Die „unbesungenen Helden“ des Wirtschaftswunders

Cover_Grunenberg.jpgNoch immer gilt das deutsche „Wirtschaftswunder“ als Gründungsmythos der frühen Bundesrepublik. Nina Grunenberg holt die einst verehrten Wirtschaftslenker dieser Jahre aus der Vergessenheit empor und charakterisiert dabei eine Generation von Machern, die nach der NS-Zeit die „Deutschland-AG“ gestalteten. Von Andreas Morgenstern

Die Jahre des Wirtschaftswunders nehmen eine Vorbildfunktion ein. Egal ob die heute märchenhaft erscheinenden wirtschaftlichen Wachstumsraten oder die damalige Vollbeschäftigung, in den fünfziger Jahren erlebte die Bundesrepublik einen Aufschwung ohne gleichen. Wohlstand erreichte breite Schichten der Gesellschaft, Optimismus herrschte vor. Nicht umsonst verbindet Bundeskanzlerin Angela Merkel heute gern die Forderung nach Reformen mit einem Verweis auf den „Vater des Wirtschaftswunders“ Ludwig Erhard und die Erfolge der unter seiner Ägide konzipierten sozialen Marktwirtschaft. Kaum Erwähnung finden hingegen jene „unbesungenen Helden“, die damals die ökonomischen Richtungsentscheidungen trafen. Sie führten zwar die Unternehmen, die sich heute mit dem Wirtschaftswunder verbinden und als Markenschilder der Deutschland-AG dienen, fanden aber nicht ihren Weg in die Geschichtsbücher. Die Gründe hierfür liegen nicht allein in einer radikalisierten ökonomischen Denkweise, die viele Unternehmen grundlegend veränderte oder gar von der Bildfläche verschwinden ließ, sondern zumindest in gleichem Maße an der Verschwiegenheit der damals Handelnden.

„Farbige, knurrige Figuren“

Die preisgekrönte Journalistin Nina Grunenberg widmet diesen Wirtschaftsführern, die ihr Handwerk zumeist im Nationalsozialismus gelernt hatten und in den Jahren des Wiederaufbaus tatsächlich am „großen Rad“ drehten, ihre jetzt als Taschenbuch erschienene Studie Die Wundertäter. In ihrer lebendigen Schilderung zeichnet sie ein Porträt „farbiger, knorriger Figuren“, allesamt auf ihre eigene Art unverwechselbar und dennoch voller Gemeinsamkeiten. Grunenberg beschreibt sie als eine Kohorte von Menschen ähnlicher soziokultureller Prägung, als „wilhelminisch“, „patriarchalisch“, „ständestaatlich“ und „antikommunistisch“. Hier drängt sich natürlich der Eindruck auf, dass sie genau jener Art von autoritären Entscheidungsträgern entsprachen, die in der Adenauer-Ära die Richtung vorgaben.

Schließlich sieht Grunenberg die Wurzeln dieser Wirtschaftsführer in der NS-Zeit unter anderem in Phantasiereichtum und Organisationsstärke bei gleichzeitigem Pragmatismus. Die Politik habe man allenfalls im Hintergrund wahrgenommen wollen. Zugleich blieben ihnen finanzielle Risiken bis zum Kriegsende fremd, heiligte doch der militärische Zweck ihrer Tätigkeit im Umfeld des Rüstungsministers Albert Speer jedes Mittel. Dass mancher anschließend im zivilen Bereich mit der so übernommenen Einstellung wirtschaftlichen Schiffbruch erleben sollte, auch das lässt Grunenberg nicht aus.

Schon 1942 begann die Nachkriegszeit

Portrait_Grunenberg.JPGPlanungen für die Nachkriegszeit begannen für viele Unternehmer bereits 1942, für Grunenberg (Foto links) deshalb auch der Basispunkt ihrer Studie. Firmen wurden umstrukturiert oder gar mit Rücksicht auf alliierte Planungen in die zukünftigen Westzonen verpflanzt. So belegt die Autorin, dass für diese Wirtschaftsbarone keine Stunde Null stattfand. Entsprechend verständnislos standen sie dann auch den Internierungsmaßnahmen gegenüber, die sie nach Kriegsende ereilten. Bleibendes Moment war jedoch die gegenseitige Solidarisierung als eine Infragestellung bisherigen Handelns, wurden sie doch zumeist als „Mitläufer“ entlastet und starteten, „anpassungsfähig bis zur Selbstverleugnung“, ihre neue Karriere.

