Paradies mit Schattenseiten

ws_lgflag.gifWer auf die Inseln von Samoa reist, findet unberührte Natur, einsame Strände und Wanderwege, aber auch ein Volk, das gefangen ist zwischen Tradition und Moderne. So scheint die Sonne oftmals nur auf die Oberfläche, ohne die Schattenseiten des Südseeparadieses zu enthüllen. Ein Reisebericht von Sarah Kringe

In den warmen Gewässern des Südpafizik, nordöstlich der viel besuchten Fidschi-Inseln und jenseits der Internationalen Datumsgrenze liegen die Inseln von Samoa, der „Wiege Polynesiens“. Auf den ersten, und zugegebenermaßen auch den zweiten Blick kann man sich kaum einen schöneren Ort vorstellen: An weißen Traumstränden, gesäumt von Kokospalmen, befindet sich der Urlauber fast allein. Hinter ihm ragt das regenwaldüberwucherte Vulkan-Gebirge auf, und der lauwarme Pazifik lädt zum Schwimmen und Schnorcheln ein. Samoa ist unter der Wasseroberfläche fast ebenso schön wie oberhalb, kleine Korallenriffe präsentieren sich und ihre Einwohner in aller Farbenpracht, und das große Riff weit draußen hält Wellen und Haie fern.

Kinderreiches Samoa

Im Gegensatz zu den Nachbarinseln Fidschi und Tonga hat sich Samoa jedoch noch nicht recht vom Einbruch des Tourismus nach dem 11. September 2001 erholt. Rund 100.000 Reisende besuchen derzeit im Jahr die beiden Hauptinseln, Upolu und Savai’i. Im Vergleich zu den 180.000 Einheimischen erscheint das recht viel, doch sind die meisten dieser Besucher keine Touristen im eigentlichen Sinn, sondern ausgewanderte Söhne und Töchter der Insel, die zu ihren Familien reisen. Diese hauptsächlich in Neuseeland und Australien lebenden Samoaner sind nicht nur der Stolz ihres Dorfes, sondern auch eine wesentliche Stütze der samoanischen Wirtschaft. Denn wo die Insel Sonne strandidylle.JPGund Strandidylle im Überfluß hat, fehlt es beträchtlich an Arbeit. Bei einer Arbeitslosigkeit von ungefähr 65% sind fast alle Familien auf die Einkünfte angewiesen, die ihre Kinder im Ausland erwirtschaften und die damit nicht nur die eigenen Eltern und Geschwister, sondern die gesamte Großfamilie, oft sogar das ganze Dorf unterstützen. Deshalb ist Kinderreichtum hier nach wie vor eine wichtige Altersvorsorge, sechs bis sieben Kinder sind normal, zwölf nichts besonderes; auch Familien mit 18 Kindern kommen vor.

Armes Samoa

Es gibt wenig wohlhabende Samoaner. Fährt man auf Upolu von Apia aus die „Cross Island Road“ durch die Berge, passiert man im Stadtteil Vailima, dem Beverly Hills von Samoa, einige wenige Villen, die sich an den Berghang schmiegen und im Vergleich zu den übrigen Behausungen der Einwohner ziemlich fehl am Platz wirken. Denn die meisten Menschen leben nach wie vor in den traditionellen Fales, hölzernen Rundbauten, die nach allen Seiten geöffnet sind und bei Bedarf mit Folien regenfest gemacht werden können. Sie leben von Landwirtschaft und dem, was ihnen die Insel zur Verfügung stellt: Kokosnüsse, Taro-Wurzeln, Bananen und Papayas werden früh morgens gesammelt und zu einem ungewürzten Brei zerkocht. Wer über etwas mehr Geld verfügt, kann in den wenigen Supermärkten rund um Apia westliche Konserven, Fleisch oder Nudeln kaufen. In den Dörfern selbst gibt es keine Supermärkte, auch keine Restaurants oder Kaufhäuser. Die Menschen auf dem Land sind arm, und außer den wenigen Touristen kann sich auf Samoa kaum jemand einen Restaurant-Besuch oder einen Shopping-Tag leisten. Der westliche Besucher wird auch abends vergeblich nach einer Bar oder ähnlichem Ausschau halten, lediglich in Apia, das so etwas wie das Konsumzentrum Upolus darstellt, finden sich ein paar Kneipen und am Wochenende sogar eine Diskothek. Dafür wird ihm aber auffallen, dass ein samoanisches Dorf zwar nur aus Fales und einer Schule besteht, in der Regel jedoch über mehrere Kirchen der verschiedensten Glaubensgemeinschaften verfügt.

„Samoa ist auf Gott gebaut“

Die christliche Misson hat auf den Inseln schwer gewütet: Obwohl die Briten erst 1830 die ersten Missionare schickten, sind heute 98,4% der Bevölkerung Christen, die alten Götter- und Ahnenkulte sind fast vergessen oder werden missachtet. Die Samoaner ließen sich Samoaner_auf_dem_Weg_zum_Gottesdienst.JPG vergleichsweise schnell missionieren und haben ihren Glauben sowie ihre Kirchen fest in ihren Alltag eingebunden. „Samoa ist auf Gott gebaut“, wie es in der Verfassung heißt. Jeden Nachmittag um fünf oder sechs Uhr ist in den verschiedenen Kirchen eines Dorfes Gottesdienst, den alle gewissenhaft wahrnehmen (Bild rechts: Samoaner auf dem Weg zum Gottesdienst). In dieser Zeit durch das Dorf zu laufen gilt sogar als grob unhöflich. Sonntags ziehen sich die Gottesdienste ungleich länger hin, die meisten Samoaner besuchen auch mehrere hintereinander. Am Sonntagvormittag hört man auf der ganzen Insel, wie die Gospelchöre lauthals ihren Gott preisen.

