Der Heilige Krieg in Zentralasien

Cover_Thamm.jpgAls Zentren des Islamismus gelten gemeinhin der Nahe Osten und Nordafrika. In jüngster Zeit hat sich jedoch auch Zentralasien zu einem regionalen Schwerpunkt eines besonders militanten Islamismus entwickelt. Bernd Georg Thamm legt mit seinem neuen Buch eine Analyse dieser Bewegung in Russland, China und dem Kaukasus vor. Von Jan Künzl

Der Diplom-Sozialpädagoge Berndt Georg Thamm hat sich durch verschiedene Publikationen zum Thema islamischer Fundamentalismus einen Namen gemacht und wird regelmäßig in den Medien als „Terrorexperte“ konsultiert. In seinem Buch Der Dschihad in Asien kritisiert er, dass „eine Bedrohung des Ostens durch islamistische Terroristen im westlichen Zeitgeschichtsdenken nicht die Beachtung fand und findet, die ihr die betroffenen Staaten selbst geben.“

Er plädiert dafür, endlich die Bedrohung Russlands und Chinas durch den islamistischen Terrorismus anzuerkennen. Dies sei die Voraussetzung um die legitime Selbstverteidigung beider Länder zu unterstützen und zukünftig in Fragen der Terrorbekämpfung enger zusammenzuarbeiten.

Das Buch ist in drei Abschnitte gegliedert. Zunächst wird die Entstehung eines „islamistischen Triumvirats“ durch die Zusammenarbeit verschiedener zentralasiatischer Terrorgruppen als zentrales Problemfeld aufgebaut. Dabei verweist Thamm darauf, dass diese Gruppen Westeuropa nicht nur als Rückzugs- und Rekrutierungsraum nutzen, sondern bereits konkrete Vorbereitungen für Anschläge z.B. in Deutschland getroffen haben.

Die zwei folgenden Kapitel thematisieren die Situationen in Russland und China. Dabei beschreibt Thamm detailliert die Geschichte des Islams und des islamischen Fundamentalismus in diesen Ländern um anschließend eine Einschätzung der aktuellen und zukünftigen Bedrohungslage zu geben.

„Das islamistische Triumvirat“

Laut Thamm entsteht in Asien durch die Kooperation islamistischer Gruppierungen ein terroristisches Potential, das auch für den Westen ein erhebliches sicherheitspolitisches Problem darstellt.

Hauptakteure auf Seite der islamischen Fundamentalisten sind drei Gruppen, die sich vor allem durch ihren geografischen Bezugspunkt unterscheiden. Die Taliban gewinnen in Afghanistan an Stärke und haben sich die Wiedererrichtung des islamischen Emirats Afghanistan zum Ziel gesetzt hat. Für ein zentralasiatisches Kalifat, das unter anderem weite Teile des Kaukasus sowie die chinesische Provinz Xinjiang/Sinkiang beinhalten soll, kämpft die Hizb ut-Tahrir.

Zu guter Letzt hat auch al-Qaida weiterhin seinen organisatorischen Schwerpunkt in der Region und kämpft von dort für das Endziel eines weltweiten Kalifats. Die Mitglieder dieses ‚islamistischen Triumvirats’ unterstützen sich gegenseitig logistisch, finanziell, strategisch und militärisch.

Die „Strategie der Islamisierung ethnischer Konflikte“

Der Autor verdeutlicht, dass diese Gruppen vor allem auf die Islamisierung ethnischer Konflikte setzen, um die feindlichen Mächte zu destabilisieren. Dies ist vor allem bei den Vielvölkerstaaten Russland und China Erfolg versprechend und bereits in Tschetschenien vollzogen worden. Diese Islamisierung der Konflikte führt zu einer erheblich vereinfachten Mobilisierung von Ressourcen und zu einer Beschleunigung des Eskalationsprozesses. Islamistische Gruppen sind damit beschäftigt, diese tschetschenische Strategie auch auf die mehrheitlich von muslimischen Uiguren bewohnte westchinesische Provinz Xinjiang/Sinkiang anzuwenden. In dieser Region gibt es verschiedene separatistische uigurische Gruppen, die teilweise auch gewalttätig für eine Unabhängigkeit von China streiten und von den chinesischen Sicherheitskräften vehement bekämpft werden.

