Vuvuzuelas nirgendwo!

Eine Fußball-Weltmeisterschaft ist immer auch ein Erlebnis für die Sinne. Viele dieser Eindrücke werden wir in den nächsten Wochen nicht mehr hören, sehen, schmecken und vor allem fühlen. Ein Nachruf. Von Tim Frohwein

Ganz spurlos geht eine Fußball-WM wohl nur an den Wenigsten vorbei. Viel zu viele Sinne werden gleichzeitig aufs härteste beansprucht und am Ende flippt der Eine komplett aus, während der Andere schluchzend an der Ecke steht. Aber nicht nur die Eindrücke von Freude und Trauer werden uns in den nächsten Wochen abgehen. Vielmehr werden wir so einiges nicht mehr hören, schmecken, sehen, und vor allem fühlen.

Sehen

Vorbei die Zeit, in der das einfache Wort „Großbildleinwand“ auf den Werbeplakaten ortsansässiger Gastro- und Diskobetriebe ausreichte, um die Massen zu locken. Stattdessen dürfen wir uns wieder auf gewohnt knackige Party-Propaganda-Teaser wie „Promille-Samba unterm Zuckerhut“ oder „Miezentheater – für Miezen und Studenten“ freuen.

(Fern-)Sehen

Was haben wir im vergangenen Monat nicht in die Röhre, den Plasmabildschirm oder die Leinwand geschaut. Sollte es ein fußballtoller Fan unter Missachtung seiner sonstigen Verpflichtungen geschafft haben, sich sämtliche Live-Übertragungen dieser WM anzusehen, so brachte er es in den letzten vier Wochen auf heldenhafte 5880 Minuten Fernsehfußball – und hier sind die obligatorischen Vor- und Nachberichterstattungs-Halbe-Stunden, sowie sonstige fußballlosen Fernsehminuten noch nicht eingerechnet. Zum Vergleich: Im Jahr 2009 – einem Jahr ohne sportliches Großereignis – kam der durchschnittliche deutsche Fernsehnutzer auf 6572 Minuten im Monat.

Schmecken

 

Gustatorisch war die WM eher ein Reinfall. Zwar haben wir uns alle Mühe gegeben und versucht mit dem Kauf diverser Südafrika-Sonderedition-Grillsaucen ein wenig Safari auf unsere Ketchupverseuchten Zungen zu zaubern – meist wurden wir jedoch enttäuscht. Die von den großen Discountern angebotenen Flaschen hielten häufig nicht was ihre bunten Etiketten verhießen. So griffen wir wieder nach jenen, deren farblose Etiketten uns altbekanntes versprachen: Den Bierflaschen! Und deshalb kam es, dass die WM geschmacklich doch ein recht deutsches Erlebnis blieb.

Hören

Während der ein oder andere fußballtolle Fan (s.o.) noch die Vuvuzuela-Klänge der letzten Wochen im Ohr hat, können sich viele an den Sound der musikalischen Begleiterscheinung dieser WM gar nicht mehr erinnern. Er sei hier noch mal ins Gedächtnis gerufen:„Böööööööööööööööööäääääääääääääääääähhhhhhhhhhhhhhhh“.

Und wenn nicht die Musikindustrie endlich auf den Plan tritt und – ich blicke da in ihre Richtung, Herr Raab! – den ersten Vuvuzuela-Gassenhauer produziert, dann wird er nach und nach im Nirvana der akustischen Erinnerung verschwinden – wo er, nebenbei bemerkt, klangfarbig auch gut hinpasst.

Fühlen

 

Wie oft lagen wir uns dieser Tage in den Armen? Egal, ob diese fremd oder vertraut, fleischig oder dünnhäutig, schweiß- oder biernass waren – wir haben es genossen! Die Stimmbänder wurden beim Torjubel bis an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gebracht. Auch das haben wir – trotz einer diffusen Angst vor Langzeitschäden – genossen! Denn: Wann darf der gemeine Bürger denn sonst seiner Freude so lautstark Ausdruck verleihen?

Vorbei ist nun die Zeit des intensiven Körperkontakts, des Schreiens und Kreischens, des kollektiven Freudentaumels und des Partyotismus. Doch die nächste WM kommt bestimmt!


Die Bildrechte liegen bei /e-politik.de/ (Serien-Logo) und dem Autor (Straße mit Fahne, leeres Public Viewing).


Dieser Artikel stammt von unserem WM-Partner An der Eckfahne.


Im /e-politik.de/-Spezial „Abseits in Afrika“ erschienen folgende Beiträge:

Abseits in Afrika

Singen für den Sieg

Afrika, mach Lärm für uns!

Von Fußball, Fans und Frauen

Ein Kick für Südafrika?

Bist Du eingentlich Deutschland?

Die Grüne WM?

Die berechenbare WM

Die falschen Pferde

Vuvuzelas nirgendwo!

Schlusspfiff!


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