Die Jugend des Diktators

Cover_Montefiore.jpgJosef Stalin prägte die Geschichte des 20. Jahrhunderts wie kaum ein anderer Mann. Im zweiten Teil seiner Stalin-Biographie beleuchtet Simon Sebag Montefiore jetzt die Jugendjahre des Georgiers. Von Bert Große

Vor drei Jahren legte der britische Historiker Simon Sebag Montefiore mit Stalin, Am Hof des roten Zaren, (/e-politik.de/ berichtete) eine grandiose und zu Recht gefeierte Biographie des sowjetischen Diktators und Massenmörders vor. Kein Autor zuvor hatte das „System Stalin“ und die zwischenmenschlichen Beziehungen der „Magnaten“ derart detailliert aufgezeigt. Behandelte Montefiore im ersten Teil die Jahre 1932 (Selbstmord von Stalins zweiter Ehefrau Nadja Allilujewa) bis 1953 (Stalins Tod), so wendet er sich in seinem neuen Buch Der junge Stalin dem frühen Leben des Diktators zu und schildert die Jahre bis zur Oktoberrevolution 1917.

Ähnlich wie im ersten Band beginnt Montefiore seine Darstellung mit einem konkreten und für Stalins Leben bedeutendem Ereignis: Im Juni 1907 befehligt er im georgischen Tiflis einen der größten Raubzüge der damaligen Zeit, 40 kaukasische Bolschewiki überfallen einen stark gesicherten Geldtransport. Die verwegene Tat erzeugt europaweite Aufmerksamkeit und mit der gigantischen Beute (nach heutigem Wert mindestens drei Millionen Euro)wird die schwächliche Organisation der russischen Bolschewiki am Leben erhalten. Der Bankraub begründet Stalins Rolle der nächsten Jahre – er fungiert als Organisator, Geldbeschaffer und Terrorist von führendem Rang.

Seminarist, Straßenkämpfer und Bandit

Portrait_Montefiore.jpgMontefiore (Foto rechts) räumt Stalins Jugendzeit viel Raum ein. Geboren im georgischen Gori wächst „Sosso“, der einzige Sohn eines alkoholkranken Schusters und einer Wäscherin, in bitterer Armut auf. Begabt und (wie alle kommunistischen Revolutionäre seiner Generation) versessen nach Bildung stellt das Priesterseminar in Tiflis seine einzige Chance auf sozialen Aufstieg dar. Allerdings kommt Stalin früh mit sozialrevolutionären Schriften in Kontakt, die den gleichermaßen aufgeweckten wie machtbewussten Seminaristen viel mehr fesseln, als die theologische Ausbildung. Stalin verschlingt utopische, anarchistische und kommunistische Literatur und kommt für sich selbst zu dem Ergebnis, dass die Situation der Armen und Unterdrückten nur mit revolutionärer Gewalt zu verändern ist.

Im brodelnden Vielvölkergemisch Kaukasus, wo Stammesrecht, Wodka und soziale Konflikte eine explosive Stimmung erzeugen, findet er zum revolutionären Flügel der russischen Sozialdemokraten. Mit kühler Intelligenz, Organisationsgabe und brutaler Gewalt beginnt sein Aufstieg. Stalin organisiert Streiks, „Expropriationen“ (Enteignungen), Mord und Erpressung, bis 1917 immer auf der Flucht vor der zaristischen Geheimpolizei Ochrana. Montefiore macht in dieser Schule für das Leben zentrale Charaktereigenschaften Stalins aus: unbedingter Wille zur Macht, Gefühlskälte und Einsatzbereitschaft.

Doktor der Eskapologie

Trotz aller konspirazija und Untergrunderfahrungen kann sich auch Stalin- wie viele seiner Genossen – der staatlichen Verfolgung und mehrfachen  Verhaftung nicht entziehen. Zu gut hat die Ochrana die Splitterpartei der Bolschewiki mit Agenten durchsetzt, zu gnadenlos bekriegen sich politische Gruppen und Grüppchen.

Stalin, der den Behörden außerhalb des Kaukasus auch nach dem großen Bankraub fast unbekannt war, kommt mehrfach in Haft und wird gemäß geltendem Recht in die sibirische Verbannung geschickt. Das Schicksal trifft viele Kommunisten, einige der später engsten Kampfgefährten wie Iwan Serow lernt Stalin in Sibirien kennen. Obwohl zur politischen Tatenlosigkeit verdammt, geht es den finanziell meist besser gestellten Verbannten gar nicht schlecht. Bücher, freier Post- und Geldverkehr, kaum Überwachung – Fotos zeigen wohlgenährte, gut gelaunte Sommerfrischler. Alkoholexzesse und sexuelle Ausschweifungen prägen das Leben ebenso wie zahlreiche Kleinkriege unter den Verbannten. Eine Bewachung existiert in den sibirischen Weiten fast nicht, jährlich gelingt Zehntausenden die Flucht zurück nach St. Petersburg oder Westeuropa. Auch Stalin entkommt allen Zwangslagen, was ihm den Spitznamen „Doktor der Eskapologie“ einbringt und seinen revolutionären Ruhm mehrt.

