Das Gesamtschultheater

Nachdem sich die Hamburger gegen ein gemeinsames Lernen bis zur sechsten Klasse entschieden haben, ist die Diskussion nun in NRW entbrannt. Dort wollen SPD und Grüne die Gemeinschaftsschule einführen. Ideologisch ist das Konzept höchst umstritten. Von Tobias Hauser

Die Geschichte der Gesamtschule in Deutschland ist bedeutend älter als die aktuelle Diskussion in Nordrhein-Westfalen. Die DDR verwirklichte sie unter dem Namen Einheitsschule, was in Westdeutschland nicht unbedingt zur Popularität des Konzepts beitrug. Dabei fanden sich Vertreter der Gesamtschule auch auf der gegnerischen Seite des politischen Spektrums. Die USA wollte sie im besetzten Deutschland ebenfalls einführen. Die Alliierten mutmaßten damals sogar, die Aufteilung nach der Grundschule würde zu Minderwertigkeits- beziehungsweise Überheblichkeitsgefühlen und damit zum Autoritätsglauben und zur NS-Sympathie der Heranwachsenden beitragen.

Im Laufe der Jahre wurde die Auseinandersetzung um ein (un-)gegliedertes Schulsystem zu einem Ideologiestreit zwischen SPD und Union. Die Sozialdemokraten und später mit ihnen die Grünen waren es auch, die in mehreren Bundesländern versuchten, die Gesamtschule einzuführen. Vor allem Nordrhein-Westfalen wurde in den 1970ern zum schulpolitischen Schlachtfeld. Damals machte ein von der CDU initiiertes Volksbegehren der SPD einen Strich durch die Rechnung.

Drahtseilakt in NRW

1983 wurde dazu gerichtlich entschieden, dass der Bestand von Hauptschulen in der Landesverfassung garantiert ist. Die neue Landesregierung von SPD und Grünen hat daher einen politischen Drahtseilakt vor sich: Die Einführung von Gemeinschaftsschulen bei gleichzeitigem Beibehalten der Hauptschule. Ausschließlich Gesamtschulen gibt es aber ohnehin in keinem Bundesland. Konkret will die Minderheitsregierung unter Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) und Kultusministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) die Schüler der fünften und sechsten Klasse noch gemeinsam unterrichten lassen. Danach soll die Schule zusammen mit den Eltern entscheiden, ob zwischen Haupt- und Realschule und Gymnasium differenziert wird oder nicht.

Neben dieser (in NRW nach derzeitiger Planung nur ansatzweise verwirklichten) integrativen Form der Gesamtschule gibt es noch die kooperative Form. Dabei bleiben die unterschiedlichen Schultypen bestehen, gewisse Fächer wie Sport werden aber von den Schülern gemeinsam besucht. Letzteres lässt sich nur in wenigen Fällen durchführen: Die Schulen müssen etwa direkt beieinander liegen, um einen gemeinschaftlich organisierten Unterricht zu ermöglichen.

Gemeinschaftsschule als bessere Schule?

Umstritten ist die integrative Gemeinschaftsschule auch deshalb, weil es innerhalb Deutschlands keinen Anhaltspunkt dafür gibt, dass sie die „bessere“ Schule wäre. In den PISA-Bildungstests liegt das Gesamtschulenfeindliche Bayern stets ganz vorne, während Bremen, wo auf integrierte Gemeinschaftsschulen gesetzt wird, abgeschlagenes Schlusslicht ist.

Von Befürwortern eines integrativen Schulkonzepts wird oft mit einem stärkeren Ausgleich sozialer Schwächen argumentiert. Soll heißen: Kinder aus dem unteren Einkommenssegment (üblicherweise Haupt- oder Realschul-Absolventen) und Schüler aus reichen Familien (meistens Gymnasiasten) treffen aufeinander, es kommt zu einer sozialen Vermischung. Davon profitieren die Kinder so genannter bildungsferner Schichten. Aber auch dieses Argument lässt sich mit einem Blick auf die PISA-Ergebnisse widerlegen. Diese sind zwar in integrierten Gesamtschulen durchgehend besser als in Hauptschulen. Die Gemeinschaftsschule ist aber auch jene Schulform, in der die Resultate von Schülern mit sozial niedriger und sozial hoher Herkunft am weitesten auseinander liegen.

Internationale Vergleiche schwierig

Der Vergleich mit internationalen Bildungssystemen lässt die Gemeinschaftsschule dagegen besser aussehen. An der Spitze der PISA-Ergebnisse liegt regelmäßig Finnland, das einen solchen Schultypus im gesamten Land umgesetzt hat. Allerdings gibt Finnland im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt auch bedeutend mehr Geld für Bildung aus als Deutschland und hat durchschnittlich eine viel geringere Anzahl von Schülern pro Klasse. Politisch brisanter ist die im Vergleich zu Deutschland geringere Zahl von Zuwanderern. Hierzulande schneiden Kinder mit Migrationshintergrund in Bildungstests im Durchschnitt schlechter ab als Schüler aus deutschsprachigem Elternhaus.

Andere Länder mit integrativem Schulsystem wie Kanada oder Japan liegen im PISA-Test ebenfalls vor Deutschland. Die USA sind dagegen weit abgeschlagen. Welches Fazit lässt sich also aus diesen Statistiken ziehen?

Am nächsten liegt vermutlich folgende Lektion: Dass die Gesamtschule weder die Lösung des Problems noch dessen Ursache ist. Wie erfolgreich Schüler abschneiden, liegt weniger an der konkreten Schulform, sondern vielmehr an Begleitumständen wie Klassengröße oder Bildungsausgaben pro Schüler. Ideologiebehaftete Debatten sind auf jeden Fall wenig hilfreich.


Weiterführender Link:

Gemeinschaftsschule – Pro und Contra vom Goethe-Institut


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