Geschichte als Voraussetzung für Zukunft

Mythen sind für nationale Geschichtsbilder unerlässlich. Peter März ordnet diese in ein pluralistisches Verständnis der deutschen Geschichte ein. Ein Veranstaltungsbericht von Christoph Rohde

Viele Journalisten waren anwesend, als prominente Politiker und Historiker das neue Buch von Peter März, Mythen – Bilder – Fakten: Auf der Suche nach der deutschen Vergangenheit im Münchner Presseclub diskutierten. März leitet die Bayerische Landeszentrale für Politische Bildung. Der ehemalige Bundesfinanzminister Theo Waigel sorgte bei der Buchpräsentation mit seinen Anekdoten aus der historischen Empirie mehr als einmal für Erheiterung. Weiterhin saßen der Historiker Michael Stürmer, der Verleger des Olzog-Verlages, Reinhard Möstl sowie der bayerische Kultusminister Ludwig Spaenle neben dem Buchautor auf dem Podium.

Geschichte als didaktische Herausforderung

Reinhard Möstl berichtete zu Beginn der Buchvorstellung von seiner Kreuzfahrt durch den Ostseeraum, auf welcher er mit verschiedenen nationalen Mythen konfrontiert worden sei, die zeigten, wie wichtig ein übergreifender Dialog über geschichtliche Fragen gerade in Europa, auch heutzutage noch sei. Denn auch im 21. Jahrhundert würde Geschichte noch weitgehend zur nationalen Selbstbestätigung eingesetzt. Diese Aussage wurde von Ludwig Spaenle bestätigt, der die zentrale Rolle der Vermittlung eines pluralistischen Geschichtsbildes für die Entwicklung reifer Staatsbürger in den Schulen hervorhob. Wer Geschichte nicht kenne, laufe Gefahr, „umso leichter den Rattenfängern auf den Leim zu gehen.“ Für die Gegenwart identifiziert er nicht nur die Bedrohungen durch den Rechtsradikalismus, sondern auch durch die Linkspartei, die beide Geschichte für eigene ideologische Ziele missbrauchten. Doch diese parteipolitisch bedingten Wahrnehmungen muss nicht jedermann teilen.

Waigel als selbstgewisser Humorist

Der zur historischen Selbstzufriedenheit neigende ehemalige Bundesfinanzminister Theodor Waigel meinte: „Ich bin nicht Historiker, aber ich war dabei“. Diese Tatsache nutzte er jedoch konstruktiv zur Ausbreitung einiger Anekdoten, die Bezug nahmen auf das März’sche Buch. Waigel stellte die Hypothese des Autors in Frage, die kleine, beschauliche BRD habe ein „silbernes Zeitalter“ gesehen. Für den ehemaligen Finanzminister existiert das wiedervereinigte Deutschland in den besten aller denkbaren Zeiten. Als Land umgeben nur von Freunden, wann gab es das schon einmal?

Geißler als Aufwiegler

Waigel kritisiert die Darstellung Heiner Geißlers bei März. Als Parteirevoluzzer der CDU werde er zu Unrecht als konstruktiver Reformer dargestellt. Geißler habe aktiv Intrigen gegen Helmut Kohl gesponnen und sei durch die Republik gezogen, um für sich selbst Wahlkampf als potenzieller Kanzler zu machen. Die einzige Unterlassungssünde in dem Buch diagnostiziert Waigel im Themenfeld Fußball. Die Rolle des bescheidenen, sensiblen Fritz Walter sei bei der Berücksichtigung des mythischen „Wunder von Bern“ weitestgehend unterschätzt worden. Der ehemalige Finanzminister versuchte abschließend noch einmal mit dem weit verbreiteten Mythos aufzuräumen, die Wiedervereinigung sei mit der Einführung des Euro erkauft worden. Nein, so Waigel, die Delors-Kommission habe bereits 1988 die Einführung der Währung beschlossen, als die Wiedervereinigung noch nicht absehbar war.

Stürmers philosophischer Exkurs

Michael Stürmer, Historiker und Redakteur bei der Welt, hob den Unterschied zwischen Vergangenheit und Geschichte hervor. Die Vergangenheit liefere das Material für die Mythen, die in Form von Geschichte handlungsrelevant werden. Im Nahen Osten sterben, so Stürmer, junge Männer für das Erbe einer dreitausend Jahre alten Vergangenheit. Die Geschichte sieht er als einen immerwährenden Dialog der Lebenden mit den Toten als eine Konfrontation, der man sich nicht entziehen könne. Stürmer lobt die Leistung des Autors, mit den drei Dutzend Essays seines Buches zu einer breiten Sicht auf die Geschichte Deutschlands beizutragen. Besonders gefiel dem Historiker März’ Bezug auf Orte der Erinnerung, wobei die Wartburg eine zentrale symbolische Rolle einnimmt. Denn von Luthers Tintenfass bis zur Automarke Wartburg bildet diese Festung eine Leitlinie deutscher Kultur und Politik, die nicht nur auf dem Cover des Buches entsprechend gewürdigt wird. Stürmer fügte an, dass die Wartburg im Grunde schon im Mittelalter das „Fulda Gap“ Deutschlands dargestellt habe.

Die Essenz des Buches

Peter März gelingt es aufgrund seines historischen Wissens einerseits und seiner profunden Kenntnis der aktuellen Politik andererseits, die Pfade von der Gegenwart in eine mögliche Zukunft Deutschlands geschickt zu spuren und dabei einfache Bilder wie die historisch populäre Sonderwegsthese zu entkräften. Drei historische Leistungen identifiziert März, die die deutsche Geschichte jenseits historischer Katastrophen und Verfehlungen als nachvollziehbare Kontinuität erscheinen lassen: Erstens sei Deutschland einzigartig als Staat, der zu einer konfessionellen Pluralität gefunden habe; diese gewachsene Toleranz verbindet März mit Maria Theresia einerseits und Friedrich dem Großen andererseits. Die regionale Aufteilung des einstigen Flickenteppichs im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation habe zweitens zu einer politischen Mehrebenentradition im Sinne eines konstruktiven Föderalismus weiterentwickelt werden können. Dazu komme als dritte Komponente die Tradition des aufgeklärten Verwaltungsstaates, der besonders auf preußischen Leistungen aufbauen konnte.

Die Strukturierung des Buches in sechsunddreißig einzelne Essays macht das Buch gut und abschnittsweise lesbar. Es ist aufgrund seiner Reichweite und dem weitgehenden Verzicht auf Fachtermini für ein breites Publikum gut geeignet, ohne dass dadurch an Qualität und Tiefe Kompromisse gemacht worden wären.

März, Peter: „Mythen, Bilder, Fakten. Auf der Suche nach der deutschen Vergangenheit“

Olzog-Verlag München, 336 Seiten

ISBN-10: 3789283223, 26,90 Euro

Der Verlag im Internet


Die Bildrechte liegen beim Autor und beim Olzog-Verlag (Buchcover)


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