Bedrohung nicht nur für den asiatischen Raum

Aus der Analyse der Situation in Zentralasien zieht Thamm den Schluss, dass sich dort ein Gefahrenpotential zusammenbraut, das auch für den Westen von erheblicher Bedeutung ist. Doch statt die strategische Zusammenarbeit mit den russischen und chinesischen Sicherheitsbehörden zu suchen, stilisiert der Westen die Fundamentalisten zu Freiheitskämpfern und kritisiert China und Russland für die gewaltsame Unterdrückung ethnischer Autonomiebestrebungen. Da aber „das terroristische Geschehen in der Russischen Föderation eine Art Blaupause für Westeuropa“ ist, wäre eine Zusammenarbeit von Ost und West auf dem Gebiet der Terrorismusbekämpfung zwingend notwendig.

Nur eine Seite der Medaille

Portrait_Thamm.jpgDer Autor legt ein Werk vor, das solide recherchiert ist und durch detaillierte historische Ausführungen, zahlreiche Karten und Tabellen aufgewertet wird. Abgerundet wird das Buch durch ein Interview mit dem chinesischen Militärattaché Oberst i. G. Chen Chuan, der Thamms Thesen aus der Perspektive eines ranghohen Vertreters des chinesischen Sicherheitsestablishments bestätigt.

Die Einschätzung Thamms, dass das Gefahrenpotential des Islamismus in Zentralasien im Westen unterschätzt wird und einem global vernetzten Terrorismus auch eine global vernetzte Terrorabwehr entgegengesetzt werden muss, sind durchaus plausibel. Das eine usbekische Terrorgruppe durchaus ein erhebliches Sicherheitsrisiko in Westeuropa darstellen kann wurde sehr deutlich, als am 4. September 2007 drei Mitglieder der Islamischen Jihad Union festgenommen werden. Diese hatten Anschläge in Deutschland geplant und bereits erhebliche Mengen Chemikalien zur Herstellung von Sprengmitteln beschafft.

Berndt Georg Thamm schreibt im Nachwort „die Perspektive des Ostens dem Westen näher zubringen“ sei sein Anliegen. Die größte Schwäche dieses Buches liegt jedoch darin, dass diese Perspektive nur die der russischen und chinesischen Sicherheitsorgane ist. Treffend beschreibt er die Strategie der Islamisierung ethnischer Konflikte, geht aber nicht darauf ein, warum diese Strategie gerade im Kampf gegen autoritäre Staaten besonders effizient ist. Dass die russische Tschetschenien-Politik seit Beginn des ersten Tschetschenienkrieges Ende 1994 ausschließlich auf der militärischen Zerstörung des Separatismus setzt und dabei massive Menschenrechtsverletzungen begeht, kann in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben.

Dabei geht es nicht darum den islamistischen Terrorismus zu rechtfertigen, sondern darum zu verdeutlichen welche Mechanismen zu einer Eskalation der Situation führen. China und Russland nur als Opfer zu beschreiben und damit die Tschetschenienkriege und das Vorgehen der chinesischen Sicherheitskräfte in Xinjiang/Sinkiang als legitime Selbstverteidigung zu deuten, wird der Komplexität der Problematik nicht gerecht.

Insofern ist Der Dschihad in Asien vor allem ein solider Einstieg in das Thema Islamismus in Zentralasien. Um ein möglichst vollständiges Bild der Konfliktlage und der Konfliktdynamiken zu erlangen, ist dieses Buch jedoch nicht ausreichend objektiv.

Thamm, Berndt Georg

Der Dschihad in Asien- Die islamistische Gefahr in Russland und China

(2008), München, dtv-Verlag

280 S., ISBN 978-3-423-24652-1, 15,00 Euro


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