Italiens europäische Geschichte

Die Geschichte Italiens ist eine europäische. Hans Wollers ausführliches Werk wendet sich gegen eine romantische, spätrömische Interpretation. Von Christoph Rohde

Endlich liegt eine komprimierte Geschichte Italiens im 20. Jahrhundert vor, geschrieben von Hans Woller, einem wissenschaftlichen Mitarbeiter des Instituts für Zeitgeschichte München und Mitglied der deutsch-italienischen Historikerkommission. Der Leser wird durch ein Jahrhundert der Extreme geführt. Dabei weist die Entwicklung Italiens einige frappierende Ähnlichkeiten zur deutschen Geschichte auf. Die Darstellung erzählt von der Diktatur, der Fabrikation einer neuen Identität aus einer Mischung von Schuld und Unschuld, dem Aufbau einer stark staatlich geprägten Industriegesellschaft und endet mit der Ära Berlusconi, deren Entstehung gut begründet wird.

Mussolinis Weltmachtträume

Bereits vor der Ära Mussolini ging Italien imperialistischen Bestrebungen nach und reihte sich damit in die Galerie europäischer Kolonialmächte ein. Die Nation, deren fragiles Gemeinwesen noch kaum über eine industrielle Basis zum Aufbau eines schlagkräftigen Militärs verfügte, griff im Jahre 1911 Libyen an. In der Folge verstrickte sich das Land in einen gewaltsam geführten Krieg, der von manchen jedoch als wahrer Einigungskrieg Italiens bezeichnet wurde.

Auch in den Ersten Weltkrieg trat Italien 1915 ein, wo es militärisch gedemütigt und innerstaatlich gespalten wurde, wie der Autor plastisch zeigt. Zwar lässt sich zwischen diesen Ereignissen und dem Aufstieg Mussolinis kein direkter Zusammenhang nachweisen, doch die Spaltung des Landes in Kommunisten und Anhänger der Monarchie verschärfte sich. Dazu kommt die wundersame Wandlung Mussolinis, der von einem überzeugten Kommunisten zu einem fanatischen Nationalisten wurde, der die Fähigkeit besaß, gesellschaftliche Umbrüche für seine Zwecke zu instrumentalisieren.

Moderne Form politischer Propaganda

Der Faschismus kann laut Woller durch folgende Elemente charakterisiert werden: Die Speerspitze einer Jugend- und Erneuerungsbewegung, eine Emanzipationsbewegung der Mittelschichten, eine nationale Befreiungsbewegung gegen das Gefühl nationaler Demütigungen und eine Antwort auf die Krisenerscheinungen in der westlichen Moderne im Allgemeinen (siehe Oswald Spenglers Untergang des Abendlandes). Mussolini führte eine moderne Form der Massenagitation ein, von der Hitler beeindruckt war und deren Bestandteile er später reihenweise in den Nationalsozialismus übernahm. Mit dem Faschismus sollte ein neuer Mensch geschaffen werden, der einen bestimmten Geist und Lebensstil entwickelte.

Besonders spannend sind die Schilderungen des Endes des Zweiten Weltkrieges. Italien war in seiner Entwicklung dadurch behindert, dass das Land als Rückzugsgebiet für die deutsche Armee diente und dass Hitler den abgesetzten Mussolini noch einmal in sein Amt hob. Dieser residierte in Salò am Gardasee. Italien war zu einem doppelt besetzten Land (Nationalsozialisten und Alliierte) mit zwei verschiedenen Regierungen geworden. Ein Bürgerkrieg gegen das Mussoliniregime und die Exekution des Duce wurden später als exemplarische historische Momente des Widerstandes dargestellt, um die faschistische Schuld der Italiener zu relativieren.

Die Entwicklung des Nachkriegsitalien

Woller versteht es, die Geschichte des Nachkriegsitaliens an Hand der Entstehung und Entwicklung der Parteien nachzuzeichnen. Hier spielen die Democrazia Cristiana (DC) sowie die Partito Comunista Italiano (PCI) bis zu Beginn der neunziger Jahre die zentrale Rolle. Aber auch Personen bestimmten die Entwicklung des Landes; so kann von der Ära de Gasperi, während der Italien der Europäischen Gemeinschaft beitrat, ebenso gesprochen werden wie in den achtziger Jahren von einer Ära Craxi. Der im Februar dieses Jahres verstorbene Bettino Craxi geriet in die Fänge der Mani pulite („Saubere Hände“), der Anti-Korruptions-Bewegung um Staatsanwalt di Pietro.

