Bist Du eigentlich Deutschland?

 

Özil, Khedira & Co. – die neuen Gesichter der Deutschen Nationalelf. Doch Skeptiker zweifeln: Identifizieren sie sich trotz ihres Migrationshintergrunds mit Deutschland? Die Antwort darauf ist einfach: Natürlich – sie können gar nicht anders! Von Tim Frohwein

Deutschland, eine Woche vor Beginn der Weltmeisterschaft in Südafrika. Der so genannte „Hymnenstreit“ zwischen Franz Beckenbauer und Jogi Löw beherrscht die Sportschlagzeilen kleinerer und größerer Tageszeitungen. Beckenbauer, der einst in seiner Funktion als DFB-Teamchef während der Europameisterschaft 1984 das Mitsingen der Hymne zur Pflicht ausgerufen hatte, war aufgefallen, dass einige Nationalspieler in den WM-Vorbereitungsspielen kein gesangliches Engagement zeigten und forderte ebensolches für die kommenden Auftritte in Südafrika. Löw entgegnete – auch aus Rücksicht vor der Herkunft einiger Spieler – auf einen Hymnen-Zwang verzichten zu wollen.

Das unbehagliche Schweigen der Migrantenkinder

 

Wie bild.de kurz darauf in einem Bericht feststellte, sind es vor allem die deutschen Nationalspieler mit Migrationshintergrund – mit Ausnahme Miroslav Klose und Cacau – die sich der Hymne verweigern. In einer an selber Stelle durchgeführten Online-Umfrage, an der immerhin knapp 55.000 bild.de-Nutzer teilnahmen, sprachen sich 79 Prozent für eine Mitsing-Pflicht aus. Ein Ergebnis ohne Verallgemeinerungsanspruch und dennoch mit einiger Aussagekraft. So ist anzunehmen, dass unter den Befürwortern der Mitsing-Pflicht, jene Personen zu finden sind, die während der Live-Übertragung eines Deutschland-Spiels mit einem gewissen Unbehagen in die stummen Gesichter Lukas Podolskis, Mesut Özils oder Sami Khediras blicken und sich dabei fragen: Singen die alle nicht, weil sie sich nicht mit Deutschland identifizieren?

Und auch wenn wir die individuellen Gründe für den Verzicht auf das Mitsingen der Hymne hier nicht erörtern wollen und können, so kann man doch unzweifelhaft behaupten, dass diese Jungs eine deutsche Identität besitzen. Und zwar weil sie jener Generation deutscher Nationalspieler angehören, die – im Gegensatz zu früheren Kollegen wie Paulo Rink, Sean Dundee oder auch Oliver Neuville, welche seinerzeit in Ermangelung fähiger Nachwuchskräfte im Eilverfahren eingebürgert wurden – hier groß geworden sind.

Özil & Co. – in Deutschland sozialisiert

Die jetzige Generation der deutschen Nationalspieler mit ausländischen Wurzeln ist fast ausnahmslos in Deutschland aufgewachsen. Die meisten sind gar in Deutschland geboren (Özil, Boateng, Khedira, Aogo, Gomez, Tasci), andere in der frühen Kindheit hierher gezogen (Podolski, Marin, Trochowski). Sie haben alle deutsche Schulen besucht, haben deutsche Freunde gehabt und wohl auch deutsches Fernsehen geschaut. Die Heimatländer ihrer Eltern haben sie, wenn überhaupt, nur in den Sommerferien kennen gelernt. Jerome Boateng, dessen Bruder bekanntermaßen seit kurzem für Ghana, dem Herkunftsland seines Vaters, aufläuft, war gar noch nie dort.

Vom Verdacht des Parallelweltlebens sollte man sie daher schnellstmöglich freisprechen – erst recht, wenn man ihren fußballerischen Werdegang genauer betrachtet: Sie haben in deutschen Vereinen das Fußballspielen begonnen und samt und sonders in den DFB-Jugendnationalmannschaften ihre Erfahrungen gesammelt. Dennis Aogo, Sami Khedira und Jerome Boateng spielen seitdem sie 15 Jahre alt sind gemeinsam für Deutschland. Und wer die Nachwuchsförderung des DFB kennt, der weiß, dass ihnen in dieser Zeit Werte wie Kampf- und Teamgeist, Willensstärke und Disziplin – welche immer noch von vielen Kulturexperten der Kategorie „typisch deutsch“ zugeordnet werden würden – nicht nur einmal begegnet sind. Diese Erfahrungen prägen, ob die Betroffenen wollen oder nicht, den Charakter und das eigene Identitätsverständnis.

Zwischen Berlin-Charlottenburg und dem Ammersee

 

Natürlich bleiben am Ende des Tages individuelle Unterschiede bestehen: Boateng, aufgewachsen im Großstadt-Jungle Berlins und ausgewiesener Hip-Hop-Anhänger mit Ghetto-Kid-Ambitionen, bringt sicherlich andere kulturelle Empfindsamkeiten mit, als ein Thomas Müller, der seine Kindheit und Jugend hauptsächlich in der beschaulichen Idylle des Ammersees verlebt hat und sich gerne auch mal anlasslos in Lederhosen schmeißt.

Doch seien wir mal ehrlich – Immigration hin oder her: Der Fußball hat immer schon kulturelle Verschiedenheiten unter seinem Deckmantel vereint. Wäre dem nicht so gewesen, hätten in der Weltmeistermannschaft von 1974 auch nicht der in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsene, westfälische Werkzeugmacher Berti Vogts und der aus gutbetuchtem Beamtenhause stammende, oberbayerische Abiturient Paul Breitner zusammenspielen dürfen.

Keine Abkehr von deutschen Werten

 

Die Mischung ist heute ohne Frage eine andere als damals. Doch das bedeutet keinesfalls, dass deutsche Tugenden nicht mehr zählten. Im Gegenteil: Wie Sami Khedira erst kürzlich in einem Interview zu bestätigen wusste: „In Sachen Disziplin sind wir alle sehr deutsch“.

Diese neue Verknüpfung deutscher Disziplin und nicht-deutscher Leichtigkeit kommt wohl am besten in einer Formulierung der italienische Zeitung „La Stampa“ zum Ausdruck. Diese hatte die deutsche Mannschaft nach dem Auftaktsieg gegen Australien als einen „multiethnischen Panzer mit vortrefflichen Füßen“ gelobt.


Dieser Beitrag stammt von unserem WM-Partner, dem Blog an-der-eckfahne.de


Die Bildrechte liegen bei /e-politik.de/, bei Новикова Юлия von Wikimedia Commons (Mehsut Özil), unter Creative Commons lizensiert, und bei Franz Patzig von flickr.com (Mannschaftsfoto Hymne), unter Creative Commons lizensiert.


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