Kein Visum für den Mangobohrer

Verdächtige Löcher in der Mango? - Ohne Schädlinge ist alles okay.Auf dem Flughafen Leipzig/Halle ist das neue Frachtzentrum der Posttochter DHL offiziell eröffnet worden. Neben dem Logistikunternehmen findet sich hier auch eine Kontrollstelle für Pflanzen. Dort werden Pakete aus der ganzen Welt auf Pflanzenschädlinge untersucht, die in der einheimischen Natur große Schäden anrichten könnten. Eine Reportage von Ulrike Brandt

Ob sein Arbeitstag auf dem Flughafen Leipzig/Halle stressig wird oder nicht, weiß Frank Meinhold erst, wenn sich am Morgen das große Tor der Kontrollstelle leise summend öffnet. Dann rollt ein Wagen des Logistikunternehmens DHL hinein, beladen mit Paketen und Päckchen. Darin: Pflanzen, Pflanzenteile oder Saatgut. Viele Sendungen bedeuten viel Arbeit, denn Agraringenieur Meinhold muss ihren Inhalt kontrollieren. Was er sucht, ist klein und oft heimtückisch, weil es sich auf den ersten Blick nicht immer erkennen lässt: „Quarantäneschaderreger“ wie Insekten, Milben oder Bakterien, die, einmal aus anderen Staaten eingeführt, in Deutschland große Schäden anrichten können.

Rot und reif und alles in Ordnung

An diesem Morgen riecht es süßlich in der Pflanzengesundheitskontrollstelle. In Indien ist Mangozeit und einige der faustgroßen Früchte warten darauf, von Frank Meinhold und seinem Kollegen Rainer Bude kontrolliert zu werden. Während Bude sich um die Papiere kümmert, zieht sich Pflanzeninspektor Meinhold einen grauen Arbeitskittel an, streift einen blauen Gummihandschuh über die rechte Hand und greift dann behutsam in eines der Pakete hinein.

Eine zentimeterdicke Schicht aus roten und blauen Papierstreifen bedeckt die Mangos. Dann hält Frank Meinhold eine Frucht hoch: „Die sieht gut aus. Hier oben ist sie schön rot, sie ist also schon recht reif.“ Er dreht und wendet die Mango, doch alles was er entdecken kann, sind „Verkorkungen an der Frucht und einige schwarze Punkte“. Daumen hoch. Alles ist in Ordnung.
Einstichlöcher von Fruchtfliegen oder Mangobohrern hätten ihn aufmerken lassen. Doch die Schädlinge Sternochetus frigidus oder Cotimis nitida kann er auch an den anderen Mangos nicht entdecken. Und so wird das Paket wieder geschlossen und mit Paketband zugeklebt.

Auch die Mangos unterliegen einer EU-Richtlinie

Warum die Empfänger der Sendungen in München oder Hamburg eine handvoll Mangos geschickt bekommen – darüber können die Männer in der Kontrollstelle nur rätseln. Meinhold tippt auf eine Internetbestellung deutscher Mangoliebhaber, sein Kollege Bude auf eine Geschenksendung. Fest steht: Die Firma „Aspinwall & Co.“ aus dem indischen Mangalore schickt ihren Kunden in Deutschland einen Gruß aus der exotischen Ferne.

Auf vielen deutschen Flughäfen gibt es Pflanzenkontrollen, überhaupt an jedem Ort in der Europäischen Union, in dem pflanzliche Waren aus Nicht-EU-Ländern zum ersten Mal EU-Boden berühren. Grundlage dafür ist eine Richtlinie der Union zum „Schutz gegen die Einschleppung und Ausbreitung von Schadorganismen“. Diese Richtlinie wurde von den Mitgliedsstaaten in nationales Recht überführt, in Deutschland „Pflanzenbeschauverordnung“ genannt.

Die Texte mit all ihren Paragrafen und Anhängen sind in einem Ordner abgeheftet; Registerkarten trennen die wichtigsten Kapitel. Neben dem aufgeschlagenen Ordner liegt auf dem Büroschreibtisch das „Handwörterbuch der Pflanzennamen in verbesserter, dreisprachiger, 17. Auflage“. Auch Fachmänner können nicht alles wissen. Die Mitarbeiter der Pflanzenkontrollstelle unterstehen dem Sächsischen Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft. Das unterhält seit Ende Januar die Zweigstelle auf dem Flughafen Leipzig/Halle.

Immer mehr Pakete müssen kontrolliert werden

Seitdem mussten schon viele Pakete den prüfenden Blicken von Frank Meinhold und seinem Kollegen standhalten. Auf dem Schreibtisch der beiden liegt die Liste mit den Sendungen, die sie seit Januar kontrolliert haben. Nummeriert von 1 bis 320 waren das Orchideen, Maissaatgut und Erdnüsse, Sojabohnen, Pelargonien-Stecklinge und immer wieder viele Mangofrüchte. „Alles, was eingepflanzt werden kann, muss kontrolliert werden“, erklärt Frank Meinhold. „Bei Obst müssen wir vor allem Zitrusfrüchte und Mangos untersuchen.“ Nicht jede Banane, die im Supermarktregal liegt, ist also durch prüfende Hände gegangen. Trotzdem kann sich Frank Meinhold nicht über zu wenig Arbeit beklagen. Im Gegenteil: Er spricht von einer „kontinuierlichen Steigerung der Warensendungen“. Über den Flughafen würden vermehrt Güter umgeschlagen.

Die Hauptarbeit nimmt das Prüfen der Papiere ein, die den Sendungen beiliegen. Die staatlichen Behörden in Indien oder Kolumbien müssen die Pflanzen oder Pflanzenteile bereits vor dem Abflug auf Schädlinge untersuchen und ein Pflanzengesundheitszeugnis ausstellen. Bei diesen Zeugnissen gäbe es einen weltweiten Standard, so Meinhold, dennoch werde nachkontrolliert. „Man kann niemandem was unterstellen, aber Kontrolle ist besser“, fügt er politisch korrekt hinzu.

Bei den Mangos aus Indien sind nicht nur die Früchte, sondern auch die Papiere in Ordnung. Das Originalzeugnis wird einbehalten. Eine Kopie legt Frank Meinhold der Sendung wieder bei – ergänzt mit dem Stempel: „Nach Kontrolle zur Einführung im Sinne der Pflanzenbeschauverordnung zugelassen.“ Die Früchte können nun in Deutschland ausgeliefert werden.


Die Bildrechte liegen bei Hey Paul (DHL-Flugzeug) und Wee Keat Chin (Mangos) und sind unter Creative Commons lizensiert.


Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

Aerotropolis – Herzmaschine urbanen Lebens?

Komm rein, bitte!

DHL zieht um und Leipzig liegt gut im Rennen