Jenseits unserer Wahrnehmung Teil 2

Gegenwärtig toben an die 40 Kriege und bewaffnete Konflikte in der Welt. Die meisten dieser Krisenherde spielen in den Medien eine untergeordnete Rolle und sind der öffentlichen Wahrnehmung entrückt: Sie werden vergessen. Der Autor diskutiert die Gründe für diese Entrückung: klar und kritisch, pointiert und provozierend. Von Hans Joachim Gießmann

Das Bündnisproblem

Ein weiterer Aspekt ist die „Bündnisloyalität“. Hierbei ist zwischen aktiver Partnerschaft und faktisch erzwungener Bündniskooperation zu unterscheiden. In der NATO etwa ist jedem Staat überlassen, frei zu entscheiden, in welcher Form er sich an bündnisgemeinsamen militärischen Operationen beteiligt. Dies kann die Entsendung von Streitkräften, aber auch nur verbale Unterstützung bedeuten.

In der Integration des Bündnisses können bestimmte Operationen heute nur noch gemeinsam durchgeführt werden, weil die vorgehaltenen Fähigkeiten arbeitsteilig organisiert sind. Die Probleme, die dadurch entstehen können, zeigten sich in der Diskussion um die deutschen Anteile in den AWACS-Flugzeugbesatzungen zur Überwachung des türkischen Luftraums während der Irakinvasion der US-geführten Koalition und auch bei der Entscheidung über die Entsendung von ECR-Tornados zur Luftraumüberwachung in Afghanistan.

Bündnisräson kann zwar durch politischen Druck eingefordert, aber durch öffentlichen Druck auch unterwandert werden. Gerade in Demokratien spielt die öffentliche Wahrnehmung und die Stimmung in der Bevölkerung eine wichtige Rolle, wenn es für die Regierungen darum geht, Position zu beziehen.

Nimmt der öffentliche Druck zu, sehen sich Regierungen stärker zum Handeln veranlasst. Andererseits müssen Regierungen aber auch ihre Entscheidungen in der Öffentlichkeit immer wieder neu verteidigen, insbesondere wenn in bewaffneten Missionen Leib und Leben entsandter Soldaten gefährdet werden. Ein Indiz für die Sensibilität politischer Gradmessung ist der schwindende Rückhalt in der deutschen Bevölkerung für die Beteiligung der Bundeswehr an der Mission Operation Enduring Freedom, die mit NATO-Mandat zur Terrorbekämpfung nach den Anschlägen vom September 2001 begonnen wurde und bis heute geführt wird.

Mangel an Öffentlichkeit

Der Diskurs in demokratischen Gesellschaften ist ein Katalysator für die Beständigkeit von Regierungshandeln. Dies kann zur bewussten Abkehr von bewaffneten Konflikten führen, etwa wenn das öffentliche Interesse nachlässt oder auch, wenn eine Beendigung der Gewalthandlungen vor Ort für lange Zeit nicht in Sicht scheint, wie dies bei der EU-geführten Friedensmission in Kongo der Fall war.

In anderen Fällen genügt mitunter schon ein eingefrorener Zustand des Nicht-Krieges und mangelndes Vertrauen in die zügige Erreichbarkeit eines stabilen Friedens, um die Aufmerksamkeit auf die Lage im betroffenen Land aus der öffentlich dargestellten Politik zu verbannen. Kosova und Bosnien sind hierfür Beispiele. Die ernüchternde Einschätzung der im Einsatz befindlichen Soldaten über die friedenspolitische Situation in den beiden Ländern korrespondiert nicht mit dem seit einigen Jahren zu beobachtenden Prozess einer sich allmählich herausschleichenden friedenserhaltenden Präsenz. Eine öffentliche Debatte hierzu wird erkennbar vermieden.

Je geringer die eigenen wirtschaftlichen oder sicherheitspolitischen Interessen tangiert scheinen und je schwächer der öffentliche politische Druck ausgeprägt ist, je höher die Eigenrisiken einer Intervention beurteilt werden und je stärker das Interesse zur Partnerschaft mit einer der Kriegsparteien oder der sie unterstützenden Staaten ist, desto mehr drohen Gewaltkonflikte in „Vergessenheit“ zu geraten. Hinzu kommt: In der Öffentlichkeit haben bewaffnete Konflikte ein zunehmend volatiles Interesse.

Dimension und Neuwert der in den Medien behandelten Gewaltakte prägen die Stimmung. Die mediale Berichterstattung über den Krieg im Irak und in jüngster Zeit auch über Afghanistan gleicht einer abflachenden Kurve mit zunehmend geringer werdenden Ausschlägen. Mit andauernden gleichförmigen Kampfhandlungen nimmt das mediale Interesse an regelmäßiger Berichterstattung ab. Berichte gibt es nur noch, wenn Opferzahlen gegenüber vorigen eine größere Dimension besitzen. So unterschieden sich auch die zunächst ausführlichen Berichte über die ersten gefallenen Soldaten der Bundeswehr in Afghanistan deutlich von jenen über nachfolgende Todesfälle.

Kriege und bewaffnete Konflikte geraten auch aus dem Blickfeld, wenn sie beendet scheinen – selbst wenn von Frieden nicht die Rede sein kann. Die in diesem Heft behandelten Konflikte stehen auf unterschiedliche Weise für das Bild der „vergessenen“ Kriege. Gemeinsam ist ihnen, dass sie jederzeit eskalieren können, weil ihre Ursachen fortbestehen, und dass die internationale Gemeinschaft in ihrer Schutzverantwortung politisch und moralisch gefordert ist, sich dem Schicksal der Not leidenden Menschen zu widmen.


Diese Heftvorschau ist Teil einer Kooperation mit WeltTrends. Die Bildrechte liegen bei WeltTrends.


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