Auch in der Bundesrepublik hielten sie sich dann zumeist aus der Politik heraus, so lang diese gute wirtschaftliche Rahmenbedingungen schuf. Stattdessen pflegten gerade die Kohle- und Stahlbarone des Ruhrgebiets in einer schon beinahe exzessiv ausgeübten Jagdpassion ihre alten Beziehungen und hielten dabei unliebsame Konkurrenz aus dem Markt heraus. Sie sahen sich selbst als Elite in der Elite. Dass gerade die Kohle- und Stahlindustrie des Ruhrgebiets, welcher der Erfolg dank der regen Rohstoffnachfrage der Aufbaujahre zunächst scheinbar in die Wiege gelegt schien, ab den sechziger Jahren besonders unter dem Strukturwandel litt und Massenarbeitslosigkeit ausgerechnet hier wieder zu einem Thema werden sollte, ist da beinahe schon eine Ironie der Geschichte.

Das Unternehmen stand im Mittelpunkt

Ihren besonderen Wert gewinnt die Studie darin, dass sie Namen vorstellt, die heute kaum noch einem Leser geläufig sein dürften. Eine kleine Auswahl: Carl WursterUlrich Haberland und Karl Winnacker. Mit Wagemut bauten sie die exportorientierte Chemieindustrie bei BASF, Bayer und Hoechst wieder auf. Oder: Werner Otto, Max Grundig, Heinrich Nordhoff.

Otto startete seinen Versand mit einem Kapital von gerade 6.000 DM, während der Fürther Grundig mit einem Radio zum selber bauen seinen ersten Riesenerfolg landete. Nordhoff, der ebenso wie die meisten anderen damals Handelnden seine Aufgabe, den Aufbau der VW-Werke, als „Passion“ betrachtete, ließ ein Automobilimperium schier unglaublicher Größe in der Wolfsburger Provinz gleich neben der Zonengrenze entstehen. Schließlich die Familie von Siemens: Der Elektrokonzern musste nach dem Verlust der Berliner Heimat in Bayern komplett neu beginnen und tat dies auch mit ungedeckten Wechseln. Grunenberg hat gründlich recherchiert und bildet so ein Kaleidoskop des Neubeginns nach dem Krieg.

So erscheint hier das Bild einer Managergeneration, das sich von der Gegenwart abhebt. Für diese Männer stand der Erfolg des eigenen Unternehmens im Mittelpunkt und nicht die kurzfristige Erhöhung der Renditen. Für den heutigen Beobachter erscheint dies geradezu romantisch weltfremd. Diesen Eindruck beabsichtigt Nina Grunenberg wohl auch durchaus, betont sie doch Odo Marquards Maxime „Zukunft braucht Herkunft“ als ein Motiv für ihre Studie. So wäre manchem Manager unserer Tage ein Nachdenken über die Beweggründe und Entscheidungen der Altvorderen, manchmal ja schlicht des Gründers des eigenen Unternehmens, dringend ans Herz zu legen.

Kein Wunder, sondern Ergebnis harter Arbeit

1957 hatten die Westdeutschen einen Wohlstand wie nie zuvor erreicht. Die Grundlagen hierfür mögen im Kurs der sozialen Marktwirtschaft und den Rahmenbedingungen des Kalten Kriegs gelegen haben. Doch erst die in den Unternehmen Handelnden ermöglichten diesen Erfolg. Mit Phantasie und Risikobereitschaft, aber auch strikter Disziplin, stellten sie die Weichen für den Wiederaufbau der westdeutschen Industrie und wussten hierfür die vorhandenen Stärken zu nutzen.

Grunenberg beschreibt das Wirtschaftswunder weniger als ein Wunder als solches, sondern als Resultat harter Arbeit einer ganzen Generation und des energischen Anpackens seiner Manager in einer Phase des weltweiten wirtschaftlichen Aufschwungs. Das Buch schließt so mit seinem Blick auf die Wirtschaftsführer der Aufbaujahre ein Desiderat bundesdeutscher Geschichtsschreibung.

Grunenberg, Nina,

Die Wundertäter. Netzwerke der deutschen Wirtschaft 1942-1966,

(2007), München, Pantheon Verlag,

320 Seiten, ISBN 978-3-570-55051-9, 12,95 Euro


Die Bildrechte liegen beim Pantheon Verlag (Cover) und Vera Tammen (Portrait). Der Verlag im Internet.


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