Religion [m]acht Frieden

Cover_Weingardt.jpgGerade seit 9/11 wird nicht selten das Gewaltpotential von Religionen hervorgehoben. Bei einer genaueren Analyse fällt allerdings auf, dass gerade Religionen und religiöse Akteure auch deeskalierend wirken. Von Jodok Troy

Genau dies aufzuzeigen ist das Anliegen der Studie Religion Macht Frieden. Das Friedenspotential von Religionen in politischen Gewaltkonflikten. Der Autor, Markus A. Weingardt ist wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Stiftung Weltethos, Tübingen, sowie an der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST), Heidelberg, die sich beide diesem Anliegen verschrieben haben.

Die ambitionierte und umfangreiche Studie gliedert sich in drei Teile, die sowohl in der Zusammenschau als auch einzeln lesbar sehr fundiert und ergiebig sind. Teil A („Einführung“) gibt im besten Sinne des Wortes eine Einführung in das Thema, in der wichtige Begriffe geklärt sowie Konfliktmodelle hinsichtlich Religion dargestellt werden. Gerade die systematische Untersuchung von Religionen in Konflikten verdient genauere Beachtung. Denn nicht selten findet sich, trotz des Postulates der Friedfertigkeit (oder eben Gewalttätigkeit) von Religion keine systematische (politik)wissenschaftliche Untersuchung dazu. Weingardt lehnt sich dabei an das Konflikt(eskalations)modell von Friedrich Glasl (‘Stufenmodell’) an, welches er aber nur kurz darstellt.

Umfangreiches Projekt

Die „Fallstudien“ von Teil B ‘beschränken’ sich laut dem Autor auf „politische Gewaltkonflikte auf nationaler oder zwischenstaatlicher Ebene“ was de-facto freilich keine große Einschränkung bedeutet. Sechs aussagekräftige Beispiele (Argentinien/Chile: Der Vatikan löst den Jahrhundertstreit; DDR: Die Evangelische Kirche – Mutter der friedlichen Revolution; Britisch Ost-Indien: Khan Abdul Ghaffar Khan und die Diener Gottes; Kambodscha: Die Friedensarbeit von Maha Ghosananda; Mosambik: Frieden durch die Formel von Rom; Philippinen: Die People Power Revolution) bilden den Kern des Fallstudienteils.

Anhand dieser detaillierten Studien wird das Friedenspotential von Religionen besonders deutlich. So zeigt etwa die Vermittlungstätigkeit des Vatikans und insbesondere von Papst Johannes Paul II. im so genannten Beagle-Konflikt zwischen Argentinien und Chile das diplomatische Verhandlungsgeschick der Katholischen Kirche. Gleiches gilt für die Tätigkeit der Katholischen Kirche, insbesondere deren „Mittelbaus“, während der Peoples Power Revolution auf den Philippinen in den 1980er Jahren. Hier zeigt das (oft ignorierte) Fallbeispiel eindeutig, dass die „Rosenkranzrevolution“ von 1986, explizit inspiriert von religiösen Überzeugungen, sich dadurch auszeichnet, dass sie mit friedlichen Mitteln geführt wurde und keine bürgerkriegsähnlichen Kämpfe ausbrachen. Aber auch das Islamische Friedenspotential kommt nicht zu kurz. Weingardt macht in seiner Fallstudie über Britisch Ost-Indien auf das (gerade in Islamischen Kreisen) oft vergessene Wirken von Khan Abdul Ghaffar Khan aufmerksam. Ghaffar Khan gilt als ‘Islamische Ghandi’ und zugleich als einer der Pioniere der religionsbasierten konstruktiven Konfliktbearbeitung die er „dezidiert religiös hergeleitet und begründet hat“.

Vierunddreißig (!) Kurzbeispiele von Albanien über Kosovo bis Zimbabwe ergänzen die Kernfallstudien auf insgesamt vierzig Fallstudien was dem Buch fast Lexikonqualität verleiht. Man kann sich rasch, auf relativ geringem Raum (teilweise sind die Kurzfallstudien auf drei Seiten beschränkt), aber doch bereits etwas vertieft über die religiöse Friedensarbeit in Konflikten informieren.

Teil C („Zusammenfassung und Analyse“) versucht die behandelten Fallbeispiele systematisch anhand von Konflikt-, Akteurs- sowie Interventionsmerkmalen einzuordnen. Dies gelingt aufgrund der Heterogenität der Konflikte als auch der konfliktbeteiligten Religionen sowie Konfessionen aber verständlicherweise nicht immer; dazu sind die Analysekategorien vielleicht auch etwas zu weit gefasst. Auch erscheint es schwierig bis unmöglich eine detaillierte, quantitative Messmethode an das Friedenspotential von Religionen, beziehungsweise an religiös konnotierte Konflikte anzulegen. Hier scheint es sinnvoll, verschiedene, aus der Politikwissenschaft bekannte Deeskalationsmodelle genauer zu betrachten. Viel wichtiger ist es aber, und das ist ein wesentlicher Verdienst von Weingardt’s Studie und anderen, vergleichbaren Arbeiten, dass grundsätzliche Friedenspotential von Religionen aufzuzeigen.

