Leere im Urlaubsparadies

Während in Tunesien die politische Lage weiter angespannt ist, herrscht in den Touristenstädten des Mittelmeerlandes eine ungewohnte Stille. Nach den hektischen Rückholaktionen europäischer Reiseveranstalter sind leere Hotels, geschlossene Restaurants und verwaiste Strände zurückgeblieben. Aus Tunesien berichtet Raphael Thelen

Am Strand von Sousse drängeln sich eigentlich zu jeder Jahreszeit Touristen. Sie flanieren entlang der Promenade oder genießen ihre Zeit am Meer. Seit einigen Tagen sind die Besucher jedoch beinahe komplett verschwunden. An ihre Stelle ist ein grüner Armeetruck gerückt; Soldaten kontrollieren vorbeifahrende Autos. Nach Sonnenuntergang hat die Regierung eine allgemeine Ausgangssperre verhängt und vor den Hotels sind Tag und Nacht Sicherheitskräfte postiert. Statt europäischer Touristen füllen abends junge tunesische Männer die Straßen, um ihre Viertel vor Plünderern zu schützen.

Tunesiens Wirtschaft lebt vom Tourismus

Tourismus ist eine der drei wichtigsten Einnahmequellen Tunesiens. Allein eine halbe Millionen Deutsche besuchen das Land jedes Jahr. Hinzu kommen Franzosen, Engländer und neuerdings auch viele Osteuropäer. Doch damit dürfte es jetzt erst einmal vorbei sein. „Von unseren 280 Gästen vergangene Woche sind nur noch 15 bis 20 da. Der Rest ist abgereist“, sagt Peter Schöneberger. Der Schweizer ist Manager eines der besten Hotels in Sousse. „Auch die Buchungen für die nächsten Wochen wurden storniert.“ Für die tunesische Wirtschaft ist das ein harter Schlag. In manchen Orten an der Küste lebt so gut wie jeder von dem Geld der Europäer – als Hotelangestellter, Kellner oder Ladenbesitzer. Allein in Schönebergers Hotel sind 480 Menschen beschäftigt.

Bei einem Bombenanschlag auf der beliebten tunesischen Ferieninsel Djerba im Jahre 2002 starben auch mehrere deutsche Touristen. Die Besucherzahlen brachen daraufhin ein und haben sich nie mehr ganz erholt. „Die Reiseveranstalter werden jetzt versuchen, die Preise der Hotels zu drücken. Die Hoteliers werden mitmachen und versuchen zu retten, was zu retten ist“, schätzt Schöneberger die Lage ein. Bis sich der Tourismus vom jetzigen Schlag erholt hat, wird es aber wahrscheinlich anderthalb bis zwei Jahre dauern. Bis dahin rechnen die Hotels in Sousse mit 50 Prozent weniger Gästen.

Reiseveranstalter schürten Panik unter den Gästen

Hans-Joachim Zsiegners, der sich trotz der Rückholaktionen der Reiseveranstalter entschieden hat zu bleiben, schaut sich in der leeren Lobby seines Hotels um: „Von den ursprünglich 150 deutschen Gästen sind nur noch acht übrig. Der Rest hat sich in aller Eile ausfliegen lassen.“ Der 67-Jährige Biologe lässt sich von der Panikmache der Reiseveranstalter jedoch nicht verunsichern: „Ich bin bis jetzt in keine ernsthaft gefährliche Lage gekommen. Und darum bleibe ich auch hier.“

Auch Karsten Krause aus Berlin hat sich von der Situation nicht erschrecken lassen. „Ich war während der Proteste auf der Straße und habe mit Demonstranten und Soldaten gesprochen, das war alles kein Problem.“ Die Tourismusbranche wurde wie schon bei den Anschlägen 2002 von den Unruhen überrascht. „Keiner hat die Indizien gesehen, wir haben nicht mit solchen Unruhen gerechnet“, sagt Schöneberger, der sein Hotel erst im vergangenen April eröffnet hat.

Neben dem Tourismus lebt die tunesische Wirtschaft von Industriebetrieben und der Landwirtschaft. Brechen die Besucherzahlen jedoch zu stark ein, könnte sich gerade jenes Problem verschärfen, dass zu den Unruhen geführt hat: Die hohe Arbeitslosigkeit.

Lesen Sie den zweiten Teil über die Unruhen in Tunesien hier.


Die Bildrechte liegen bei Raphael Thelen. Bilder des Umsturzes in Tunesien finden Sie in seiner flickr-Bildergalerie.


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