Plädoyer für mehr Gerechtigkeit

Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich. Deshalb fordert Heinz-J. Bontrup in seinem Lehrbuch zum Verhältnis zwischen Unternehmensgewinn und Beschäftigungslohn vehement unter anderem die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns und eine Stärkung der Gewerkschaften. Von Andreas Morgenstern

Steil anwachsende Managergehälter, Rekordgewinne der Unternehmen und steigende Aktienkurse stehen auf der einen Seite der wirtschaftlichen Entwicklung. Andererseits stagnieren die Löhne von vielen Beschäftigten und nimmt die Angst vor sozialem Abstieg zu. Erst kürzlich beschrieb der 3. Armutsbericht der Bundesregierung die Öffnung der Schere zwischen Arm und Reich. So ist die Frage nach einem gerechten Verhältnis zwischen Löhnen und Unternehmensgewinnen hochaktuell. Manches Talkshowformat lässt daher zu dieser Problematik die Positionen aufeinander prallen, verspricht das doch eine emotionale Auseinandersetzung. Ein Erkenntnisgewinn bleibt jedoch zumeist aus. Nun beschäftigt sich eine ausführliche Studie des Gelsenkirchener Wirtschaftswissenschaftlers Heinz-J. Bontrup mit den Interessengegensätzen zwischen Kapital und Arbeit und bietet tiefe Einblicke in das reale Wirtschaftsleben.

„Lohn und Gewinn“ versteht sich in erster Linie als Lehrbuch, geschrieben für Wirtschaftswissenschaftler oder Politologen, aber auch für den interessierten Laien. So bewegt sich der Autor in einem ständigen Spagat. Er schreibt in einem verständlichen Stil und liefert ergänzend viele Tabellen, Grafiken und Formeln. Gerade mit Letzteren dürften viele Nichtwirtschaftswissenschaftler jedoch wenig anfangen können, allerdings sind sie zum Verständnis auch nicht elementar. Erläutert werden viele Begriffe, die dem Leser schon oft begegnet sein dürften, die er sich aber bisher nur vage erklären konnte. Schließlich bietet der Band Kontroll- und Vertiefungsfragen am Ende einzelner Kapitel.

Das Buch holt seinen Leser zunächst mit einer ausführlichen Einleitung über ökonomische Theorien ab. Bontrup spannt hierbei den Bogen vom Merkantilismus über die klassischen Ökonomen, wobei die Theorien von Karl Marx breiten Raum einnehmen, bis zum Aufkommen des Prinzips des Shareholder Value, das eine maximale Verzinsung des eingesetzten Kapitals anstrebt. Schnell wird dabei die Distanz des Autors von letzterem Modell deutlich. Löhne und Gehälter seien zu einem „Resteinkommen entsprechend der Rentabilität“ verkommen, er herrsche die Gefahr einer Lohnsenkungsspirale. Als Folge beklagt Bontrup weitgehende Einkommensverluste, vor allem durch Arbeitszeitverlängerungen, und das Anwachsen des Niedriglohnsektors, den die Politik der Agenda 2010 noch fördere.

Sozialkonsens faktisch aufgekündigt

Heinz BontropGerade wegen des scheinbaren Erfolgs des Shareholder Value-Prinzips betont der Autor die Bedeutung der Problematik der Einkommensentwicklung, denn „nichts ist in der Ökonomie so strittig wie die Begriffe Lohn und Gewinn, die einerseits aufs engste miteinander verbunden sind und sich andererseits dennoch unversöhnlich gegenüberstehen. Was an Lohn mehr bezahlt wird, geht zu Lasten des Gewinns und umgekehrt – auch bei mehr Verteilungsmasse.“

Vehement wendet sich Bontrup gegen eine Gewinnmaximierung auf Kosten der Arbeitnehmer: „Selbst das Erreichen einer Nullgewinnsituation berechtigt Unternehmen aber nicht, zur Entlassung von Teilen der Belegschaft überzugehen. Die Nullgewinnlinie ist vielmehr der tiefe Ausdruck für das funktionieren von Wettbewerb und Markt.“ Stattdessen werde aber eine staatlich beförderte Standortdebatte geführt. Diese fördere die faktische Aufkündigung des sozialen Konsenses zwischen Wirtschaft, Politik und Gewerkschaften. Es herrsche der gesellschaftliche „Fetisch Aktienkurs“, obwohl eine rein angebots- bzw. kostenorientierte Lohnpolitik offensichtlich keine neuen Arbeitsplätze schaffe. Hier gelte es gegenzusteuern und Arbeitnehmervertretungen, die unter starken Druck aus Wirtschaft und Politik geraten seien, zu stärken, wofür Bontrup sogar mit dem Gedanken einer Zwangsmitgliedschaft aller Arbeitnehmer in den Gewerkschaften spielt.

