Robert Enkes radikaler Abschied

Der Suizid des deutschen Nationaltorwarts Robert Enke vom 10. November 2009 hat zu einer beispiellosen Anteilnahme geführt. Die jetzt von einem Freund geschriebene Biographie über Enke ermöglicht bewegende Einblicke in die oft unterschätzte Krankheit Depression. Von Christoph Rohde

Ronald Reng, Verfasser der Biographie Robert Enke – Ein allzu kurzes Leben, war ein enger Freund des Torwarts. Eigentlich wollte Robert Enke seine Biographie mit Reng gemeinsam schreiben, aber er hatte nicht mehr die Kraft dazu. Mit Hilfe zahlreicher Wegbegleiter Enkes, allen voran seiner Frau Teresa, werden die Krisen, aber auch gute Phasen in seinem Leben dargestellt. Sichtbar wird in beklemmender Weise, dass die „einsame“ Position des Torwarts besonders anfällig ist für leistungsbedingte emotionale Krisen.

Die Jugend Robert Enkes weist eigentlich keine Auffälligkeiten auf. Seine Karriere als Torwart beginnt wie die vieler seiner Kollegen. Zufällig wurde sein Torwarttalent entdeckt, obwohl er auch ein begabter Feldspieler war. In einem Duell seines damaligen Vereins mit dem großen Carl Zeiss Jena wurde Enke dann von einem größeren Verein abgeworben. Doch Selbstzweifel quälten bereits den Sechzehnjährigen, der meinte, immer alles richtig machen zu müssen. Sein Vater, selber als Psychologe tätig, kann sich diese extreme Form der übertriebenen Selbstkritik bei seinem Sohn nicht erklären.

Der Abstieg bei Gladbach als Chance

Reng zeigt, dass es für Enke hilfreich war, dass er in einem schwachen Bundesligaverein Erstligaluft schnuppern durfte. Borussia Mönchengladbach hatte den Junioren-Nationalspieler Enke verpflichtet, allerdings als Zukunftshoffnung. Dennoch verfiel der Torwart im langweiligen Mönchengladbach im Januar 1997 in seine erste depressive Phase, die unerkannt vorüberging.

Enke lernte von Gladbachs Nummer eins „Katze“ Kamps die Athletik, nicht jedoch ein modernes Torwartspiel. Aber das Glück half dem 18-Jährigen: Kamps verletzte sich, so dass Enke Stammtorwart in der Saison 1998/99 wurde. Und obwohl er legendäre 2:8- und 1:7-Klatschen gegen Leverkusen und in Wolfsburg hinnehmen musste, konnte sich Enke profilieren. Er trug am wenigsten Schuld an dem desaströsen ersten Abstieg der Borussia, aber natürlich wechselte er den Verein und ging nach Lissabon, wo ihn mit Jupp Heynckes eine Art Vaterfigur protegierte.

Der Tiefschlag von Novelda

Nachdem er drei glückliche Jahre bei Benfica Lissabon erlebte, kam er auf Umwegen, aber mit großen Hoffnungen zum großen FC Barcelona. Ein Fehler, wie sich bereits nach einigen Wochen zeigen sollte. Enkes Bekanntschaft mit Louis van Gaal in Barcelona trug sicherlich nicht zur psychischen Stabilität des Torwarts bei. Nachdem er ihm nach der Vorbereitungsphase den Stammplatz im Tor vorenthalten hatte, gab van Gaal ihm eine „Chance“ in einem Erstrunden-Pokalspiel gegen den Drittligisten Novelda.

Reng gelingt es, den Druck plastisch zu schildern, der sich im Torwart vor diesem eigentlich bedeutungsarmen Spiel aufbaute und ihn zu verzerrten Wahrnehmungen brachte. Diese Nervosität führte dazu, dass er, umgeben von einer unbekannten Abwehr, entscheidende Fehler machte und in Barcelona für die Blamage von Novelda vor allem von seinem – so hebt Reng explizit hervor – menschlich unreifen holländischen Mannschaftskameraden Frank de Boer verantwortlich gemacht wurde. Enke habe sich selbst sein Grab geschaufelt, meinten nachher die Medien und wurden so posthum zu zynischen Propheten.

Hannover als Hort der Stabilität

Über Umwege wie das für Enke viel zu laute Istanbul sowie die idyllische spanische Insel Teneriffa, wo er beim Zweitligisten CD Teneriffa Ruhe fand, gelangten er und seine Frau zurück nach Deutschland. Dort heuerte Enke im Sommer 2004 beim graumäusigen Bundesligisten Hannover 96 an.

Tragisch ist, dass sich Enke bereits einige Wochen vor seinem Freitod eine psychiatrische Klinik  angeschaut hatte, es dann aber vorzog, aus Rücksicht auf seinen sportlichen Ruf seine Depressionen zu verbergen. Hätten seine Frau Teresa und sein Berater Jörg  Neblung insistieren müssen? Enke hatte genug Geld verdient, um ein abgesichertes Leben führen zu können. Naturgemäß schweigt Reng aufgrund seiner Nähe zum Protagonisten zu dieser Frage.

Doch der Einsatz seiner Frau Teresa und seiner Freunde für den Nationaltorwart, wenn er in der Krise steckte, überstieg manchmal das Menschenmögliche. Enke brauchte sehr viel Energie, um in der Glitzerwelt des Fußballs seine Krankheit zu verheimlichen. Diese Energie kehrte sich an jenem traurigen Dienstag im November gegen ihn. In den Tagen vor seinem Suizid, beim Heimspiel gegen den HSV und im Umgang mit seinen Nachbarn in Empede wirkte der Torwart gelöst. Er hatte seine Entscheidung getroffen.

Ein seltenes, wertvolles Dokument

Wäre die Geschichte nicht so fatal ausgegangen, so hätte sich die Beziehung Rengs und Enkes als Glücksfall erweisen können. Denn wer hätte so genau hinter die Kulissen des sensiblen Torwarts schauen können, dessen Frau und Berater mit unglaublicher Geduld die unkalkulierbaren Sprünge der „schwarzen Katze Depression“ ertrugen und Enke stets das Gefühl von Verständnis entgegen brachten?

Am Ende bleibt der Leser ohne Antwort auf die Frage zurück, ob dieser Freitod hätte verhindert werden können, zurück. Auf der anderen Seite enthält das Buch konkrete Hilfen für den liebevollen Umgang mit depressiv erkrankten Menschen, die jedoch professionelle medizinische Betreuung nicht ersetzen können und sollen.

Reng, Roland: „Robert Enke – Ein allzu kurzes Leben“
Verlag Piper, München, 2010, 432 Seiten
ISBN: 9783492054287, 19,95 Euro.


Die Bildrechte liegen beim Piper Verlag (Cover) und Bettina Fürst-Fastré (Porträt Reng).


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