Stalin und die Frauen

Aber nach dem törichten Besuch des Balls der Geheimpolizisten (!) in St. Petersburg und der folgenden Verhaftung wird der Gesuchte (wieder einmal) in eine vierjährige Verbannung geschickt. Diesmal an den Polarkreis und mit eigener Polizeibewachung. In der gottverlassenen Region Turuchansk offenbart sich eine weitere Facette: Obwohl nicht schön von Gestalt (ein fast gelähmter Arm, Pockennarben, Schwimmhäute zwischen den Zehen) wird Stalin von den Frauen umschwärmt. Mehr aus Langeweile zeugt er wieder einmal ein uneheliches Kind (Montefiore nennt mindestens zwei uneheliche neben drei ehelichen Kindern), diesmal mit einer Dreizehnjährigen (!), um Mutter und Kind bei der ersten sich bietenden Gelegenheit zurück zu lassen.

Frauen waren für Stalin aber nicht nur angenehmer Zeitvertreib, seine beiden Ehegattinnen soll er innig geliebt haben, auch wenn ihm seine leiblichen Kinder nichts bedeuten. Besonders Allilujewas Suizid sollte ihn für immer verhärten, mit grausamen Folgen für Staat und Partei. Keine Frau, so der Autor, konnte jedoch mit seiner wahren Geliebten konkurrieren – der Revolution. Montefiore schildert Stalin als kaltherzig, sprunghaft, berechnend und ausnutzend.

Stalin und der „der Bergadler“

1905 kam es in St. Petersburg zur ersten Begegnung des wenig bekannten Kaukasiers mit dem unbestrittenen Führer der Bolschewiki, Wladimir Iljitsch Uljanow, besser bekannt als Lenin. Auch wenn die beiden politisch häufig aneinander gerieten, wurde der „Stählerne“ neben Leo Trotzki zum unverzichtbaren Unterstützer. Als (mäßig begabter) Redakteur, treuer Kurier und Organisator hielt er über Jahre den Kontakt zum Exilanten Lenin. In den Wirren der Oktoberrevolution sicherte er mehrfach sein Überleben. Montefiore sieht in Stalins sprichwörtlicher Härte, Intelligenz und Skrupellosigkeit die Eigenschaften, die Lenin brauchte, um der schwachen bolschewistischen Herrschaft Stabilität zu verschaffen.

Ein rachsüchtiges Monster

Mit dem Tod Lenins im Januar 1924 bricht ein neues Kapitel sowjetischer Geschichte an. Im Kampf um die Nachfolge setzt sich Stalin gegen seine Konkurrenten durch – die Konsequenzen für Bevölkerung, Wirtschaft und Land werden in den kommenden drei Jahrzehnten dramatisch sein. Millionen Menschen fallen dem stalinistischen Terror zum Opfer. Aber auch die Kampfgefährten aus dem innersten Zirkel werden von Stalin terrorisiert. Die Liste der Opfer ist lang: Trotzki, Kamenjew, Sinowjew, Bucharin, Jagoda, Jeschow. Der moralisch verderbte, enorm rachsüchtige Stalin schickt alte Freunde und Genossen sowie ihre Familien in den Tod, ohne mit der Wimper zu zucken.

Montefiore hat es vermocht, dem großartigen ersten Band ein gleichwertiges Buch folgen zu lassen. Wer sich für sowjetische Geschichte, die Gefahren absoluter Macht und die Person des Diktators Stalin interessiert, wird an den beiden Büchern nicht vorbeikommen. Es ist zu hoffen, dass auch dem zweiten Band bald die preisgünstige Taschenbuchausgabe folgt.

Montefiore, Simon Sebag,

Der junge Stalin, Das frühe Leben des Diktators 1878 – 1917,

(2007), Frankfurt/M., S. Fischer Verlag,

544 S., ISBN 978-3-10-050608-5, 24,90 Euro.


Die Bildrechte liegen beim S. Fischer Verlag (Cover) und Hugo Burnand (Portrait). Der Verlag im Internet


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