Singen für den Sieg

Südafrika, Fußball-WM 2010. Unter frenetischem Vuvuzela-Getröte haben die 22 Fußballer den Rasen betreten. In bekannter Aufstellung verharren diese unweit des Mittelkreises und erwarten den Klang ihrer Nationalhymnen. Von Tim Frohwein

Ob schmallippig flüsternd, inbrünstig schreiend oder angespannt dreinblickend – jeder Spieler zelebriert diesen Moment auf seine Weise. Währenddessen sitzen oder stehen Millionen vor den Fernsehgeräten und Public-Viewing-Leinwänden, blicken ein letztes Mal hoffnungsfroh in die angespannten Gesichter ihrer Idole und geben sich sonst unbekannten patriotischen Gefühlen hin. Welch ein transzendentaler Moment! Und auf pathetische Weise bestätigend: Das hier ist mehr als ein Fußballspiel! Das hier sind der Schweiß Maradonas, der Atem Pelés und die Haarpracht Paul Breitners! Das hier ist Geschichte! Das hier ist WM!

So versetzt uns nach mehrmaliger WM-Erfahrung mittlerweile nicht nur die deutsche Hymne in euphorische Wallung. Auch der fröhlich-anarchische Klang der brasilianischen oder der majestätisch-schmetternde der englischen Nationalhymne verfehlen ihre Wirkung nicht.

Doch was singen die Herren Lampard, Kaka oder Messi eigentlich genau. Mit welchen Schlachtgesängen stimmen sich die besten Kicker dieser Welt auf die entscheidenden Duelle im Leben eines Fußballers ein?

Wir haben ein paar Zitate aus den Nationalhymnen einiger WM-Teilnehmer herausgesucht und hoffen, dass die Spieler das Gesungene nicht auf dem Platz in die Tat umsetzen:

Frankreich

„Zu den Waffen, Bürger!
Schließt die Reihen,
Vorwärts, marschieren wir!
Das unreine Blut
tränke unserer Äcker Furchen!“

Friedfertige Nachbarn? Die Franzosen stören sich scheinbar nicht daran, auch im friedlichen Nachkriegseuropa von Zeit zu Zeit noch blutrünstige Kriegsarien anzustimmen. Da die französischen Nationalspieler mitunter die leidenschaftlichsten Sänger unter allen WM-Teilnehmern sind, ist davon auszugehen, dass ihnen die Bedeutung dessen, was sie da ins weite Stadionrund brüllen, durchaus bewusst ist.

Manch einem mag diese Blutgier Angst machen. So ist auch möglicherweise das Fernbleiben des italienischen Abwehrrüpels und französischen Staatsfeinds Marco Materrazzi zu erklären: Auf einen mit Eigenblut getränkten afrikanischen Fußballrasen wollte er schlichtweg verzichten.

Italien

„Wie Binsen sind jene,
Die verkaufte Schwerter schwingen:
Der österreichische Adler
Hat schon die Federn verloren.
Das Blut Italiens,
Das Blut Polens
Hat er mit dem Kosaken getrunken.
Aber sein Herz ist verbrannt.“

Auch in diesem (allerdings in der WM-Kurzfassung nicht vorkommendem) Teil der italienischen Nationalhymne darf es viel rot sein. Im Gegensatz zu den Franzosen allerdings, sehen sich die Italiener eher in der Opferrolle. Der blutrünstige Aggressor ist – wie so oft – der gemeine Österreicher.

Ob der Unbekanntheit dieser Zeilen sind sich Österreichurlauber der Bedeutungsträchtigkeit ihres Handelns oftmals gar nicht bewusst, wenn sie in einem Kärntner Wirtshaus einen Schoppen „Trockenen Italiener“ bestellen.

Japan

„Gebieter, Eure Herrschaft soll dauern
tausend Generationen,
achttausend Generationen,
bis Stein
zum Felsen wird
und Moos die Seiten bedeckt“

Japaner sind ein sehr herrschaftstreues Volk. Nach ihrem Wunsch sollte die Regentschaft ihres Oberhaupts (bei einer durchschnittlichen Generationsdauer von ca. 30 Jahren) um die 240 000 Jahre andauern. Lang lebe der japanische Kaiser!

Australien

„Froh laßt uns jubeln, Einwohner Australiens,
Denn wir sind jung und frei,
Goldner Boden und Überfluß sind unsre ganze Mühe,
Unsre Heimstatt umschließt das Meer.
Unser Land ist reich an Gaben der Natur
Von kostbarer und erlesener Schönheit.
Möge im Buch der Geschichte mit jedem Abschnitt
Das schöne, glückliche Australien weiter voranschreiten
Dann wollen wir zu frohen Klängen singen:
Schreite voran, schönes, glückliches Australien“

Während sich die meisten Nationalspieler vor ihrem inneren Auge also in Blut suhlen oder ihrem unsterblichen Anführer die Ehre erweisen, singen die Australier, heutige Gegner der deutschen Mannschaft, ein verhältnismäßig pazifistisches Ökosandalen-Lied: Naturverbundenheit, Schönheit, Freiheit – das sind die zentralen Begriffskategorien der australischen Nationalhymne.

Schenkt man diesen Zeilen Glauben, so wollen die Aussies eigentlich nur ein bisschen im Outback abhängen und Hand in Hand mit einem Kangaroo gen Sonnenuntergang laufen. Aber – und genau hier liegt der Koala-Bär begraben – das ist alles Fassade! Der harmlos anmutende Inhalt ihrer Hymne scheint die Australier derart aggressiv zu stimmen, dass sie seit Jahren als eines der härtesten Teams weltweit gelten.

Bei den Franzosen scheint die Wirkung dagegen, wenn man sich die Leistung von Freitagabend zurück ins Gedächtnis ruft, eher karthasisch und aggressionsmildernd zu sein.

Deutschland

„Brüh im Lichte dieses Glückes“

Sarah Connors freie Interpretation der Nationalhymne aus dem Jahr 2005, fand in konservativen Kreisen eher weniger Anklang. Dabei wollte das Popsternchen mit dieser Zeile doch damals nur ihre traumatischen Erfahrungen im Sonnenstudio verarbeiten.

Allerdings kehrte man bereits zum nächstfolgenden Länderspiel wieder zur Originalfassung der Hymne zurück. So ist es geblieben. Und wenn die Vuvuzelas für einen kurzen Moment verstummen sollten, so wird sie auch heute Abend in gewohnter Textfassung zu hören sein.


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Dieser Artikel stammt von unserem WM-Partner An der Eckfahne.


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