Der Tod wird euch finden

Cover_Wright.jpgDie Planungen für die Terrorakte des 11. September reiften über Jahrzehnte. Wer jedoch innerhalb der US-Behörden die Zeichen erkannte und warnte, machte sich zum Gespött. Lawrence Wrights akribische Recherchen decken die fatale Inkompetenz und Naivität der US-Ermittler im Antiterror-Kampf auf und entzaubern die Märchen um Osama Bin Laden. Von Maik Henschke

Es ist 1993, als FBI-Mann Daniel Coleman den Namen Osama Bin Laden zum ersten Mal hört. Drei Jahre später legt er die erste Strafakte an. Von Kollegen und Vorgesetzten belächelt, stürzt sich Coleman als Ein-Mann-Team wie besessen in den Fall. Mit US-Anwälten verhört der Agent 1996 in einem US-Stützpunkt in Deutschland einen sudanesischen Informanten. In allen Einzelheiten beschreibt der Aussteiger den misstrauischen US-Ermittlern das Netzwerk al-Qaida. Dschamal al-Fadl, so sein Name, berichtet von Ausbildungslagern und Schläferzellen. Die Fahnder sind verblüfft, doch wirklich glauben will dem Informanten niemand. Anderthalb Jahre setzt Coleman seine einsamen Ermittlungen fort, sammelt stichhaltige Beweise gegen Bin Laden, spürt gar ein globales, 93 Mann starkes Netzwerk auf mit Verbindungen in die USA. Keiner der Behördenleiter nimmt seine Hinweise ernst.

Der Tod wird euch finden von Autor, Reporter und Drehbuchschreiber Lawrence Wright ist gespickt mit Episoden dieser Art, die nicht selten ungläubiges Kopfschütteln beim Leser verursachen. Doch die ermittlungstechnischen Schlampereien von CIA und FBI sind nur einer von vielen spannend verwobenen Erzählsträngen des Buches. Am Ende ergibt sich eine zugleich umfassende und fesselnde Vorgeschichte dessen, was heute unter 9/11 in den Geschichtsbüchern steht. Für seinen Bestseller recherchierte der US-Autor fast fünf Jahre im Nahen und Mittleren Osten sowie den Vereinigten Staaten, führte mehr als 600 Interviews. Die englische Ausgabe The Looming Tower wurde Anfang des Jahres mit dem Pulitzer-Preis prämiert. Der 60-Jährige Texaner ist ein intimer Kenner der Region.

Hass-Bücher stacheln die arabische Welt auf

Portrait_Wright.jpgGeht es nach Wright (Bild links), wird der Samen für die Terroranschläge vom 11. September 2001 bereits 1948 gepflanzt – ironischerweise in den USA. In diesem Jahr kommt Sajid Qutb im Hafen von New York an. Jeder Vierte in der Metropole ist jüdischer Herkunft. Was der eigentlich westlich geneigte Muslim vorfindet, erschüttert sein Weltbild. Schockiert erlebt der angesehene ägyptische Schriftsteller hautnah die dramatische Kluft zwischen den Regeln des Islam und den westlichen Werten: In seinen Augen bestimmt von Materialismus, Rassismus, Zionismus und sexueller Freizügigkeit. Acht Monate später kehrt Qutb radikalisiert nach Ägypten zurück, das zudem von den Briten besetzt ist. Die Veröffentlichungen des einflussreichen Autors ändern die arabische Sicht auf die moderne Welt grundlegend. Die Bücher rufen auf zum Hass gegen Israel und den säkularisierten Westen. Der unterdrückte Islam soll sich wieder zur führenden Kultur erheben.

Der Samen des Hasses wächst, Wrights interessanter These nach, in den Folterkellern Ägyptens heran. Bis in die sechziger Jahre lässt die weltliche Regierung des Wüstenstaats religiöse Gruppen verhaften und grausam quälen. Darunter auch Qtub, der 1966 gehängt wird und so zum Märtyrer kommender Muslim-Generationen avanciert. Die gedemütigten Muslimbrüder sehen den Westen als Unterstützer der ägyptischen Machthaber an. Getrieben von Rachegelüsten bilden sie erste gewaltbereite Untergrundzellen.

Einer von ihnen: der ägyptische Arzt-Anwärter Ajman al-Sawahiri. Mithilfe seiner Zelle al-Dschihad plant Sawahiri, aus Ägypten einen Gottesstaat zu machen. Von dort aus will der spätere Vize-Chef al-Qaidas die islamische Welt gegen den Westen anführen. Als 1979 die sowjetische Armee in Afghanistan einmarschiert, sieht Sawahiri das Land als ideales Trainingsgelände für seinen heiligen Krieg gegen die USA. Mit abenteuerlichen Geschichten wirbt er junge Araber für den Kampf gegen die ungläubigen Eindringlinge.

