Sarrazins Verdummungstheorie

Ende August erschien Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“. Was ist wirklich dran an Sarrazins Behauptung, Deutschland würde durch Zuwanderung und ungleiche Geburtenverteilung verdummen? Von Tobias Hauser

Mit der Veröffentlichung seines Buches „Deutschland schafft sich ab“ hat sich Thilo Sarrazin erneut die Schlagzeilen der deutschen Medien gesichert. Die FAZ fasst seine umstrittenste These so zusammen: „‘Wir‘ (als ethnisches Pluralsubjekt) werden auf natürliche Weise immer dümmer, weil ausgerechnet die kognitiv minderbemittelten Muslime in unserem Land die meisten Kinder zeugen.“ Der starke Zustrom an Zuwanderern aus muslimischen Ländern trägt für Sarrazin sein Übriges zur Verdummung Deutschlands bei.

Sarrazins These ist eine stark emotionale. Wir wollen sie einer objektiven Untersuchung unterziehen und Zahlen sprechen lassen. Wie viele Muslime leben in Deutschland, wie entwickelt sich der Zuzug und wie sieht es mit deren Kinderreichtum aus?

Muslime in Deutschland

In Deutschland lebende Muslime kommen aus den unterschiedlichsten Ländern und stellen keine einheitliche Gruppierung dar. Insgesamt gehören weniger als 4,5 Prozent der Bevölkerung der muslimischen Religion an.

Aufgegliedert nach Nationalität stammen die meisten Muslime aus der Türkei. Die Zahl der türkischen Staatsbürger in Deutschland sinkt seit Ende der 1990er-Jahre. Damals betrug sie noch über zwei Millionen, 2009 nur noch 1.658.083. Das liegt zum Teil an niedrigeren Zuzugszahlen, zum Teil auch an der Einbürgerung von Zuwanderern. Seit 1999 ist aber auch die Verleihung der deutschen Staatsbürgerschaft an Türken stark zurückgegangen.

Aus anderen Ländern mit überwiegend muslimischer Gesellschaft gibt es keine nennenswerte Zuwanderung nach Deutschland. Weniger als je 100.000 irakische, iranische und afghanische Staatsbürger leben in Deutschland.

Der angebliche Geburtenüberschuss

Als Fertilitätsrate bezeichnet man die durchschnittliche Kinderanzahl pro Frau. Weltweit liegt diese bei 2,55. In der Türkei ist sie in den letzten Jahren von 2,23 auf 2,14 gesunken. 1960 hatte die durchschnittliche Frau in der Türkei noch sechs Kinder.

In den arabischen Ländern gab es zwischen 1950 und 2000 eine Vervierfachung der Bevölkerung. Bis 2050 wird es nicht einmal eine Verdoppelung geben. Viele westeuropäische Länder, darunter Deutschland, Österreich, Spanien und Frankreich verzeichnen dagegen wieder leicht steigende Fertilitätsraten. Im Vereinigten Königreich und den nordischen Ländern fallen diese Zahlen sogar deutlich stärker aus.

Interessanter ist allerdings ein Vergleich der Raten zwischen Zuwanderern und der so genannten autochthonen Bevölkerung innerhalb eines Landes. Sarrazin vertritt die Meinung eines Geburtenüberschuss der Muslime in Deutschland. Grundsätzlich stimmt es auch, dass Zuwanderer mehr Kinder bekommen als Deutsche.

Aber Sarrazins Behauptungen greifen zu kurz. In den Niederlanden sinkt die Fertilitätsrate von Zuwanderern extrem stark, während sich die der autochthonen Bevölkerung kaum ändert oder sogar steigt. In Frankreich zeigt sich ein ähnliches Bild, genauso in der Schweiz. Da es in Deutschland seit Jahrzehnten keine ordentliche Volkszählung gab, können die Fertilitätsraten hierzulande nur geschätzt werden. Alle publizierten Studien sprechen allerdings von einer Angleichung der Geburtenraten von Deutschen, Deutsch-Türkinnen und muslimischen Deutschen.

Die unterstellte Bildungsferne

Wenn Sarrazin sagt, Menschen mit geringerer Bildung bekommen mehr Kinder, hat er damit Recht. Seine Schlussfolgerungen daraus sind aber bestreitbar. Dass hauptsächlich Kinder von Akademikern wieder Hochschulen besuchen, sollte uns nicht an der Intelligenz unter Kindern von Nicht-Akademikern zweifeln lassen, sondern eher an der Durchlässigkeit des Bildungssystems.

Im Hinblick auf den Bildungsgrad von Zuwanderern muss ebenfalls stärker differenziert werden, als Thilo Sarrazin das tut. Insgesamt betrachtet unterscheiden sich Migranten kaum von Deutschen, was die Zahl der Abiturienten oder Akademiker betrifft. Unter türkischen Zuwanderern liegen diese Quoten allerdings tatsächlich bedeutend unter denen der Durchschnittsbevölkerung. Doch diese Statistik generell auf Muslime in Deutschland umzumünzen, widerspricht den Tatsachen. Afghanen, Iraker und Iraner in Deutschland weisen eine bedeutend höhere Akademikerquote auf als die autochthone Bevölkerung.

Sarrazins markige Sprüche mögen plakativer sein als eine Untersuchung davon. Trotzdem können seine Thesen nicht unkommentiert stehen gelassen werden. Eine „Unterwanderung“ Deutschlands durch muslimische Einwanderer ist schlichtweg nicht feststellbar. Die Behauptung, Migranten wären weniger gebildet als Deutsche, greift zu kurz. Als Beitrag zur Integrationspolitik bieten sich Sarrazins Aussagen deshalb kaum an.


Die Bildrechte liegen bei Nina / Creativ Commons Lizenz (Sarrazin) und Viernullvier / Creative Commons Lizenz (Frau mit Kopftuch).


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