Revolution zwischen den Blumenkübeln

Sie verteidigen ihre Revolution. Was als Aufstand gegen das Regime begann, schlägt zunehmend in Anarchie um. In ganz Tunesien haben junge Menschen sich zu Bürgerwehren zusammen getan und verteidigen ihre Viertel gegen Plünderer. Im gelben Licht der Straßenlaternen versammelten sie sich an Straßenecken und Kreuzungen, um Eindringlinge und Fremde zu vertreiben und um Übergriffe zu verhindern. Aus Tunesien berichtet Raphael Thelen

Tags zuvor machten Geschichten von Plünderungen und Schießereien die Runde in der Bevölkerung. Das Militär, das traditionell auf Seiten der Bevölkerung steht, hatte zuvor an vielen Orten Straßensperren errichtet und zahlreiche Polizisten verhaftet. Viele von ihnen hatten Waffen bei sich und versuchten offensichtlich die Hauptstadt zu verlassen.

Währenddessen kursierten auf Facebook Fotos von Uniformierten, die in Geschäfte einbrechen und in Polizeifahrzeugen fliehen. Teile der Präsidentengarde sollen ebenfalls in die Überfälle verwickelt sein. Das Militär riet der Bevölkerung ihre Türen für die Nacht geschlossen zu halten und vor allem nicht der Polizei zu öffnen. Doch auch durch Demonstranten kam es während der Proteste zu Plünderungen. Zur Freude der Menschen hatte die Feuerwehr tagsüber den Schriftzug am neuen Flughafen in Endfidha entfernt – er war benannt nach dem Ex-Präsidenten: „Zine el Abidine Ben Ali-Airport“.

Misstrauen gegen die Polizeikräfte

Doch die aufgebrachten Aufpasser hatten anderes im Kopf. Viele von ihnen trugen weiße T-Shirts, um sich als Teil der örtlichen Bürgerwehr zu kennzeichnen. Entlang der großen Kreuzung bauten sie Barrikaden aus allem was greifbar war – Blumenkübel, Steine, Bretter. Selbst für Sicherheitskräfte war kein Durchkommen.

Vertrauen hat die Bevölkerung derzeit nur zu den grün-uniformierten Soldaten. Zu tief hat sich Korruption und Komplizenschaft in die anderen Sicherheitsorgane gegraben. Wo immer ein weißer Polizei-Pickup auftauchte, formierten sich die weiß-gewandeten Jugendlichen und schwangen entschlossen ihre Knüppel.

Sorge um die Sicherheit

Das Misstrauen gilt auch der neuen Führung. Der kurzzeitige Interimspräsident und amtierende Premierminister Ghannouchi gilt nicht als korrupt, doch durch seine jahrelange Nähe zum Ex-Präsidenten Ben-Ali genießt er keinerlei Vertrauen. Der derzeitige Interimspräsident gilt als enger Gefolgsmann Ben-Alis. In 60 Tagen soll es Wahlen geben, doch keiner weiß wie diese ablaufen sollen: „Die Zeit ist zu kurz. Wir kennen die politischen Programme nicht und auch die Kandidaten kennen wir kaum“, sagt Abdou, ein Ingenieur aus Sousse. Derzeit hoffen die Menschen, dass es eine Einheitsregierung geben wird. Manche können sich auch vorstellen, dass Mitglieder der alten Regierung daran teilnehmen – vorausgesetzt sie „haben kein Blut an ihren Händen“, so Abdou.

Doch solche Themen spielen für die meisten Menschen im Moment nur eine untergeordnete Rolle, sie sorgen sich vor allem um ihre Sicherheit. „Wir versuchen unsere Familien, Häuser und Geschäfte zu beschützen“, sagt Rym, Mutter von zwei Kindern. In vielen Städten waren die ganze Nacht über Schüsse zu hören. Bei jedem lauten Geräusch zuckten die Menschen in ihren Häusern zusammen. Hubschrauber kreisten im Tiefflug über Tunis.
Falls es der Armee nicht gelingt, die Situation unter Kontrolle zu bringen, droht dem Land Chaos. „Dann können uns nur noch Blauhelme helfen“, so Abdou. Für realistisch hält er das jedoch nicht, er zählt auf die Bürgerwehren.


Die Bildrechte liegen bei Raphael Thelen. Weitere Bilder des Umsturzes in Tunesien finden Sie in seiner flickr-Bildergalerie.


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