Kein freier Arbeitsmarkt

Kapitalismuskritik durchzieht zahlreiche Passagen des Buchs. Beispielsweise bestimme das Gewinnprinzip unser Wirtschaftssystem, gelte doch der Grundsatz: „Gewinn der Eigentümer geht in kapitalistisch-marktwirtschaftlichen Ordnungen eindeutig vor Beschäftigung.“ So ermögliche das Eigentum an Grund und Boden sowie Kapital den Arbeitgebern, sich an der Natur und der Arbeit anderer zu bereichern. Mit der im Grundgesetz festgeschriebenen Sozialpflichtigkeit des Eigentums habe derlei Verhalten kaum etwas gemein.

Wirkliche Freiheit am Arbeitsmarkt betrachtet Bontrup als„Fiktion“, weil die Arbeitnehmer strukturell den Arbeitgebern unterlegen seien. Hierbei schränkt er ein, es gebe nicht „den“, sondern viele segmentierte Arbeitsmärkte. Und hier setzt auch der Hauptkritikpunkt an Bontrups Ausführungen an: In vielen Passagen unterscheidet er nicht zwischen den verschiedenen Wirtschaftsbereichen. Zwar können sich zumeist die Arbeitgeber ihre Mitarbeiter aussuchen und entsprechend Forderungen aufstellen, doch müssen die Unternehmen anderswo händeringend nach Personal suchen, weshalb sich dort die faktischen Stärkeverhältnisse völlig anders darstellen. Dem Lehrbuchcharakter geschuldet findet sich hier manche Verallgemeinerung, die in der Form zu Nachfragen herausfordert.

Tatsächlich allgemeingültig ist aber wohl wieder der Befund, dass Mitarbeitermotivation meist vernachlässigt werde, schließlich „verkaufe“ der Angestellte zwar seine Arbeitskraft, behalte sie aber dennoch faktisch weiterhin. Besondere Bedeutung müsste daher der Schulung des „Humankapitals“ zukommen, die jedoch in den letzten Jahren gegenüber Investitionen ins Sachkapital vernachlässigt worden sei. Es sagt schon viel aus, dass sich dieses Verhältnis zwischen 1920 und 1989 von 1:4,5 auf 1:2,2 zu Lasten der Mitarbeiterschulung verschlechtert hat.

Umverteilung „von unten nach oben“

Eine Umverteilung „von unten nach oben“ kennzeichnet für Bontrup die Gegenwart. Lohnsubventionen kämen letztlich allein den Arbeitgebern zugute, die so ihre Personalkosten senken könnten. Alternativ plädiert der Autor für einen gesetzlichen Mindestlohn zur „Regulierung eines Marktversagens“, der durch die Verbesserung der Situation von Niedriglohnempfängern die Binnennachfrage ankurbeln und zur Sicherung gleicher Wettbewerbsbedingungen beitragen würde. Darüber hinaus müssten die Flächentarifverträge geschützt werden, weil die Tarifbindung der Löhne vor allem in den neuen Bundesländern immer weiter zurückgedrängt worden sei. Derlei Forderungen sind altbekannt, werden von Bontrup aber mit aussagekräftigen Daten unterlegt. So schielt er nicht auf Schlagzeilen, äußert sich aber pointiert.

Lesenswertes Lehrbuch

Der Band stellt ein lesenswertes Lehrbuch zum Verständnis der aktuellen Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt dar. Schlagwörter wie Kombilohn, Mindestlohn oder Niedriglohnsektor werden für unterschiedliche Zielgruppen verständlich erklärt. So bietet Bontrup einen Wegweiser durch den Begriffswirrwarr. Zwar bedürfen einige Thesen aufgrund der die Arbeit durchziehenden Gewerkschaftsnähe des Autors einer kritischen Prüfung, doch bietet das Buch „Lohn und Gewinn“ für die Frage der Verteilungsgerechtigkeit zwischen Kapital und Arbeit nicht nur für den Laien interessante Fakten.

Bontrup, Heinz-J.,
Lohn und Gewinn. Volks- und betriebswirtschaftliche Grundzüge,
(2008), München, Oldenbourg Wissenschaftsverlag,
363 S., 2. Aufl., ISBN 978-3-486-58472-1, 34,80 Euro


Die Bildrechte liegen bei Heinz-J. Bontrup (Portrait) und dem Oldenbourg Wissenschaftsverlag (Cover). Der Verlag im Internet.

 


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