Liberaler Sozi, streitbarer Superstar

SchillerBuchL_tjen.jpg Karl Schiller, von alten Genossen auch „Diva“ genannt, war „Superminister“ bei Willy Brandt. Eine von Torben Lütjen gibt interessante Einblicke in das Leben des „kleinwüchsigen Professors“. Von Wolfgang Mehlhausen

Der Name des Wirtschafts- und Finanzministers Karl Schiller wird nicht allen politisch Interessierten ein Begriff sein, denn Willy Brandts Kanzlerschaft ist heute nicht mehr das, was man Zeitgeschichte nennt. Für Politikwissenschaftler und Historiker, die sich mit der Geschichte der BRD und der Sozialdemokratie beschäftigen, ist dieser Mann von großer Wichtigkeit. Er steht für einen bedeutenden Zeitabschnitt in der Geschichte der Partei, die sich von einer Arbeiterpartei unter Bebel und Liebknecht zur „Agenda-2010-Partei“ von Gerhard Schröder entwickelte und nun irgendwo die neue Mitte sucht.

Karl Schillers Weg in die Politik

Der kleinwüchsige Professor war einer der bedeutendsten Wirtschaftswissenschaftler der Bundesrepublik Deutschland. Er war vor dem Kriege Mitglied der NSDAP und wirtschaftswissenschaftlicher Berater des Nazi-Regimes. Schiller war trotzdem ziemlich unpolitisch, wie man dem Verfasser des Buches Torben Lütjen abnehmen kann. An dem Kieler Weltwirtschaftsinstitut war man eben in der Nazipartei und dennoch vorrangig Wissenschaftler. Scharfmacher war Schiller, der Begabte und Musterschüler gewiss nicht. Bald nach dem Krieg war die NS-Geschichte für ihn erledigt und der überaus fleißige Mann wurde Professor. Auf seinem Lebensweg wollte er Karriere machen – warum es gerade die SPD war, wird der Leser nicht so richtig erfahren. Genosse wurde Karl Schiller vielleicht, weil es dieser Partei an Wirtschaftsfachleuten fehlte. Ein „waschechter Sozi“ und Politiker vom Schlage Herbert Wehners war Schiller nie. Musste er sich mal unter das Volk mischen, etwa bei Wahlveranstaltungen, so gelang ihm nie ein Kontakt zur „Masse“, zum Volke. Er blieb Akademiker und gehörte dem Parteivorstand der SPD an.

„Konzertierte Aktion“ – der gelenkte Kapitalismus

In dem vorliegenden Buch, die erste Biographie von Schiller, finden wir in zehn Kapiteln chronologisch die Lebensbeschreibung, beginnend mit der Jugend und Kindheit von 1911 – 1931. Hier hat der Verfasser viele interessante Informationen zu dem verschlossenen, jungen Mann zusammengetragen. Wie ein ganz normaler Mann – intelligent, fleißig und anständig – zum Mitglied der Nazipartei wird und schließlich für das Oberkommando der Wehrmacht in einer Art „think tank“ tätig ist, beschreiben weitere Kapitel. 1946 trat er der SPD bei, um die Partei 1972 zu verlassen und erst 1980 wieder einzutreten.

Die sogenannte Konzertierte Aktion war ein interessantes Mittel, um Interessengruppen, wie Arbeitnehmer und Arbeitgeber zu gemeinsamem Handeln aufzufordern. Schiller hoffte, dass man so Krisen in der Wirtschaft aufhalten oder abmildern könne. Die 1967 begonnenen Maßnahmen dazu endeten zehn Jahre später, als die Gewerkschaften sich nach einem Streit über das Mitbestimmungsgesetz zurückzogen.

Schillers Höhen und Tiefen – Streit mit Brandt

437px_Plisch_und_Plum1.jpgSchiller war schon 1948-1953 Senator für Wirtschaft und Verkehr in Hamburg und in Berlin 1961 bis 1965 unter Bürgermeister Willy Brandt Senator für Wirtschaft. In der Großen Koalition war er Wirtschaftsminister und arbeitete wider Erwarten sehr gut mit Franz Josef Strauß zusammen. Man nannte beide nach Wilhelm Busch Plisch und Plum.

Als Brandt 1969 Kanzler wurde, war er Wirtschaftsminister und übernahm dann noch das Finanzministerium. In jener Zeit fühlte er sich als „Superstar“ und strapazierte das Verhältnis zu Brandt auf das Äußerste. Als Brandt eigene wirtschaftspolitische Entscheidungen vertrat, warf Schiller sein Amt hin und schied aus der Regierung aus. Auch die Partei verließ er.

Die Parteilinke hatte ihn nicht vermisst, er war eher Liberaler denn „Sozi“, mit vielen guten Ideen und Vorschlägen zum Umbau des Sozialstaats. Immerhin konnte die SPD den Beweis antreten, dass auch sie eine wirtschaftswissenschaftliche Kapazität in ihren Reihen hatte, die Professor Erhard, dem legendären ersten Wirtschaftsminister und später glücklosen Kanzler in Wirtschaftsfragen ebenbürtig war. Zugleich hatte sich die SPD zur Amtszeit von Karl Schiller bereits weitgehend von den marxistischen Theorien befreit und ein klares Bekenntnis zur Marktwirtschaft abgegeben.

Karl Schiller – ein bedeutender Mann

51_11740587torbenluetjen.jpgKarl Schiller ist am 26.12.1994 verstorben. Die Wiedervereinigung hat er noch erlebt, sich mit seiner SPD wieder versöhnt. Er veröffentlichte eine Schrift „Der schwierige Weg in die offene Gesellschaft“ und machte einige kritische Anmerkungen zur Entwicklung in Deutschland. Wie immer man zu Karl Schiller stehen mag, er war ein bedeutender Politiker der Bundesrepublik und eigenwilliger Wissenschaftler. Die Bundesrepublik Deutschland im Jahre 2008 könnte eine solche Persönlichkeit auf der politischen Bühne gut gebrauchen – die Sozialdemokratische Partei ebenso wie die anderen Parteien.

Der Politikwissenschaftler Torben Lütjen (Bild links), geb. 1974 hat diese Biographie geschrieben, die mit dem Friedrich-Christoph-Dahlmann-Preis 2006 der Universität Göttingen ausgezeichnet wurde. Diese Auszeichnung spricht zweifellos für das hohe wissenschaftliche Niveau der Arbeit. Wer sich nur allgemein für die Geschichte der BRD und der SPD interessiert, ist dieses Buch vielleicht zu umfangreich und wissenschaftlich geschrieben. Das Leben dieses Mannes mit seinen Höhen und Stürzen wird dennoch spannend beschrieben. Daher kann das Buch empfohlen werden.

Lütjen, Torben,

Karl Schiller (1911 – 1994)

(2007), Bonn, Dietz,

402 S., ISBN -978- 3-8012 – 4172-8, 34,00 Euro


Die Bildrechte liegen beim Dietz Verlag (Cover), bei Torben Lütjen (Autorenportrait) bzw. sind gemeinfrei (Plisch und Plum).


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