Schwester im Geiste

Meinhof_cover.jpgAuch 30 Jahre nach dem Deutschen Herbst weht der „Mythos RAF“ immer wieder durch die Feuilletons deutscher Zeitungen – und die Frage: Was ist noch übrig von der 68er Generation? Jutta Ditfurth reiht sich ein in den Versuch zu verstehen, zu beschreiben, zu erklären. Ihre Frage lautet: Wer war Ulrike Meinhof wirklich? Von Karen Schierhorn

Ihre Sympathie für die Protagonistin kann die Ex-Grüne Jutta Ditfurth nicht leugnen; Biographien sind jedoch nie objektiv, daher eher die Frage: Was macht das Buch Ulrike
Meinhof
lesenswert?

Ditfurth hat eine wahre Fleißarbeit geleistet. In sechs Jahren Spurensuche (Archivrecherchen, Gespräche mit Verwandten, nahe stehenden Zeitzeugen etc.) fand sie nach eigenen Aussagen Quellen, die neue Zusammenhänge über das Leben der RAF (Rote-Armee-Fraktion)-Mitgründerin offenbaren. Nur ansatzweise kann sie allerdings ihre Eingangsfrage einlösen. Interessant ist Ditfurth, wenn sie die deutschen Verhältnisse dieser Zeit beschreibt: die Tabuisierung und Nicht-Verfolgung von NS-Verbrechern und der Einsatz und die Veränderung des repressiven Staatsapparates im Zuge der Bestrafung der RAF-Inhaftierten.

Die ersten Lebensjahre in Jena

Ulrike Meinhof (geb. 1934) verbringt ihre ersten zehn Lebensjahre in Jena, wo ihr Vater als Museumsdirektor arbeitet. Die Eltern sind sehr evangelisch religiös, der Vater tritt aus Überzeugung und Karrieregründen der NSDAP bei. Als Ulrike Meinhof fünf Jahre alt ist, stirbt ihr Vater. Die Mutter beginnt eine Beziehung mit Renate Riemeck, die stark nationalsozialistisch ist, beide studieren bei NS-Professoren in Jena Geschichte und promovieren im gleichen Fach. Die Beziehung wird laut Ditfurth gesellschaftlich toleriert und nicht verfolgt. 1945 verlässt die Familie Thüringen und siedelt sich in Oldenburg an. Meinhofs Mutter stirbt 1949, Ulrike und ihre Schwester Wienke bleiben bei Riemeck. Die Beziehung zwischen Meinhof und ihrer Ziehmutter ist geprägt von Missverständnissen und Abgrenzungsversuchen. Bis zuletzt bleibt sie angespannt und distanziert.

Anti-Atom Bewegte

Riemeck fördert Meinhofs schulischen Werdegang. Sie erkennt, dass Meinhof eine sehr intelligente und wissbegierige Frau ist. Das Studium in Marburg (Pädagogik, Germanistik, Psychologie und Kunstgeschichte) bekommt Meinhof durch ein Stipendium der konservativen Studienstiftung des deutschen Volkes finanziert. Sie genießt die Unabhängigkeit und beginnt sich in politischen Gruppen zu engagieren. 1958 gründet sie in Münster eine Anti-Atom Gruppe, mit der sie den Anti-Atom-Kongress vorbereitet.

Meinhof gilt als klug und durchsetzungsfähig, sie knüpft schnell Verbindungen zu anderen politisch Interessierten. In diesem Kreis schreibt sie ihre ersten politischen Texte und hält Reden. Durch ihr Engagement fällt sie auf, eckt an und macht sich nicht nur Freunde. Sie tritt der damals verbotenen KPD bei und knüpft Kontakte zur DDR. Die Redaktion des linken Blattes „Konkret“ in Hamburg wird auf sie aufmerksam. Langsam fühlt sie sich in Münster eingeengt. Auch ihre privaten Beziehungen scheitern an politischen Differenzen.

Redakteurin in Hamburg

Sie wird Redakteurin in Hamburg, bricht ihr Studium ab und schreibt regelmäßig vor allem politische Texte. Ihre Themen sind nach wie vor die Anti-Atom Bewegung, Faschismus, Erziehungsheime und Migration. 1961 heiratet sie halbherzig den „Konkret“-Redakteur Klaus Rainer Röhl, berichtet Ditfurth, und führt ein fast beschaulich bürgerliches Leben, integriert in das liberale Bürgertum Hamburgs. 1962 wird sie Mutter von Zwillingen, Bettina und Regine Röhl.

