Die berechenbare WM

WM-Halbfinale Spanien gegen Deutschland. Wissenschaftliche Analysen des Marktwerts der Mannschaften sehen eindeutig Spanien vorne. Allerdings lässt sich mathematisch beweisen, dass Deutschland Weltmeister wird. Von Patrick Riordan

Tippgemeinschaften überall stöhnten nach den ersten paar Spielen der Fußball-WM 2010 in Südafrika auf: Diese WM ist untippbar! Frankreich und Italien sind nach wenig überzeugenden Auftritten längst wieder zuhause, ebenso die Engländer, die sich nach einer schwachen Gruppenphase nur knapp ins Achtelfinale retten konnten. Hier scheiterten sie an einer spielerisch starken Mannschaft und an Grundsätzen der FIFA.

Mit dem so frühen Ausscheiden dieser Teams hätten die wenigsten gerechnet. Den Sieger des Turniers vorherzusehen scheint also fast unmöglich. Wissenschaftler verfügen allerdings über Methoden, mit deren Hilfe sich auch schwierige Fragen beantworten lassen. Da verwundert es nicht, dass sich einige auf wissenschaftlich berechnete Favoriten bei der WM festlegen.

Naheliegend: Marktwertanalyse

Der Soziologe Jürgen Gerhards und der Ökonom Gert Wagner, beide unter anderem am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin tätig, haben eine Prognose der WM 2010 basierend auf den Marktwerten der Teams vorgelegt. Ausgehend von der Annahme, dass der internationale Transfermarkt mittlerweile ziemlich effizient funktioniert, betrachten sie den Marktwert eines Spielers als guten Indikator für seine Leistungsfähigkeit: Je teurer, desto besser. Die Methode besticht durch ihre Einfachheit und Transparenz, doch was kommt heraus?

Das teuerste Team hat Spanien zur WM geschickt. Die Summe des Marktwerts aller Spieler beläuft sich auf etwa 650 Mio. Euro. Auf den Plätzen folgen England, Argentinien, Italien, Frankreich, Brasilien und Deutschland. Die Plätze zwei, vier und fünf dieser sieben Favoriten sind aber bereits an Vorrunde oder Achtelfinale gescheitert. Gerhards und Wagner führen für ihre Methode allerdings ins Feld, dass sie sowohl den Europameister 2008 und den Weltmeister 2006 richtig prognostizierte: Spanien bzw. Italien hatten hier die teuersten Mannschaften und gewannen auch.

Risiko-Ertrags-Analyse

Der Chefvolkswirt der UniCredit in Deutschland, Andreas Rees, hat sich die Methode von Gerhards und Wagner vorgenommen und verfeinert. In bester Bankiersmanier wird hier eine Risiko-Ertrags-Analyse durchgeführt, die auch die Verteilung der Marktwerte der einzelnen Spieler innerhalb der Mannschaft berücksichtigt. Was passiert mit der Spielstärke der Mannschaft – nach wie vor gemessen in Euro – wenn der wertvollste Spieler ausfällt? Hier zeigen sich zwischen den Teams große Unterschiede. Während Kamerun bei einem Verlust Samuel Eto’os über 25% an Wert einbüßt, sind die englische und deutsche Auswahl deutlich homogener. Auch der Favorit nach reinem Marktwert, Spanien, wäre bei einem Ausfallen von Xavi nur etwa 10% weniger wert.

Diese Methode sieht also ebenfalls die Spanier vorne, dahinter die bereits ausgeschiedenen Teams aus Brasilien und England. Da die deutsche Mannschaft Verletzungen oder Sperren im Hinblick auf den Marktwert verhältnismäßig gut verkraftet, geht vielleicht sogar mehr als das mittlerweise erreichte Halbfinale.

Der Beweis: Deutschland wird Weltmeister

Noch sehr viel höher werden die deutschen Chancen auf einen Sieg bei der WM in Südafrika von Metin Tolan eingeschätzt. Er ist Professor für Experimentelle Physik an der TU Dortmund und kann mathematisch beweisen, dass Deutschland es 2010 packt. Wichtige Parameter sind die durchschnittliche Platzierung deutscher Mannschaften bei Weltmeisterschaften (3,7) und der Abstand, der zwischen der Entsendung besonders starker deutscher Auswahlen liegt (4,5 Jahre).

Diese Parameter werden zusammen mit einer Kosinusfunktion in Tolans WM-Formel gegossen. Legt man die Kurve der tatsächlichen Platzierung der deutschen Elf über die Jahre und die durch die WM-Formel beschriebene Kurve übereinander, erkennt man, dass der Physikprofessor recht haben könnte. Nicht nur werden von der Formel alle drei bisherigen WM-Titel deutscher Mannschaften korrekt abgebildet. Man sieht auch, dass der nächste Titel 2010 ansteht. Mathematisch betrachtet unausweichlich!

König Fußball und der Zufall

Unausweichlich? Leider nicht ganz. Trotz der Expertise, die diese Wissenschaftler mitbringen: Sie werden nicht alle recht behalten können. Vielleicht liegt auch keiner von ihnen richtig. Den Grund liefern Gerhards und Wagner in ihrer Studie gleich mit. Im Fußball spielt der Zufall eine ziemlich entscheidende Rolle. Da verglichen mit anderen Sportarten wenige Punkte erzielt werden, entwickeln Einzelsituationen zum Teil gravierende Auswirkungen für ein ganzes Spiel.

Man denke an Platzverweise oder fälschlicherweise (nicht) gegebene Tore. Zudem weiß man aus anderen Studien um die Bedeutung weiterer Faktoren, beispielsweise dem Heimvorteil. Wissenschaftlich steht es also 2:1 für Spanien gegen Deutschland. Das ist aber keine Prognose für das Halbfinale am Mittwoch.


Die Bildrechte liegen bei /e-politik.de/ (Titelbild), Tomukas (Löw-Flick) und Goldorak (Stadion)


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