Tolerierter Schmuggel Teil 1

Grenzen sind soziale Tatsachen, die sich räumlich manifestieren – etwa wenn Schmuggler und Grenzschützer an Grenzübergängen aufeinandertreffen und in ritualisierter Form Bedingungen und Möglichkeiten des Grenzübertritts aushandeln. Das Grenzgeschehen wird in diesem Beitrag in soziologisch-ethnologischer Perspektive am Beispiel des Kaliningrader Grenzgebiets betrachtet. Von Mathias Wagner

Ethnologen untersuchen keine Dörfer, sondern machen Untersuchungen in Dörfern, wie Clifford Geertz es einmal ausgedrückt hat. Mit der gleichen Intention beschreibt Simmel die Grenze als eine soziologische Tatsache, die sich räumlich ausdrückt.

Mit dieser Vorbemerkung befinden wir uns mitten im Thema, bei dem der Kontakt zwischen Schmugglern und Zöllnern während der Grenzkontrolle analysiert werden soll. Lassen Sie mich zunächst einige Erklärungen voranstellen, denn die hier vorgestellte Grenze ist außerordentlich speziell. Es handelt sich um die EU-Außengrenze zur russischen Exklave Kaliningrad. Auf beiden Seiten der Grenze finden wir ein wirtschaftliches Krisengebiet mit hoher Arbeitslosigkeit und niedrigen Löhnen. Da soziale Sicherungssysteme fehlen, greifen die Bewohner neben der Arbeitsmigration auf informelle Wirtschaftskontakte zurück. Zu jenen gehört auch der Warenschmuggel von Zigaretten, Wodka, Benzin und Diesel von Russland nach Polen. Die Waren werden in drei Stufen weitergehandelt: 1. in der Grenzregion, 2. in Polen und 3. nach Westeuropa, wobei Alkoholika und Treibstoffe für den regionalen Markt bestimmt sind, während die Zigaretten auch in Großbritannien und Deutschland verkauft werden.

Der Schmuggel hat seit Anfang der 1990er Jahre einen Umfang erreicht, der als Massenbewegung zu beschreiben ist. Man kann auch von einer Form der Demokratisierung des Schmuggels reden, womit zum Ausdruck kommt, dass alle Bevölkerungsschichten an dem Schmuggel beteiligt sind. Seit Öffnung der Grenzen sichert der illegale Kleinhandel, vor allem von Russland und der Ukraine, das Einkommen der Bewohner im grenznahen Bereich. Allein an der ca. 200 Kilometer langen Grenze zwischen der russischen Exklave Kaliningrad und der polnischen Wojewodschaft Warmia-Mazury leben nach Schätzungen bis zu 10.000 Personen – geht man davon aus, dass es sich um Familien handelt, so ca. 40.000 Personen teilweise – vom Schmuggel. Da offizielle Zahlen nicht zur Verfügung stehen, kann man nur aufgrund von Beobachtungen und der beschlagnahmten Waren den Umfang des Schmuggels schätzen. Demzufolge muss man davon ausgehen, dass über 95 Prozent des privaten Reiseverkehrs an den drei Grenzübergängen zwischen Polen und der Kaliningrader Oblast nur dem Warenschmuggel dienen.

Zentral für die nachfolgenden Überlegungen ist die Tatsache, dass der Schmuggel kein Geheimnis ist. Vielmehr sind alle gesellschaftlichen Bereiche in der Region darüber informiert, d. h. die Einwohner, der Zoll, der Grenzschutz und die Gemeindeverwaltungen. Der Schmuggel ist ihnen eine bekannte Tatsache, die vielfach auch in den Medien behandelt wird. Er stellt also ein „offenes Geheimnis“ dar. Damit wird eine Trennung zwischen dem privaten Wissen um den Schmuggel und dem öffentlichen Schweigen darüber ausgedrückt. Allenfalls reduziert man seine Kenntnis auf die in den Medien dargestellten Fakten. Die Konstruktion des „offenen Geheimnisses“ ermöglicht es, über den Schmuggel als Kleinhandel zu reden und zugleich zu ignorieren, dass man detailliertes Wissen darüber hat.

Lena Halamska erfüllt eine herausragende Position in einer von mir besuchten Kleinstadt. Sie antwortet auf meine Frage nach der Bedeutung des Schmuggels für die Kleinstadt folgendermaßen: „Da braucht man nicht lange darüber nachzudenken, hat er, weil die Leute sehr aktiv sind. Also, sie wissen sich in ihrem Leben zu helfen, nicht.“ Nicht der Aspekt von Illegalität wird angesprochen, sondern die Handlungen der Schmuggler werden positiv bewertet, denn sie sind diejenigen, die aktiv für ihren Lebensunterhalt sorgen. Es bleibt also festzuhalten, dass die lokale Öffentlichkeit dem Schmuggel tolerant begegnet. Der Hintergrund ist dabei vielfältig. Er reicht von dem individuellen Gewinn, den man als Käufer von geschmuggelten Waren hat, bis zu den Einsparungen der Gemeinde für Sozialunterstützung. Nicht zu vergessen ist selbstverständlich auch der Zufluss an Kaufkraft in die lokale Ökonomie durch den Schmuggel. Hingegen wirkt sich der Verlust durch die Steuereinnahmen weniger in der regionalen als in der gesamtstaatlichen Rechnung aus.

Vor dem hier skizzierten Hintergrund soll der Frage nachgegangen werden, wie die Akteure in der konkreten Situation den Schmuggel ermöglichen und welche Rollenkonflikte dabei entstehen. Interessant für diesen Prozess ist die konkrete Situation an der Grenze – also der Moment, in dem der Schmuggler dem polnischen Zöllner gegenübersteht. Die einfachste Form ist selbstverständlich die Korruption. Doch gerade weil sie vergleichsweise banal ist, soll sie uns hier nicht interessieren. Zudem spielt Korruption an der Grenze eine untergeordnete Rolle. Der sehr viel interessantere und auch quantitativ bedeutsamere Fall stellt eine Form des Aushandelns der Interessen zwischen Zöllnern und Schmugglern dar, wie ich nachfolgend zeigen werde.

Die Schmuggler fahren regelmäßig, häufig schon seit Monaten oder Jahren, über die Grenze. Daher kennen sich Schmuggler und Zöllner. Zumindest von Angesicht zu Angesicht erkennen sie sich wieder. Diese Begegnung geschieht vor dem Hintergrund des strukturellen Wissens, dass es sich um Schmuggler handelt, die hier regelmäßig an der Grenze erscheinen. Für den Zöllner entsteht das Problem, dass er zwischen zwei Ansprüchen entscheiden muss, die seinem Handeln zugrunde liegen. Auf der einen Seite hat er die Aufgabe, die illegale Einfuhr von Waren nach Polen zu verhindern. Dem gegenüber steht der Anspruch des Schmugglers, seine Erwerbsmöglichkeit nicht zu zerstören. Man könnte auch sagen, es handelt sich um die Wahl zwischen einer Kollektivorientierung, die sich auf die administrativen Vorgaben bezieht und einer Selbstorientierung, bei der sich der Zöllner an seinen individuellen Kriterien orientiert. Damit ist ein Rollenkonflikt umrissen, in dem der Zöllner steht und der als Stress erlebt wird. Auf dieser Basis will ich mich jetzt auf die Mikroebene des Verhaltens von Zöllnern und Schmugglern während der Grenzkontrolle begeben.

Lesen Sie hier Teil 2.


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