Aktivistin in Berlin

Die Freundschaft mit Rudi Dutschke führt zu einer erneuten Politisierung. Die Kämpfe finden nun in Berlin statt. Sie beendet die Ehe mit Röhl, schnappt sich die beiden Kinder und engagiert sich in der 68er Bewegung in Berlin. Ihren Unterhalt verdient sie sich mit Reportagen für Zeitungen, Funk und Fernsehen. Politisch ist sie in der APO aktiv. Sie lernt Andreas Baader kennen, der für einen Brandanschlag auf ein Frankfurter Kaufhaus zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt wird. Bei seiner Befreiungsaktion, „springt“ sie mit ihm in den Untergrund. Zusammen mit ca. 30 Anderen wird eine Gruppe gegründet, die später als RAF bekannt wird.

ditfurth.jpgDas Leben im Untergrund

Man kann nur erahnen, was zwei Jahre Leben im Untergrund bedeuten. Flucht, Angst, ständige Unsicherheit, Organisieren, Abhängigkeit, Trennung von Kindern, Freunden und Verwandten. Zwar begleitet Ditfurth (Bild) Ulrike Meinhof sehr dicht auf dem Weg dorthin, aber es lassen sich wenige Stellen finden, an denen der politische Scheideweg tatsächlich klar wird.

Noch schwächer wird Ditfurth in der Beschreibung ihrer Protagonistin im Untergrund. Das Leben in der RAF, die Auseinandersetzungen, die politischen Diskussionen bringt sie selten auf den Punkt, die soziale Bindung zwischen den Mitgliedern, die in dieser gesellschaftlichen Isolation doch entscheidend sein muss, erfasst sie nicht. Zweifel, Streit, Angst scheint es bei Meinhof und Co. nicht zu geben. Das hätte jedoch der Weg sein können, um zu erklären, warum jemand, der gesellschaftlich integriert und sozial anerkannt war, den bewaffneten Kampf gewählt hat.

Tod in Stuttgart-Stammheim

In einer Wohnung in Hannover wird Ulrike Meinhof 1972 festgenommen, der Inhaber hatte die Polizei informiert. Die Anklage zu dem Zeitpunkt lautete: Beteiligung an zwei Raubüberfällen und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung. Im Gefängnis kommt Ditfurth ihrer Protagonistin wieder näher: die Zustände im Gefängnis, ihr Kampf in der Isolation und auch während des Prozesses, in dessen Verlauf verwunderliche Entscheidungen zustande kamen.

Die 42-jährige Ulrike Meinhof wurde nach vier Jahren Haft (1972-1976), davon die meiste Zeit Isolationshaft, erhängt in ihrer Zelle gefunden. Ihre zwei Jahren Leben und Kämpfen im Untergrund führten zu einer gesellschaftlichen Veränderung, die die Bevölkerung, die Linke und die Instrumente von Polizei, Staat und Verfassung polarisierte und veränderte.

Meinhof im Geiste

Ditfurths fehlende Distanz zu ihrer Protagonistin führt leider zu nur wenigen neuen Erkenntnissen über Ulrike Meinhof. Schon gar nicht über ihre Gründe für den bewaffneten Kampf im Untergrund. Es fehlt die systematische Aufarbeitung ihrer Radikalisierung, die sie sich durch Weglassen von politischen Schriften in diesem Buch vergibt. So bleiben die Gründe für den Untergrund phrasenhaft. Ditfurth stellt kaum Fragen, zweifelt scheinbar genauso wenig wie Ulrike Meinhof, diese wird dadurch zu einer unhinterfragten Heldin. Fast naiv entwirft sie damit ein Bild, das dem Mythos RAF weiter Nahrung liefert. Einiges wäre da zu nennen: die merkwürdige, gar unkritische Verbindung zur DDR, das fast spießige Leben in Hamburg, Ausbildung im PLO-Camp in Jordanien- für Ditfurth scheint alles logisch und stimmig: keine Thesen, keine Fragen.

Trotz manch pathetischer Abschnitte, beispielsweise über das Gefühlsleben während ihrer Jugend, liest sich die Biographie dennoch flüssig und größtenteils spannend. Wer sich dagegen etwas über die Hintergründe der RAF erhofft, wird sicher enttäuscht werden.

Ditfurth, Jutta,

Ulrike Meinhof. Die Biographie,

(2007), Berlin, Ullstein Verlag, Berlin 2007,

479 Seiten, ISBN: 978-3-550-08728-8, 22,90 Euro


Die Bildrechte liegen beim Ullstein Verlag und Kurt Steinhausen (Foto Jutta Ditfurth).


Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

Narziss des Terrors

Die andere Geschichte des deutschen Terrorismus

Ohne Filter