Die falschen Pferde

Rooney, Ribéry, Ronaldo? Im Vorfeld einer Weltmeisterschaft versuchen Experten und Werbetreibende die prägenden Figuren dieses großen Fußballturniers vorherzusagen. Selten lagen sie dabei so falsch wie diesmal. Dabei wäre es so einfach gewesen. Von Tim Frohwein

Neulich auf YouTube. Ein heruntergekommener Trailerpark irgendwo in England. Die Szenerie erinnert stark an Guy Ritchies Kultfilm „Snatch“: Man wartet nur darauf, dass jeden Moment Brad Pitt mitsamt Gypsi-Clique von der Kamera eingefangen wird, unverständlich kauderwelschend und in ein Würfelspiel vertieft.

Stattdessen sieht man einen blassen, rübezahlbärtigen Unterhemdenträger, der lethargisch die Tür seines Wohnwagens öffnet. Es ist Wayne Rooney – in seiner heruntergekommenen Variante.

Was ist passiert? Sehen wir hier heimlich gemachte Exklusiv-Aufnahmen, die den traurigen Lebenswandel des englischen Nationalstürmers nach dem bitteren 1:4-WM-Aus gegen den Erzrivalen Deutschland dokumentieren? Nein. Es handelt sich vielmehr um einen Spot der Nike-Werbekampagne „Write the Future“, die im Mai 2010, einen Monat vor WM-Beginn anlief. Die Idee hinter der Kampagne – für die der Oscar-Preisträger Alejandro González Iñárritu („Babel“, „Amores Perros“) und jede Menge Topstars der internationalen Fußballszene unter hohem Kostenaufwand angeheuert wurden – ist, dass sich das zukünftige Wohl und Wehe der Athleten in einigen wenigen Sekunden auf südafrikanischen Fußballplätzen entscheidet. Top oder Flop: Auf die Erfolgreichen wartet der Gipfel ihrer Popularität, auf die Verlierer – wie im Falle Rooney ­– der Trailerpark.

Mehr Stars in den Trailerpark!

 

Kurz vor Ende dieser Weltmeisterschaft muss man feststellen: Hätte Nike doch lieber alle seine Stars in den Trailerpark geschickt! Diese Zukunftsvisionen wären zumindest glaubwürdig, denn die Protagonisten der Spots haben während der WM allesamt schwer enttäuscht: Während Franck Ribéry, Didier Drogba und Fabio Cannavaro sang- und klanglos bereits in der Vorrunde ausschieden, folgten ihnen – ohne auch nur ein einziges Glanzlicht gesetzt zu haben – die beiden Hochgehandelten Cristiano Ronaldo und besagter Wayne Rooney im Achtelfinale. Zwei weitere Darsteller, Ronaldinho und Theo Walcott, wurden von ihren Trainern erst gar nicht in den WM-Kader berufen.

Sich der prekären Lage nach dem frühen Ausscheiden ihrer Stars bewusst, produzierten die Nike-Marketingstrategen eilig einen weiteren Spot mit Brasiliens Offensivkünstler Robinho, nur damit dieser eine Runde später, nach dem Viertelfinale, auch die Heimreise antreten musste. Zwar war der „Write the Future“- Clip mit fast 19 Millionen Clicks auf der Video-Plattform YouTube bisher durchaus erfolgreich, dennoch haben die Nike-Werbetreibenden hier eindeutig auf die falschen Pferde gesetzt.

Trefferquote Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: 17 Prozent

 

Aber um den Ruf der Nike-Marketingexperten zu verteidigen: Auch andere Experten waren vor Fehlprognosen nicht gefeit. So stellte beispielsweise die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung in ihrer Ausgabe vom 6. Juni, unmittelbar vor WM-Start, eine Liste der – nach Meinung ihrer durchaus als Fußballfachmänner und -frauen ausgewiesenen Sportredakteure – kommenden Turnierstars zusammen. Nur einer der sechs Genannten, der Uruguayer Luis Suarez, konnte während der WM überzeugen.

Dabei hätte ein Blick auf das vergangene Champions-League-Finale wahrscheinlich genügt, um die Trefferquote enorm zu erhöhen.

Indikator: Champions-League-Finale

 

Von den 22 Akteuren, die am kommenden Sonntag das WM-Finale bestreiten werden, standen immerhin drei (Van Bommel, Robben und Sneijder) auch im Endspiel der Champions-League 2010 zwischen Bayern München und Inter Mailand. Im Falle eines deutschen Sieges gegen Spanien wären vier weitere hinzu gekommen (Schweinsteiger, Lahm, Klose, Müller). Unter den Finalteilnehmern befinden sich außerdem sechs Spanier (Iniesta, Piqué, Xavi, Pedro, Busquets und Puyol), die mit dem FC Barcelona in der vergangenen Champions-League-Saison zumindest das Halbfinale erreichten.

Bayernspieler Schweinsteiger und Inter-Star Sneijder dürfen sich berechtigte Hoffnungen auf den Titel „Bester Spieler des Turniers“ machen. Genauso gilt das bayerische Jungtalent Thomas Müller als heißester Anwärter auf die Auszeichnung „Bester Junger Spieler“.

Das Champions-League-Finale erwies sich auch in der Vergangenheit als guter Indikator: Seit Einführung der Champions-League im Jahr 1992 standen einmal vier (1998) und zweimal sechs Spieler (1994, 2002) zuerst im Champions-League- und kurze Zeit darauf im Weltmeisterschaftsfinale. Die Ausnahme bildet 2006: Hier bestritt nur der französische Nationalspieler Thiery Henry beide Endspiele. Allerdings ist zu berücksichtigen, dass in jenem Jahr, der AC Mailand mit immerhin vier Spielern aus dem Kader des späteren Weltmeisters Italien knapp im Halbfinale der europäischen Königsklasse scheiterte.

Will man also wissen, wer der kommende Star bei einer Weltmeisterschaft ist, sollte man die beiden Champions-League-Halbfinals und das Finale genauer unter die Lupe nehmen. Hier tummeln sich meist jene Spieler, die auch beim folgenden WM-Turnier eine herausragende Rolle spielen. So lässt sich der Kreis der Spieler mit Starpotential beträchtlich einengen – ganz ohne mathematische Erklärungsmodelle.

Von unserem WM-Partner www.an-der-eckfahne.de


Die Bildrechte liegen bei /e-politik.de/ (Titelbild), bei toksuede (Ronaldo, Rooney) und bei El Ronzo (Champions League).


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