Eine andere Weltwirtschaft?

Er gilt als einer der wenigen „Propheten“, die die Finanzkrise in all ihrer Breite vorausgesagt haben. Nouriel Roubini zeigt in seinem neuen Buch Wege hin zu einer neuen Finanzordnung. Von Christoph Rohde

Analysen über die Banken- und Finanzkrise der letzten Jahre gibt es viele. Glaubwürdig werden sie dann, wenn sie von Verfassern stammen, die diese Entwicklungen nachweislich prognostiziert haben wie Nouriel Roubini, einem Professor für internationale Wirtschaftspolitik aus New York. In seiner Untersuchung Das Ende der Weltwirtschaft und ihre Zukunft geht es nicht um Schuldzuweisungen und übliche Krisendiagnosen, sondern um Möglichkeiten zur Verbesserung des bestehenden Finanzsystems.

Minskys Schneeballsystem erklärt Vieles

Die Entstehungsgeschichte der Bankenkrise ist bekannt und wird vom Verfasser deshalb kurz, aber blumig abgehandelt. Analog zum Autofahrer, der durch die Existenz eines Sicherheitsgurtes dazu verführt wird, schneller zu fahren, wurden Banker im Vorfeld der Krise zu immer größeren Risikogeschäften animiert, weil sie für die Verluste ihrer Transaktionen kaum zur Rechenschaft gezogen wurden (moral hazard Problem). Besonders die Notenbanken förderten die Durchführung von Risikogeschäften mit äußerst günstigen Krediten. Während traditionelle Bankenkrisen im Zuge innovativen Überschwangs entstanden waren (Eisenbahnboom, Internet-Hype),  ist diese Krise hausgemacht. Sie entstand im „Labor der Wallstreet“.

Basierend auf der Theorie Hyman Minskys zeichnet Roubini die Bankenkrise als Liquiditätskrise. In einem Dreischritt, so Minksy, nehmen Kredite im Laufe eines Booms an Sicherheit ab – von abgesicherten über spekulative Kredite hin zu einem völlig ungesicherten Schneeball-Kreditsystem. Dieses Phänomen macht politische Maßnahmen gegen die gegenwärtige Bankenstruktur umso notwendiger, meint Roubini. Zusätzlich habe die klar nachweisbare Personalunion zwischen der Wallstreet, den Regulierungsbehörden und der Federal Reserve Bank dazu geführt, dass die Geldpolitik unkontrolliert und einseitig ausgeführt worden sei.

Gefahren einfacher Regulierungen

Den populistischen Forderungen nach simplen Regulierungen der Banken widerspricht Roubini. Denn damit würden nur Umgehungsmöglichkeiten gegen diese spezifischen Regulierungen entwickelt. Der Anreiz wäre eine so genannte Regulierungsarbitrage. Findige Banker könnten im Schatten konventioneller Regulierungen schnell neue Systeme entwickeln. Dies habe das gut gemeinte Basel II-Abkommen zur Regulierung bereits gezeigt. Die von Roubini hier geforderten Eigenkapitalvorschriften sind durch die Bildung eines Schattenbankensystems ausgehebelt worden und sollen, was Roubini noch nicht wissen konnte, im kommenden Basel III-System erheblich verschärft werden.

Die Aufspaltung großer Banken

Das System „Too big to fail“ muss, so Roubini, deshalb ersetzt werden, da ansonsten eine Fortsetzung der riskanten Strategien großer Institute zu erwarten ist. Mehr Aufsichtspersonal würde nicht reichen, um die komplexen Strategien großer Banken zu durchschauen, die bewusst intransparent gehalten würden. Den einzigen Ausweg sieht Roubini in der Erhöhung der „Kapitaladäquanz-Kennzahlen“. Diese Kennziffer ist mit der Forderung verbunden, dass jeder Finanzkonzern so viel Kapital vorhalten muss, dass das Risiko in jedem Teilbereich einer Großbank voll abgedeckt ist. Selbige Maßnahme führe dann automatisch zu einer Aufspaltung des Großkonzerns.

Die Selbstrechtfertigung der Banken, sie nutzten durch ihre Größe Synergieeffekte und beförderten somit das Wirtschaftswachstum, hält Roubini für ungerechtfertigt. Im Gegenteil: Seit den achtziger Jahren musste allein die Citibank Group mehrfach mit Hilfe staatlicher Maßnahmen vor dem Konkurs gerettet werden – während der mexikanischen Schuldenkrise der achtziger Jahre, dem Einbruch des gewerblichen US-Immobiliensektors und der Finanzkrise der Jahre 2008 und 2009. Aber auch Banken wie Goldman Sachs seien seit ihrem Börsengang der Mentalität verfallen, kurzfristige Gewinne an die Stelle einer langfristigen Unternehmensstrategie zu setzen. Großbanken dieser Art genössen das Privileg indirekter Subventionen durch günstige Kredite der Federal Reserve und die staatliche Einlagensicherung. Damit würde der freie Markt unzulässig beschränkt.

Nachvollziehbare Argumentation

Roubini zeichnet sich in seiner Darstellung durch eine Wissenschaftlern nur selten eigene Empathie aus, indem er das Unbehagen der Bevölkerungen in Bezug auf das Finanzsystem vorwegnehmend artikuliert. Er zeigt das Dilemma auf, das bei der Reform eines hyperkomplexen Systems unvermeidlich existiert und empfiehlt eine Art neuer Kartellgesetzgebung für das Bankenwesen. Obwohl einige Zusammenhänge komplex sind, versteht es der Autor, die grundsätzlichen Argumente für ein breites Publikum zugänglich zu machen.

Roubini, Nouriel; Mihm, Stephen: Das Ende der Weltwirtschaft und ihre Zukunft,
Campus Verlag, Frankfurt/Main 2010, 470 Seiten
EAN 9783593391021, 24,90 Euro


Die Bildrechte liegen beim RGE Monitor (Cover und Portrait).


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