Die Scharia gilt auch für Banken

Islamic Banking steht im Einklang mit der Scharia, dem aus dem Koran abgeleiteten islamischen Recht. Wichtigster Unterschied zum Geschäft konventioneller Banken ist das Verbot von Zinsen. Wie aber kann eine Bank wirtschaften ohne Zinsen zu nehmen? Von Jakob Kienzle

Eine weit verbreitete Dienstleistung islamischer Banken ist Murabahah: Ein Kunde möchte ein Haus kaufen und beauftragt die Bank mit dem Kauf. Die Bank kauft das Haus und verkauft es dem Kunden zu einem höheren Preis, den dieser in Raten abbezahlt. Die Differenz zwischen dem Preis, den der Kunde zahlt, und dem Preis, den die Bank zahlt, ist der Gewinn der Bank. Dieser entspricht den Zinserträgen aus einem Hypothekengeschäft. Im Unterschied zu einer Hypothek wird bei diesem Geschäft aber auf Zinsen verzichtet und die Bank geht ein zusätzliches Risiko ein, indem sie das Haus selbst erwirbt.

Islamic Banking in der Theorie

Das Verbot von Zinsen durch die Scharia beruht auf zwei Grundgedanken: Der erste ist Fairness: Ärmere Menschen sind häufiger gezwungen, sich Geld zu leihen als Reiche und sind somit durch Zinsen benachteiligt. Der zweite ist, dass Zinsen eine völlig passive Form von Einkommen darstellen, welche im Islam nicht wertgeschätzt wird. Im Gegensatz zum Calvinismus, der Zinsen als Belohnung für Sparen und Konsumverzicht sieht, wird der Mensch laut Islam für Anstrengung und soziale Beiträge belohnt, nicht aber speziell für die Zeit, die er mit Arbeiten verbringt.

Weitere Prinzipien des Islamic Banking sind, dass Risiken von Bank und Kunde geteilt werden und dass jedem Geschäft ein realer Handel zu Grunde liegen muss. Es wird nur in Geschäfte investiert wird, die halal, also nach islamischem Recht rein sind. Dies schließt zum Beispiel Geschäfte mit Alkohol oder Schweinefleisch aus. Spekulieren ist ebenfalls verboten. Jede islamische Bank unterhält ein Gremium, das die Einhaltung der Scharia überwacht.

Islamic Banking in der Praxis

Unter islamischen Rechtsgelehrten gibt es eine Diskussion darüber was das Zinsverbot beinhaltet. Der scharia-rechtliche Fachterminus Riba wird entweder als jeglicher Profit aus Geldgeschäften gedeutet, oder ausschließlich als das Verlangen extrem hoher Zinsen. Dementsprechend gehen die Praktiken islamischer Banken auseinander. Murabahah, das beschriebene Ankauf-Verkauf-Geschäft, ist beispielsweise aus Sicht mancher islamischer Rechtsgelehrter insofern nicht rein, als dass die Handelsspanne aus potentiellen Zinseinkünften errechnet wird.

Neben Murabahah gibt es Praktiken islamischer Banken, die den sozialen Aspekt stärker berücksichtigen: Mudarabah ist das Teilen von Gewinn und Verlust zwischen Schuldner und Bank: Ein Unternehmer leiht sich Geld bei der Bank für eine Investition. Die Gewinne aus der Investition werden mit der Bank nach einer vorab vereinbarten Ratio so lange geteilt, bis die Schuld beglichen ist. Takaful heißt „gegenseitige Garantie“ und ist eine Versicherung, bei der die Mitglieder in einen gemeinsamen Topf einzahlen, aus welchem potentielle Schäden einzelner Mitglieder versichert werden. Die Bank verdient dabei lediglich an den Gebühren, nicht aber am Kapital der Versicherten.

Dem Finanzsektor ein neues Zuhause?

