Rentenpolitik im Ruhestand

Die Rentenkasse ist leer. Müssen deshalb bald alle Deutschen bis zu ihrem 70. Lebensjahr arbeiten? Die Idee ist umstritten, Reformen noch weit weg. Fest aber steht: die wenigsten über 60-Jährigen arbeiten überhaupt noch. Von Tobias Hauser

Rente mit 65, 67 oder gar 70. Das Renteneintrittsalter wird heftig diskutiert. Weil die Deutschen immer älter werden und immer weniger Kinder bekommen, leeren sich die Rentenkassen. Trotzdem streitet die SPD jetzt darum, ob die Rente mit 67, wie ab 2029 für alle gültig, wirklich so eine gute Idee gewesen ist. In der Großen Koalition haben die Sozialdemokraten dem noch zugestimmt.

Michael Hüther vom Institut der deutschen Wirtschaft hält nichts von einer Rücknahme dieser Entscheidung. Er fordert sogar ein gesetzliches Renteneintrittsalter von 70 Jahren. Die hohe Lebenserwartung sowie die Gesundheit und Leistungsfähigkeit auch im fortgeschrittenen Alter würde das möglich und notwendig machen.

Andere Länder, andere Wirtschaftsforscher?

Politiker in anderen Ländern wagen sich nicht in derartige Höhen. Frankreich will in Zukunft seine Arbeitnehmer mit 62 statt schon mit 60 Jahren in den Ruhestand schicken und erntet Proteste der Gewerkschaften. Dafür sind die Franzosen vergleichsweise pünktlich mit dem Ruhestand. Tatsächliches und gesetzliches Rentenalter unterscheiden sich dort kaum.  Anders in Rumänien, wo der durchschnittliche Arbeitnehmer schon mit 55 Jahren in Rente geht. Vorgeschrieben wäre ein Alter von 63,5 für Männer und 59,5 für Frauen. Lettland dagegen kann als der europäische Musterschüler bezeichnet werden. Dort arbeitet der Durchschnittsbürger acht Monate länger, als es der Gesetzgeber verlangt.

Dabei ist die Frührente nicht immer eine Eigenentscheidung. Und so bedeutet ein erhöhtes Rentenalter auch nicht in allen Fällen eine längere Lebensarbeitszeit. Tatsache ist, dass die Arbeitslosigkeit im fortgeschrittenen Alter stark zunimmt. Zwar hat sich in Deutschland die Anzahl der versicherungspflichtig Beschäftigten zwischen 60 und 65 Jahren in den vergangenen acht Jahren verdoppelt. Noch immer fallen aber lediglich rund 20 Prozent dieser Jahrgänge in diese Kategorie. Kaum jemand arbeitet also heute schon bis 65. Von den Deutschen über 65 Jahren sind derzeit sogar nur drei Prozent angestellt. Im Vergleich dazu liegt diese Zahl in den USA bei 25 Prozent.

Unter dem Strich weniger Rente

Das tatsächliche Renteneintrittsalter wird zweifelsohne nicht so stark steigen wie das gesetzliche. Effektiv bedeutet das für die Mehrheit der Arbeitnehmer, dass sie nicht länger arbeiten, sondern weniger Rente erhalten werden. Für jeden Monat vorgezogenen Renteneintritts erhält der Betroffene dann 0,3 Prozent weniger Geld. Geht er also drei Jahre früher als gesetzlich vorgeschrieben in den Ruhestand, verliert er rund ein Zehntel seiner Rente.

Während die längere Lebenserwartung und damit die steigende Anzahl der Rentner tatsächlich Reformen erforderlich machen, liegt für Sozialministerin Ursula von der Leyen in diesem demographischen Wandel nicht das Problem, sondern dessen Lösung. Da es immer weniger junge Auszubildende gibt, werden Arbeitgeber auf ältere Fachkräfte zurückgreifen. Altersarbeitslosigkeit soll demnach bald drastisch sinken. Mehr als eine vage Vermutung scheint hinter dieser Theorie allerdings nicht zu stecken.

Was sind nun andere Möglichkeiten, um die sich leerenden Rentenkassen wieder zu füllen? Eine Erhöhung der Beiträge oder gar eine Senkung der Renten scheint nicht in Frage zu kommen. Der Vorschlag von Wirtschaftminister Rainer Brüderle, qualifizierte Zuwanderer mit einem Begrüßungsgeld nach Deutschland zu locken, stieß ebenso auf breite Ablehnung. Eines steht aber unbestreitbar fest: Immer weniger Beitragszahler kommen für die Rente von immer mehr Menschen auf. Diese Tatsache erfordert Lösungen. Beliebt werden diese nicht sein.


Die Bildrehte liegen bei petrosimoes7 (Rentner auf Bank) sowie bei Christopher Wuttke (von der Leyen) und sind unter Creative Commons lizensiert.


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