Religiöse und politische Fanatiker?

Religion hat unbestreitbar Einfluss auf Konfliktgeschehen. Die Rolle von Eliten ist dabei aber ein oft unterschätzter Faktor. Alexander De Juan hat eine eindrucksvolle Analyse politischer wie religiöser Eliten in innerstaatlichen Konflikten vorgelegt. Von Jodok Troy

Seit geraumer Zeit nehmen sich – glücklicherweise – auch die Sozialwissenschaften der Rolle von Religion im Kontext von Konflikten an. Eine ganze Reihe von Werken zum Thema „Religion und Gewalt“ sowie zur friedensstiftenden Rolle von Religionen finden sich mittlerweile auf dem deutschsprachigen Buchmarkt. Vielen von ihnen ist jedoch gemeinsam, dass sie sich auf eine inhaltlich-theologische Analyse verlassen sowie einseitig entweder das Konflikt- oder das Friedenspotential von Religion betonen. Damit geraten solche Breitbandstudien in Gefahr, Religion und religiöse Gemeinschaften wie das Christentum oder den Islam zu verallgemeinern und zu vereinfachen. Alexander De Juans Werk Innerstaatliche Gewaltkonflikte unter dem Banner der Religion schlägt einen lohnenswerten, weil alternativen und ergänzenden Weg für diese Art von Untersuchung ein: die Analyse der Eliten. Das Werk ist zugleich auch der erste Teil der Reihe Religion – Konflikt – Frieden, herausgegeben von Markus Weingardt .

Komplexer als nur ambivalent

Die acht umfangreichen Kapitel des Buches sind teilweise häufig untergliedert, was den Lesefluß mitunter stört. Ausgehend von theoretischen Perspektiven, nähert sich der Autor einem elitenbasierten Erklärungsansatz, um schließlich eine empirische Analyse von Allianzbildung zwischen politischen und religiösen Eliten anhand von vier Fallbeispielen durchzuführen. Untersucht werden die Malaien in Thailand, die Tschetschenen in Russland, die „Moros“ auf den Philippinen sowie die Schiiten im Irak. In all diesen und anderen Fällen zeigt sich immer wieder, dass Religion durchaus gewaltfördernd sein kann. Ob sie aber gewalteskalierend wirken kann, bleibt meist offen. Um sich dieser Frage anzunähern untersucht De Juan vor allem das Verhalten von politischen und religiösen Eliten hinsichtlich ihrer Kooperationsbereitschaft. Dabei wird einmal mehr deutlich, dass die Auswirkungen von Religion im Kontext von Gewaltkonflikten komplexer sind als das bekannte Postulat der „Ambivalenz des Sakralen“ es vermuten lässt.

Religion, so die These von der Ambivalenz der Religion, beeinflußt politische Konflikte positiv oder negativ; sie kann konflikt- aber auch friedensfördernd sein. Darüber hinaus wird jedoch häufig vergessen, dass die Religion an sich nicht notwendigerweise auf Konfliktkonstellationen wirkt. De Juans zentrale These ist daher, dass Politiker und Warlords religiöse Botschaften dann unterstützen, wenn die Rahmenbedingungen eine hohe Resonanz (etwa von Gewaltaufrufen) erwarten lassen. Ziel des Buches ist es, die Kooperationsbereitschaft von Eliten in dieser Hinsicht empirisch zu testen. Allein diese Absicht ist lobenswert, da es Studien auf diesem Gebiet vor allem an empirischen Grundlagen fehlt.

Kooperationsbereitschaft zwischen Fanatikern

Wenn Konfliktparteien unterschiedlichen Religionen angehören, so die These, steige die Wahrscheinlichkeit einer politisch-religiösen Allianzbildung. Genauso steige mit der Dauer von Konflikten die Bedeutung von Religion für das Konfliktgeschehen. De Juans Untersuchung zeigt aber auch, dass die Kooperationsbereitschaft zwischen Eliten nicht ausschließlich auf individuelle theologische Positionen zurückzuführen ist. Mit anderen Worten, es kooperieren nicht nur die Fanatiker und die Gewaltbereiten. Eliten kooperieren vor allem um ihre jeweiligen Ziele zu erreichen, nicht unbedingt weil sie dieselbe Position vertreten. Nichts verdeutlicht dies so sehr wie die Tatsache, dass etwa religiöse Gewaltaufrufe teilweise auch plötzlich verstummen: Der abrupte Schwenk von Gewaltaufrufen auf Friedensappelle dürfte schwerlich das Resultat eines theologischen Umdenkens sein.

Das Beispiel des wirkungsreichen schiitischen Geistlichen al-Sistani im Irak verdeutlicht, dass es höchst problematisch sein kann, wenn religiöse Eliten gerade in Konfliktregionen auch als politische wahrgenommen werden. Anhand der Fallbeispiele zeigt die Studie eindrucksvoll, dass, wenn eine Kooperation als entscheidend für den Erhalt oder Ausbau des Einflusses gesehen wird, religiös-politische Allianzen eingegangen werden. Diese bringen jedoch auch eine erhöhte Wahrscheinlichkeit von Konflikteskalation mit sich.

Vielschichtige sozialwissenschaftliche Studie

Alexander De Juan hat eine eindrucksvolle und wissenschaftlich sehr aufwendige Studie vorgelegt. Für den (sozial)wissenschaftlichen Laien ist sie daher auch nur sehr bedingt zugänglich. Allein die Entwicklung der Thesen und deren anschließende empirische Überprüfung verlangt Konzentration und Vorwissen. Erfreulich – und leider keineswegs selbstverständlich – ist die methodologische Stringenz des Werkes, die der Autor dadurch erreicht, dass er viele Ein- und Abgrenzungen vornimmt Auch scheut er nicht davor zurück zu Beginn eingeführte und begründete Thesen im Laufe der Arbeit als falsch oder unbrauchbar zu qualifizieren. Im Gegensatz zu manch anderer wissenschaftlichen Schrift bleibt die zwanghafte Suche nach Belegen der eigenen Position aus. Schließlich soll nicht unerwähnt bleiben, dass sich wenig wörtliche Zitate wiederfinden. Ein eher seltenes Vorkommnis für ein deutschsprachiges Werk, zumal für eine Dissertation. Das mag ein Hinweis auf die gedankliche Originalität des Autors sein und diese verdient im wissenschaftlichen Umfeld zweifellos Beachtung.

De Juan, Alexander: „Innerstaatliche Gewaltkonflikte unter dem Banner der Religion. Die Rolle politischer und religiöser Eliten“,
Nomos, Baden Baden, 2010, 251 Seiten
ISBN 978-3832953638, 39,00 Euro.


Die Bildrechte liegen beim Nomos Verlag (Cover) und bei IsaKazimi (al-Sistani).


Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

Gegen Dawkins zurück ins Mittelalter

Die Scharia gilt auch für Banken

Kirchen suchen gesellschaftliche Rolle