Am häufigsten findet man auf Samoa katholische Kirchen, die Congregational Church sowie die Methodisten. Aber auch alle anderen christlichen Glaubensgemeinschaften sind in hoher Zahl vertreten: Die Adventisten, die Mormonen, die Zeugen Jehovas, um nur einige zu nennen. Fährt man z.B. die rund 25 Kilometer vom Dörfchen Leulumoega nach Apia, passiert man nicht weniger als 46 Gotteshäuser.

Geistige Nahrung statt Brot und Fleisch

Auch wenn die Kirchen auf Samoa viel Gutes bewirken – beispielsweise ist die Kriminalitätsrate extrem niedrig – sind sie in nicht geringem Maße mitverantwortlich für den sozial schlechten Status vieler ihrer Anhänger. Denn die unzähligen Gotteshäuser und Begegnungsstätten, die Andachtsräume und Jugendzentren wollen finanziert und gewartet werden, wofür in erster Linie die Gläubigen aufkommen müssen. So investieren viele samoanische Familien ihre wenigen Tala in den Neubau der dritten Dorfkirche und verzichten auf physische Nahrung zugunsten der geistigen. Gottesdienste sind selbstverständlich umsonst, doch alle anderen kirchlichen Dienste müssen gut bezahlt werden. Ein einschlägiges Beispiel ist eine Beerdigung, die eine finanziell nicht ausreichend abgesicherte Familie an den Rand des Ruins bringen kann: In Samoa hat sich, als einer der wenigen vorchristlichen Überbleibsel, die Tradition durchgesetzt, Verwandte nicht auf den Friedhöfen (die es ohnehin kaum gibt), sondern im eigenen Vorgarten zu begraben, um sie näher bei ihren Lieben zu behalten. Das bedeutet, die Familie eines Verstorbenen muss die Beerdigung ausrichten. Sie muss während der dreitägigen Zeremonie allen Gästen ausreichend Essen und Getränke typische_Dorfkirche.JPGstellen, den Pfarrer bezahlen (und das nicht zu knapp!) sowie einige weltliche Würdenträger verpflichten, die am Grab des Verstorbenen eine Rede zu seinen Ehren halten. Zusätzlich muss jeder Gast mit einem Geschenk bedacht werden, das in Geld oder Lebensmitteln übergeben wird. Für eine mittelständische Beerdigung müssen also schon mal 15 bis 20.000 Tala (ca. 6000 Euro) investiert werden. Geld, das die meisten Familien nicht haben. Erschwerend kommt hinzu, dass Beerdigungen wegen der Größe der Verwandtschaft keine Seltenheit sind und eine Familie im schlimmsten Fall mehrmals im Jahr treffen kann.

Handel mit Junkfood

Doch die Kirchen als einzige Wurzel allen Übels anzuprangern, wäre zu bequem. Die schlechte Arbeitsmarktsituation trägt ihr übriges bei, ebenso wie die Länder Neuseeland und Australien, mit denen Samoa den stärksten Handel betreibt. Als ehemalige Kolonie, die ihre Unabhängigkeit von Neuseeland erst 1962 erlangte, ist das Land immer noch auf Importe aus dem früheren Mutterstaat angewiesen, da hier praktisch nichts in Eigenproduktion hergestellt wird. Neuseeland exportiert allerdings fast nur Dinge, die auf dem heimischen und dem sonstigen Weltmarkt keinen Absatz fänden: Ungesundes Junkfood, Tierreste und Konserven finden sich in Apias Supermärkten. Die Qualität ist schlecht, der Preis hoch. Durch diese ungesunde Ernährung erscheinen die Bewohner in und um Apia überdurchschnittlich fett, während den Bewohnern der Dörfer ausserhalb der Supermarkt-Reichweite die einfache Ernährung von Papya und Taro oft deutlich anzusehen ist.

Verführtes Samoa

Das hält jedoch die Einwohner, vor allem die jüngeren, nicht davon ab, nach allem zu greifen, dem der Glanz der westlichen Welt anhaftet. Vor allem die Teens und Twens sind es, die oft mit der Situation hadern, denn auch auf Samoa hat die Technik ihren Einzug gehalten und durch Fernsehen und Internet zeigt sie den jungen Samoanern, wie die Welt jenseits der Sonneninsel beschaffen ist.

Viele junge Männer und Frauen verlassen daher die Inseln, um in Neuseeland oder Australien, manche auch in Asien und Südamerika ihr Glück zu versuchen. Doch die traditionelle Bindung an Familie, Dorf und Kirche ist stark, und nicht jedem gelingt es, sich davon zu befreien. Die hohe Selbstmordrate unter Jugendlichen ist eine der Folgen des Konflikts zwischen Tradition und Moderne, der sich in der Gesellschaft Samoas immer deutlicher abzuzeichnen beginnt.

Gastfreundliches Samoa

Nichtsdestotrotz sind die Samoaner sehr angenehme Menschen. Höflich und freundlich begegnen sie Gästen und Touristen und erfüllen ein bisschen das Klischee der fröhlichen und gastfreundlichen Südseebewohner. Die Uhren ticke etwas langsamer (es richtet sich sowieso niemand nach ihnen), man hat scheinbar für alles und jeden mehr Zeit, vor allem für den Straßeverkehr oder das Abwickeln von Geschäften, was den gemeinen Westeuropäer schon mal aus der Fassung bringen kann. Wenn man sich also zu einem Besuch im „Südseeparadies“ Samoa entschließt (und es sei jedem nur dazu geraten), sollte man außer starker Sonnencreme vor allem eines mitbringen: viel Geduld.


Die Bildrechte liegen bei /e-politik.de/ – Sarah Kringe bzw. sind gemeinfrei (Landesflagge)


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