Seit dem Anstieg des Ölpreises in den 70er Jahren stieg in arabischen Ländern die Nachfrage nach Scharia-konformen Investitionsmöglichkeiten und Islamic Banking erfuhr einen Innovationsschub. In den letzten Jahren erschienen auf den internationalen Finanzmärkten Sukuk, durch Vermögenswerte gesicherte Scharia-konforme Zertifikate. Im Jahr 2007 wurden weltweit Sukuk im Wert von 97,3 Milliarden US Dollar herausgegeben. Die Zentren des Islamic Banking sind der Persische Golf, Brunei, Malaysia und Singapur, doch werden Sukuk heute ebenso in London gehandelt. Mittlerweile bieten auch konventionelle Banken wie die Deutsche Bank Scharia-konforme Finanzprodukte an.

Bietet etwa die Scharia dem gebeutelten Finanzsektor ein neues Zuhause? Hat die von Max Weber beschriebene protestantische Ethik des  Kapitalismus ausgedient? Eher ist eine gegenteilige Entwicklung zu beobachten: Islamische Kritiker lamentieren, Islamic Banking würde von großen internationalen Banken gekapert und die soziale Idee dahinter untergraben. Die neuen Scharia-konformen Finanzprodukte werden nicht von Scharia-Experten sondern von Finanzexperten aufgelegt, die diese möglichst attraktiv gestalten. Die Balance zwischen Profit und Scharia verschiebt sich hin zu weniger reinen Formen des Islamic Banking, wenngleich die Scharia-Gremien die Autorität behalten.

Der Erfolg islamischer Banken hängt neben der Frage nach der Scharia-Konformität ihrer Dienstleistungen auch von ihrer Fähigkeit zu wachsen ab. Laut IWF haben islamische Banken, wenn sie wachsen, besondere Schwierigkeiten ihre Kreditrisikokontrolle anzupassen. Da große islamische Banken mehr Gewinn-/Verlustbeteiligungen als kleinere betrieben, gingen sie höhere Risiken ein.

Islamic Banking in der Türkei und in Deutschland

In der Türkei entstanden mit der Liberalisierung der türkischen Wirtschaft in den 1980er Jahren erste islamische Bankhäuser. Der Marktanteil islamischer Banken in der Türkei ist bis heute gering, er liegt lediglich bei etwa zwei Prozent im Depositen- und vier Prozent im Kreditmarkt. 55 Prozent der Kunden islamischer Banken in der Türkei nutzen gleichzeitig Dienstleistungen konventioneller Banken. Die Gründe dafür sind, dass die islamischen Banken über kein dichtes Filialnetz verfügen und dass sie keine kurzfristigen Anlagemöglichkeiten bieten.

Deutschland mit seinen 3,5 Millionen Muslimen, darunter 2,6 Millionen Türken, gilt als Zukunftsmarkt für Islamic Banking. Einer Studie der Stiftung Zentrum für Türkeistudien zufolge hielten 23 Prozent der in Deutschland lebenden Türken Zinsen aus religiösen Gründen für inakzeptabel. Diese Zahlen kennt auch die Kuveyt Türk Participation Bank, die, als erste islamische Bank in Deutschland, eine Filiale in Mannheim eröffnen will. Kunden sollen von Mannheim aus ihr Geld in Scharia-konforme Anlagen in Drittstaaten einbringen können.

Scharia ohne Zwang

Im Iran oder in Pakistan wurde Scharia-konformes Banking von der Regierung verordnet. Andernorts gründet der Erfolg der letzten Jahre jedoch auf dem Zuspruch, den das Islamic Banking seitens der Kunden erfährt. Dort scheint es die Möglichkeiten der Menschen zu erweitern: Indem jede Bank ihr eigenes Scharia-Gremium besitzt, wird das Befolgen der Scharia effektiv privatisiert, anstatt von oben herab erzwungen zu werden.


Weiterführende Links:
„Religiös motivierte Geldanlage: Vom Zinsverbot zum Islamic Finance“, Projekt des Exzellenzclusters 212, Westfälische Wilhelms-Universität Münster.


Die Bildrechte liegen beim Autor (Filiale in Istanbul) und bei tnarik /Quelle: flickr (Filiale in Grossbritannien).


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