Afrika, mach Lärm für uns!

Südafrika hat gute Chancen weit zu kommen. Und tröten die Südafrikaner am lautesten für Deutschland, klappt es auch mit dem Titel. Absurd? Nein, empirische Studien belegen einen klaren Vorteil von Heimmannschaften. Von Jochen Groß

Die Gesellschaft beeinflusst auch das Fußballspiel. Und zwar ebenso konkret, wie unser alltägliches Handeln vom sozialen Kontext und von unseren Beziehungen in Netzwerken beeinflusst wird. Die über das Grün rennenden Akteure, so die Idee, agieren in einem komplexen Geflecht sozialer Strukturierung und können sich davon auch in den 90 Minuten, die die Welt bedeuten, nicht lösen. Davon ist jedenfalls der Sportsoziologe überzeugt und sucht nach außersportlichen Faktoren, die das Runde ins Eckige bringen.

Heimvorteil: Kein Mythos, sondern empirischer Fakt

Ein beliebtes Forschungsfeld aller Fußballforscher ist dabei die Erklärung des Phänomens des Heimvorteils. Dieser ist in der Tat mehr als eine gut gepflegte Legende von Vereinen und Fans, um zweiwöchentlich die Stadien zu füllen. Die Statistik belegt eindeutig den Heimvorteil: So gewannen etwa in der Saison 2000/2001 in der englischen Premier League die Heimteams rund 60 Prozent der Partien und auch in anderen Fußballigen Europas findet man stetig überzufällige Häufungen von Siegen der Heimmannschaften.

Verrückt spielende Hormone

Weitaus weniger einig ist man sich in der Fachwelt – und damit sind mal nicht Günther Netzer und Franz Beckenbauer gemeint, sondern die sich dem Phänomen widmenden Wissenschaftler – über die Gründe für die Existenz des Heimvorteils. Je nach Disziplin variieren die vorgebrachten Einflussfaktoren. Neuropsychologen argumentieren, dass die Heimmannschaften im Prinzip ihr Territorium gegen ungebetene Eindringlinge verteidigen und damit uranimalische Triebe im Fußballerhirn freigesetzt werden. Klingt wie eine Erklärung für das Verhalten von Paul Gascoigne, ist aber empirisch nicht nur für den Einzelfall belegbar: Die Forscher ermittelten den Testosteronwert der Fußballer vor den Spielen und stellten fest, dass dieser – bei denselben Spielern, versteht sich – im Schnitt bei Heimspielen höher ist als bei Auswärtsauftritten. Und dies entspricht genau der Beobachtung bei Tieren, die ihr Revier verteidigen.

Sozial unterdrückte Schiedsrichter

Sozialwissenschaftler sind seit jeher skeptisch ob solcher biologischer Erklärungen und betonen die soziale Durchdringung der Lebenswelt. Ihnen zufolge ist vielmehr der soziale Druck, der von den Zuschauern ausgeübt wird, entscheidend. Und in der Tat stützen ihre empirischen Befunde auch diese Argumentation. Alan Nevill, Sportwissenschaftler an der Universität von Liverpool, und seine Kollegen zeigen, dass insbesondere die Schiedsrichter sich vom Stadionlärm beeindrucken lassen. In einem Experiment spielten die Forscher Profischiedsrichtern verschiedene reale Szenen mit (vermeintlichen) Fouls vor und baten sie um ihre Bewertung der Situation. Die Schiedsrichter wurden dabei per Zufall in zwei Gruppen unterteilt. Beiden Gruppen wurden dieselben Szenen vorgespielt, aber nur eine Gruppe bekam die Zuschauerreaktion zu hören – und davon ließen sich sogar die Schiedsrichter im Labor beeinflussen. Die Heimmannschaften profitieren, so die Schlussfolgerung dieser und anderer Studien, vor allem durch Schiedsrichterentscheidungen zu ihren Gunsten.

Deutschland muss sich in die afrikanischen Herzen spielen

Südafrika kann folglich auf Schützenhilfe der „Unparteiischen“ bauen. Der Effekt ist jedoch nicht endlos dehnbar und die südafrikanische Mannschaft wird wegen ihrer mangelnden fußballerischen Qualitäten wohl dennoch früh scheitern. Folglich sollte Deutschland durch weiterhin beherztes Spiel die Herzen der Südafrikaner rechtzeitig gewinnen, um kräftig belärmt zu werden und damit entsprechende Gratifikationen durch die Schiedsrichter zu erhalten. Aber vorsichtig: Erstens ist dieser Schluss vom allgemeinen Befund auf einzelne Spiele rein wissenschaftlich nicht möglich und zweitens beziehen sich die Befunde auf Europas Stadien – und da sind Vuvuzelas bisher wenig verbreitet.


Weiterführende Literatur:

Dawson, Peter/Dobson, Stephen (2010): The Influence of Social Pressure and Nationality on Individual Decisions. Evidence from the Behaviour of Referees. In: Journal of Economic Psychology 31: S. 181-191.

Neave, Nick/Wolfson, Sandy (2003): Testosterone, Territoriality, and the ‘Home Advantage’. In: Physiology & Behavior 78: S. 269-275.

Nevill, Alan/Balmer, Nigel/Williams, Mark (1999): Crowd Influence on Decisions in Association Football. In: The Lancet 353: 1416.

Pollard, Richard/Pollard, Gregory (2005): Home Advantage in Soccer. A Review of its Existence and Causes. In: International Journal of Soccer and Science Journal 3: S. 28-44.


Die Bildrechte liegen bei /e-politik.de/ (Logo), Pascal Philp (Fankurve, nach Creative Commons lizensiert) und steindy (Schiedsrichter, nach Creative Commons lizensiert).


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