terror“ Ende 2001 als Journalist für verschiedene Nachrichtensender, besonders für die ARD. Häufig ist er, des Arabischen mächtig, im Nahen und Mittleren Osten unterwegs gewesen. Seine Recherchen erstreckten sich auf den Irak, Afghanistan, Ägypten, Marokko, Algerien, Tunesien und Pakistan. Jedem dieser Länder hat er ein Kapitel seines Buches zugeordnet. Sie sind facettenreich angelegt und lesen sich außerordentlich spannend.

Geschichte voller Blut

Das erste Kapitel ist dem Krisengebiet Irak gewidmet. Seine wechselvolle und doch immer gleiche von Gewalt und Blutvergießen bestimmte Geschichte wird präsent. „The history book on the shelf is always repeating itself“, zitiert ein irakischer Journalist den „Waterloo“- Song der schwedischen Band ABBA. Auch jetzt wieder, da Sunniten und Schiiten gegeneinander und die Besatzungsmacht kämpfen, herrschen Angst und Verunsicherung, so dass der irakische Gesprächspartner seinen Namen lieber nicht öffentlich sehen möchte. Nach Saddam Husseins Hinrichtung sind die Amerikaner dabei, eine „neue“ Strategie zu entwickeln, um weitere Fehler zu vermeiden. Inzwischen ist seitens der politischen und militärischen Führung angesagt, Aufstände zu bekämpfen. Das Fernziel: aus den Besetzten sollen Freunde werden. Das besiegte Land verwandelt sich demnach in eine Gastnation, kurz HN (Host Nation) genannt. Die Grundlagen dafür sind in einer Handreichung des US-Militärs, dem Counter Insurgency Manual, niedergelegt, was deutlich macht, wie brennend die Probleme sind. Darüber hinaus schildert Thörner seine Fahrten und Kontakte mit Militärs und Einheimischen vor Ort, so dass sich dem Leser ein Bild von der äußerst komplizierten Lage im kriegs- und krisengeschüttelten Irak vermittelt.

Vordenker von anno dazumal

So stellt der Autor fest, dass die religiös-politischen Grundlagen für die fundamentalistische Haltung vieler heutiger islamistischer Prediger im Geistesleben des alten Europa verwurzelt sind. Denn die Bildung ihrer Vordenker vollzog sich „eher europäisch-säkular als islamistisch“, so Thörner im Vorwort. Die antimodernistische Haltung etlicher Philosophen und Schriftsteller in Frankreich, England und Deutschland, die im 19. und 20. Jahrhundert sowohl dem Nationalsozialismus als auch dem Faschismus den Weg bereitete, fand Eingang in islamische Denkmodelle. Nicht nur in der Dschihad-Bewegung, sondern ebenso in der Märtyrer-Idee kann die Weiterentwicklung okzidentalen Gedankenguts verfolgt werden. Diese Zusammenhänge zu erkennen, ist der erste Schritt, das kompakte Feindbild des angeblich aus sich entstandenen Islamismus aufzulösen. Sodann wird es möglich, politisches Handeln viel differenzierter auszuführen.

Fortlaufende Fehlhandlungen

Thörner beleuchtet in den jeweiligen Landeskapiteln kritisch die bisherige Politik der westlichen Länder, die allzu oft nur taktisch angelegt war und auch gegenwärtig langfristige Strategien vermissen lässt. Er kritisiert die mangelnde Bereitschaft europäischer Staaten, mit den durchaus vorhandenen demokratischen Reformatoren der arabischen Welt zusammenzuarbeiten. Hier „rationaler Westen“, da „traditionsverhaftete islamische Welt“ – dieses Klischee erschwert massiv die notwendige Umkehr in der westlichen Politik, wie der Autor an zahlreichen Beispielen belegt.

Dazu gehören die Maghreb-Länder, von denen Marokko in seiner fatalen politisch-kulturellen Identitätskrise die meisten Selbstmordattentäter stellt. Ein anderes Beispiel ist Tunesien: Das Land wird seit 20 Jahren von einem autoritären, äußerst demokratiefeindlichen Regime beherrscht, das durch seine polizeistaatliche Struktur selbst den Islamismus fördert, den Kampf gegen ihn dann aber geschickt zu seiner Rechtfertigung benutzt, so die Einschätzung Thörners. Obwohl keine Opposition im Lande möglich ist, auch Amnesty International durch ständige Präsenz von Polizei und Geheimpolizei an einer Berichterstattung gehindert wird, fördert die EU ihren, wie sie meint, wirtschaftlich und bildungspolitisch stabilen Partner.

Wie in Marokko, spielen auch in Algerien als ehemaliger französischer Kolonie die französische Politik und Wirtschaft eine bedeutende Rolle. Thörner berichtet über groß angelegte Vorteilsnahmen französischer Industrieller mit Hilfe von Schmiergeldern an die algerische Elite. Algerische Generäle, die gegen die 1991 gewählte Islamische Heilsfront, die die Ausbeutung Algeriens beenden wollte, putschten, hingen eng mit dem französischen Geheimdienst Direction Générale de la Sécurité Extérieure (DGSE) zusammen. Die Traumata der gewaltsamen Auseinandersetzungen dieser Zeit mit 200.000 Toten können nicht öffentlich verarbeitet werden, weil wiederum Frankreich und Algerien gemeinsam ein UNO-Tribunal verhindern.

Neokolonialismus oder was?

Man erfährt auch, wie die Regierungen Ägyptens und Pakistans mit westlicher Unterstützung umgehen. Durch Recherchen vor Ort, die Hintergründiges aufgrund aufschlussreicher Begegnungen absichern und mit wissenschaftlichen Erläuterungen untersetzt werden, vermag der Autor den Leser anzuregen, das gängige Bild westlicher Politik gegenüber der islamischen Welt in Frage zu stellen. Der falsche Bart müsse abgerissen werden, lässt Thörner eine tunesische Journalistin zu Wort kommen. Den Terror selbst zu fördern, ist der falsche Weg. Drohungen gegenüber den Diktatoren sind jedoch nicht angebracht, sondern gefragt ist Hohe Diplomatie, meint Thörner.

Der Westen sollte sich klarmachen, dass Entwicklungshilfe nötig und willkommen ist, jedoch nicht im Geist des Neokolonialismus. Thörners Befürchtung: Sollten hinter all den meist nicht ausreichenden Aufbauhilfen der westlichen Industriestaaten am Ende doch „massive wirtschaftliche und geostrategische Interessen“ stehen?

Wenn der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier während seines aktuellen Besuchs in Afghanistan kritisch seine Stimme gegen die Pakistan-Politik der westlichen Länder erhebt (so am 26.07.2008 in der Tagesschau) und ein differenziertes Hinschauen einfordert, treffen seine Aussagen die Intentionen Marc Thörners.

Thörner, Marc,
Der falsche Bart, Reportagen aus dem Krieg gegen den Terror,
(2008), Hamburg, Edition Nautilus,
160 S., ISBN 978-3-89401-557-2, 13,90 Euro


Die Bildrechte liegen bei der Edition Nautilus. Der Verlag im Internet


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