Zu den Gründen zählten Korruptions- und Bestechungspraktiken sowie Mafiakontakte, die Craxi – wie viele seiner Politikerkollegen – pflegte. Noch spektakulärer waren die Verwicklungen des ehemaligen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti. Italien mit seinem problematischen Nord-Süd-Gefälle, seiner Subventionsmentalität und seinem Hang zu extremistischem Terrorismus von rechts und links sei erst durch die internationalen Verpflichtungen in der Europäischen Union stabiler geworden, so der Tenor Wollers.

Gründe für die massive Staatsverschuldung

Das italienische Modell übertriebener sozialer Fürsorgeleistungen schuf paradoxe Zustände. Millionen von Gesunden erhielten „Invalidenrenten“ und Rentenzahlungen ohne erarbeiteten Anspruch. Der Zusammenbruch der staatssozialistischen Sowjetunion traf auch die staatlichen Industrien des südeuropäischen Landes hart. Dazu verlor die Linke ihre ideologische und materielle Grundlage. Da die UDSSR die italienischen Sozialisten nicht mehr unterstützen konnte, kam der konservativen Democrazia Cristiana schließlich ihr Feindbild abhanden.

Zusätzlich behinderte die Struktur der Staatsbetriebe die wettbewerbsmäßige Anpassung der Industrie an die Zwänge der Globalisierung. Italiens Industrie hatte jahrzehntelang den Schutz staatlicher Subventionen genossen. Die Kehrseite ist, dass die Industriestruktur auf technologische Innovationen verzichtete und deshalb in Zeiten eines verschärften weltweiten Wettbewerbs kaum mehr attraktive Produktnischen besetzt.

Angesichts dessen prognostiziert Woller bereits das Absterben des Großteils der italienischen Industrien. Besonders die Textil- und Schuhindustrien seien hiervon betroffen, während FIAT, eine der wenigen Hightech Firmen Italiens, seine Selbständigkeit schon länger verloren hat. Zwar wurde seit den achtziger Jahren die Mafia als Organisation geschwächt; die strukturell vorhandene Korruption im Staatswesen kostet aber bis in die Gegenwart Geld, Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit.

Europäischer Druck als Hoffnung?

Woller wehrt sich dagegen, in Italien unter Berlusconi neo-faschistische Tendenzen auszumachen. Zu eng sei der internationale, aber auch der innerstaatliche Rahmen, in dem der Möchtegern-Fürst agiert. Europa stelle für Italien die große Hoffnung dar, so der Verfasser, der eine Konsolidierung des in der Landesgeschichte so häufig stark fragmentierten Parteiensystems bemerkt. Zur Stabilität des Landes trage mehr und mehr eine aktive Zivilgesellschaft bei, die die Defizite des Parteiensystems teilweise zu kompensieren vermag.

Die chronologisch strukturierte Geschichte Italiens im 20. Jahrhunderts ist verständlich und dicht geschrieben und integriert regionale, nationale und internationale Entwicklungen auf erhellende Weise. Inhaltlich lässt der Autor in drei Hauptteilen, die durch 25 Einzelkapitel strukturiert sind, keine für Italien entscheidenden Ereignisse, Personen und Institutionen aus. Die Gliederung des Buches lässt allerdings zu wünschen übrig. Denn es handelt sich um eine Textwüste, die nicht durch Bilder, Graphiken, Tabellen oder Definitions- und Personenverzeichnisse aufgelockert wird. Das erschwert es dem Leser, den Faden bei der Lektüre immer wieder problemlos aufzunehmen. Dennoch ist diese Arbeit als Standardwerk zur italienischen Geschichte zu betrachten, das jedem Experten im Feld bekannt sein sollte. Aber auch historisch Interessierten und Journalisten ist diese Abhandlung zu empfehlen.

Woller, Hans: Geschichte Italiens im 20. Jahrhundert
C.H.Beck, München, 2010, 480 Seiten,
ISBN 978-3-406-60174-3, 39,95 Euro


Bildrechte liegen beim Verlag C.H.Beck (Cover) und bei Wilhelm (Portraitfoto).


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