Religionsbasierte Akteure und ihr Wirken

Ein grundlegender Terminus ist der von Weingardt eingeführte Begriff des religionsbasierten Akteurs (RBA). Dieser stützt sich, im Unterschied etwa zum amerikanischen faith-based (actor), vor allem auf die umfassenden religiösen Grundlagen (d.h. Schriften, Lehren und Traditionen) der anerkannten Weltreligionen. Der Begriff resultiert daher notwendigerweise aus „den jeweiligen Glaubensüberzeugungen“ ohne institutionell „gebunden“ zu sein. Weingardt führt diesen Begriff explizit ein um zum einen begriffliche Unklarheiten zu vermeiden, und zum anderen, weil es ihm vor allem um das Friedenspotential von anerkannten Religionen und Religionsgemeinschaften geht. Mit dem Konzept des RBA soll somit insbesondere eine Abgrenzung gegenüber individuellen Definitionen und willkürlicher Konstruktivität von Religiosität und Glaube vollzogen werden. Dies gelingt, gerade auch durch die relative Breite des konstruierten Begriffes des RBA, aber nicht immer.

Portrait_Weingardt.jpgFür manche vielleicht überraschend, kommt Weingardt (Bild rechts) zum Schluss, dass die Praxis religiösen Friedenspotentials (auch in nicht religiösen Konflikten) der „Theorie weit voraus“ ist und daher „auch nicht von theoretischen Analysen profitieren“ aber dennoch „durch wissenschaftlichen Austausch gestärkt und weiterentwickelt werden“ kann. Damit, so erscheint es auf den ersten Blick zumindest, argumentiert Weingardt wider seinen eigenen Berufsstand und Forschungstätigkeit. Tatsächlich ist es aber so, dass die wissenschaftliche Beschäftigung mit dieser Materie sehr wohl Früchte trägt. Sie dient zum einen nicht nur dem allgemeinen, wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn, sondern sehr wohl auch der Praxis; zum Beispiel durch das Aufzeigen von kulturell und religiös zugeschnittenen Konfliktlösungsmechanismen. Besonderen, weiteren Forschungsbedarf sieht Weingardt aus theologischer sowie religionswissenschaftlicher Perspektive. Dabei sollte insbesondere verstärkt auf den Zusammenhang zwischen Religiosität beziehungsweise Spiritualität und religionsbasiertem Friedenspotential- sowie Handlungen herausgearbeitet werden.

Spiritualität und Frieden

Die beiden Beispiele von Mahatma Gandhi in Indien und Martin Luther King in den USA, beide ebenfalls von Weingardt behandelt, zeigen besonders deutlich den Zusammenhang von Spiritualität und Friedensengagement. Selbiges zeigt sich auch an den Beispielen größerer religiöser Gruppen wie die Religiöse Gesellschaft der Freunde (Quäker) oder der Katholischen Laienbewegung Sant’ Egidio. Diese Gruppen haben sich gerade in der durch ihre Neutralität gekennzeichneten Konfliktbearbeitung in Afrika ausgezeichnet.

Weingardts Studie gilt es schon aufgrund der Quantität der Fallbeispiele zu würdigen. Vor allem aber auch deshalb weil er damit im deutschen Sprachraum zwar nicht der erste ist, aber eine Lücke in der wissenschaftlichen Forschung zu schließen hilft. Nicht zuletzt zeigt Religion Macht Frieden, dass es durchaus möglich ist, eine relativ große Anzahl von Fallbeispielen systematisch zu bearbeiten sowie einen analytischen Rahmen darum zu spannen indem der Autor verschiedene Konflikt(es- und deeskalations)modelle darauf anwendet.

Heraus aus den Schatten der Vergangenheit

Schließlich ist Weingardt zuzustimmen, wenn er aufzeigt, dass es, wider den medialen und gesellschaftlichen Trend zu zeigen gilt, dass Religion durch ihre inhärente Macht durchaus auch ihr Friedenspotential zur Geltung bringen kann. Dies zeigen die zahlreichen Beispiele, sowohl von einzelnen, charismatischen Persönlichkeiten bis zu religiösen. Der Autor führt in seiner Analyse die Religion also heraus aus den ‘Schatten der Vergangenheit’, das heißt der oft auch negativ behafteten Geschichte von Religionen und führt starke Argumente gegen jene ins Feld, die in Religion hartnäckig immer nur das Schlechte sehen.

Weingardt, Markus A.,

Religion Macht Frieden. Das Friedenspotential von Religionen in politischen Gewaltkonflikten,

(2007), Stuttgart, Kohlhammer,

480 S., ISBN 9783170198814, 24,00 Euro.


Die Bildrechte liegen bei Markus A. Weingardt (Portrait) und dem Kohlhammer Verlag (Cover). Der Verlag im Internet.


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