Ein Held, der keiner war

Cover_Pyta.jpgPaul von Hindenburg, der als Sieger von Tannenberg zum Reichspräsidenten der Weimarer Republik aufstieg, erstrebte eine Volksgemeinschaft unter Ausschaltung der Linken. Der Historiker Wolfram Pyta entmystifiziert die „Vaterfigur“ Hindenburg. Von Andreas Morgenstern

Am 30. August 1914 gebar einer der größten deutschen Siege im Ersten Weltkrieg einen neuen Mythos. Unter dem Kommando des gerade erst reaktivierten Paul von Hindenburg vertrieben die kaiserlichen Truppen ihren russischen Gegner aus Ostpreußen. Fortan verehrte ein ganzes Volk den Helden von Tannenberg der Heroismus, Durchhaltewillen und, schon dank seiner kantigen Physiognomie, Männlichkeit ausstrahlte. Der zum Generalfeldmarschall beförderte Hindenburg nutzte geschickt dieses Geschichtsbild, das sein größtes Kapital für den Aufstieg vom Pensionär zum obersten kaiserlichen Soldaten und später zum charismatischen Reichspräsidenten in der Weimarer Republik darstellte. Dabei basierte der ganze Kult auf einer Fehlinterpretation des Schlachtgeschehens. Nicht Hindenburg, dem der Sieg zugeschrieben wurde, sondern sein Generalstabschef Erich Ludendorff traf die ausschlaggebenden Entscheidungen. Diesen Umstand verstand der Feldherr allerdings, wenn auch manchmal nur mit größter Mühe, aus der breiten Öffentlichkeit herauszuhalten.

Vom pensionierten General zum Präsidenten

Die neue Hindenburg-Biographie des Stuttgarter Historikers Wolfram Pyta zeichnet nun unter dem Titel Hindenburg, Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler auf gut 1.100 Seiten das Leben des Feldmarschall-Präsidenten detailreich nach. Der Autor schürft dabei sehr tief. Ambitioniert charakterisiert er nicht nur dessen militärisches und politisches Leben, mit den Schwerpunkten auf dem politischen Handeln in den Kriegsjahren und in der Spätphase der Weimarer Republik. In zwei besonders lesenswerten Exkursen geht er ein auf die für ihn konstitutiven Faktoren des Erfolgs Hindenburgs, Symbolismus und charismatischer Herrschaft, die über die Beschreibung Hindenburgs hinaus Beachtung verdienen. Dabei konstatiert Pyta, als „nationale Vaterfigur“ habe der eine Stufe mit Otto von Bismarck erklommen.

Den Mythos nutzte Hindenburg als Reichspräsident zugunsten seines Programms einer Wiedererweckung des „Geists von 1914“, der„Einigung und Sammlung unseres Volkes“, freilich verbunden mit der Ausschaltung der angeblich unzuverlässigen politischen Linken.

Eine in der Weimarer Republik einzigartige Woge öffentlicher Begeisterung spülte den inzwischen 77-jährigen, monarchistisch geprägten Hindenburg 1925 ins Amt des Reichspräsidenten. Dort verstand er sich aber als „Treuhänder des ganzen deutschen Volkes“, der den Wiederaufstieg des Staats, nicht etwa der Demokratie, höher als seine durchaus weiterhin vorhandene Anhänglichkeit zur Monarchie stellte. So leistete er durchaus mit festem Willen den Eid auf die republikanische Verfassung. Zugleich verhehlte er aber nicht seine Abneigung gegenüber dem „täglichen Parteihader“, der für ihn der einigen Volksgemeinschaft im Wege stand. Im Amt bewies Hindenburg Pragmatismus und Lernfähigkeit, passte sich gegebenen Umständen an und machte für sie sich nutzbar. Hierfür greift Pyta die Zustimmung für den Young-Plan heraus, die Hindenburg zeitweise von vielen seiner deutschnationalen Weggefährten entfremdete.

Die Einigung aller „nationalen Kräfte“

Portait_Pyta.jpgPyta (Foto links) zeichnet eine kohärente Entwicklung Hindenburgs vom Kriegshelden, über den „Moderator des Übergangs vom Kaiserreich zur Republik“, der zugleich die Dolchstoßlegende popularisierte, bis hin zu Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler nach. Damit fehlte aber der Weimarer Demokratie in ihrer Existenzkrise ein zuverlässiger präsidialer Rückhalt. Im Gegenteil, ab 1930 forcierte Hindenburg die Entparlamentarisierung, um eine breite nationale Allianz von der katholischen Zentrumspartei bis hin zur NSDAP zu formieren. Zwar verhinderte seine erneute Präsidentschaftskandidatur 1932 eine Amtsübernahme Hitlers, weil er Deutschland nicht der Alleinherrschaft einer Partei überlassen wollte, doch lobte er bereits zu diesem Zeitpunkt die NS-Bewegung als Kämpferin für den „Aufbruch der Nation“, auch wenn sie sich noch nicht im Dienst des Staats bewährt habe.

Nachdem Hindenburg aber den Präsidialregierungen Brüning, von Papen und Schleicher sein Vertrauen entzogen hatte – allesamt scheiterten sie an seinem Auftrag die nationale Allianz zu einen – lieferte Hindenburg die Weimarer Republik ihrem entschiedensten Feind, dem zunächst skeptisch beäugten Sonderling Hitler, aus. Pytas Argumentation überzeugt, dass dieser Schritt in der Gesamtanlage der Politik des noch immer geistig und körperlich leistungsfähigen Hindenburg lag. Dieser ließ sich nicht von einer ihn umspannenden Kamarilla fremdbestimmen, auch wenn er wohl nicht die Bedeutungsschwere der Entscheidung übersah. So wiederlegt der Autor auch die These einer Machtergreifung oder -erschleichung der Nationalsozialisten.

Nie auf Distanz zum NS-Regime gegangen 

Taktisch geschickt zelebrierten die neuen Herrscher am Tag von Potsdam die Wiedererweckung des „Geistes von 1914“ und symbolisierten eine Kontinuität zwischen dem alten Preußentum und der jugendlich wirkenden NS-Bewegung, die nach dem Erlass des Ermächtigungsgesetzes mit der vom Reichspräsidenten wenig geliebten Demokratie aufräumte. Das lag auch in Hindenburgs Interesse. Mit der Diktatur schien nun die stets gewünschte starke nationale Regierung entstanden zu sein, weshalb er sich auf die Pflege des noch immer strahlenden Mythos des Kriegshelden zurückziehen konnte. Einen markanten Ausdruck der rasch wachsenden Gemeinsamkeiten mit seinem Reichskanzler offenbarte sich schließlich in seiner stillschweigenden Akzeptanz der NS-internen Säuberungen, aber auch der Ermordung Schleichers 1934, wofür ihm Reichspropagandaminister Joseph Goebbels „Format“ zusprach. Hindenburg erkannte Zeit seines Lebens nicht den Unterschied zwischen seinem Ideal einer „nationalen Einigung“ und dem Rassismus der Nationalsozialisten und äußerte sich auch in seinem politischen Testament nicht kritisch zum neuen Regime. Nach seinem Tod am 2. August 1934 und einer propagandistisch aufgeladenen Totenfeier sollte Hindenburg im Tannenberg-Denkmal der Diktatur als konservatives Feigenblatt dienen.

Detailreiche Entmystifizierung

Dieses Buch setzt Maßstäbe. Es glänzt durch seinen Detailreichtum, aber auch durch seine gute Lesbarkeit und spricht somit sowohl den Fachhistoriker als auch den interessierten Laien an. Eindrücklich entmystifiziert Pyta den Helden von Tannenberg, Paul von Hindenburg, und stellt ihn als Vertreter einer verbreiteten deutschnationalen Einstellung dar, der für sein Ziel des Wiederaufstiegs Deutschlands unter Ausschaltung der politischen Linken auch zum Pakt mit den nationalsozialistischen Feinden der Demokratie bereit war, ohne dabei das Ausmaß seines Handelns zu übersehen.

Wolfram Pyta,

Hindenburg. Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler,

(2007), München, Siedler-Verlag,

1117 S., ISBN 978-3886808656, 49,95 Euro


Die Bildrechte liegen bei Wolfram Pyta (Portrait) und dem Siedler-Verlag (Cover). Der Verlag im Internet.


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