Osama von der menschlichen Seite

Mohamed Bin Laden steigt nach dem zweiten Weltkrieg auf zu einem der bekanntesten und reichsten Bauunternehmer seiner Zeit. Der vermögende Mann pflegt enge Verbindungen zum saudischen König. 54 Kinder mit 22 Frauen zeugt Mohamed Bin Laden offiziell. 1958 wird Osama geboren, von der vierten Ehefrau seines Vaters, der 1967 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kommt. Trotz des Wohlstands wächst Osama in bescheidenen Verhältnissen der saudischen Hafenstadt Dschidda auf. Der schlaksige Junge ist ein mittelmäßiger Schüler. Als Stürmer tritt er leidenschaftlich gern gegen den Ball. Sein strenger Glaube aber spaltet ihn zusehends von der Familie ab. Das Studium der Wirtschaftswissenschaften bricht er ab und eifert stattdessen seinem religiösen Vorbild Qtub nach.

Immer wieder versteht es der Autor, das menschliche Antlitz der selbsternannten Schurken zu zeigen: Ein Sohn Bin Ladens kommt mit einer seltenen Wasserkopfkrankheit zur Welt. Trotz der geistigen Behinderung integriert Osama das Kind in die Familie. Und im Krieg entpuppt sich der berüchtigte Bin Laden als Angsthase, der unter Kopfschmerz und Ohnmachtsanfällen leidet. Mitte der Achtziger Jahre trifft er auf Sawahiri. Bin Ladens enorme Geldmittel und religiöse Führungsstärke fehlen der al-Dschihad-Gruppe des Ägypters. Der Hass auf die USA eint sie und sie schließen ein Zweckbündnis. Die Geburtsstunde al-Qaidas.

Al-Qaida-Führer mit Realitätsverlust

Faktenreich reißt Wright beiden vermeintlich starken Erzfeinden die Maske vom Gesicht. Detailliert schildert er den US-internen Machtkampf zwischen CIA und FBI. Der gipfelt darin, dass wichtigste Fahndungs-Informationen aufgrund unsinniger Verbote und Missgunst nicht ausgetauscht werden. Jede Behörde für sich sammelt mit Millionen von Dollar Erkenntnisse über die drohende Terrorgefahr, die bei den Ermittlerkollegen längst im Schubfach liegen. Doch nur zusammen ergeben die Puzzleteile einen Sinn. Teamwork, zeigt der Autor, hätte nicht nur die Katastrophe vom 11. September verhindern können. Das kindische Kompetenzgerangel ermöglicht jedoch, dass eingereiste Islamisten seelenruhig auf amerikanischem Boden Anschlagspläne austüfteln und Flugstunden nehmen dürfen.

Den Qaida-Köpfen unterstellt Wright einen fatalen Hang zum Realitätsverlust. Während die Rote Armee etwa die Höhle bombardiert, in der Bin Laden und Gefährten ausharren, glauben die Männer im religiösen Wahn, die Vögel fingen die Sowjet-Bomben sowieso ab. Als die Sowjets schließlich geschlagen aus Afghanistan abrücken müssen, sieht Bin Laden darin ein göttliches Zeichen für die kommende Weltherrschaft des Islam. Kurz darauf will er es schon mit der Eine-Million-Armee Saddam Husseins aufnehmen: „Wir haben schließlich die Sowjets aus Afghanistan vertrieben!“ In Wahrheit spielten die wenigen Tausend zugereisten Araber kaum eine Rolle für den Ausgang des Krieges zugunsten Afghanistans.

1996 ist Bin Laden – nach realen Maßstäben – auf dem Tiefpunkt angelangt. Durch sein Leid glaubt sich der Saudi auf einer Stufe mit dem Propheten Mohammed. Derart euphorisiert erklärt er von einer afghanischen Höhle aus den USA den Krieg – nahezu mittellos. Bin Ladens bizarrer Charakter passe laut Wright „zu einem Sektenführer oder einem Geisteskranken“. Doch gerade dadurch gelingt es dem Saudi, die Phantasie seiner Anhänger zu fesseln.

Der FBI-Agent, der Schurke und die Frauen

Kurios muten die Parallelen an, die der Autor zieht zwischen den Hauptfiguren Bin Laden und dessen Gegenspieler auf FBI-Seite, John O’Neill. Weltanschaulich himmelweit entfernt, sind sowohl Bin Laden als auch O’Neill besessen von ihrem Ziel. Die rastlose Jagd erinnert stellenweise an Steven Spielbergs Catch me if you can. Stets ist das Netzwerk einen Schritt voraus. Amüsant: Beide Männer vergnügen sich mit je vier Frauen zugleich an ihrer Seite. Was der Koran Bin Laden als gutes Recht einräumt, gilt dagegen im Westen als moralisch verwerflich und zwingt O’Neill zum gut koordinierten Wechselspiel mit seinen Geliebten.

John O’Neill, dessen Lebensaufgabe die Terrorbekämpfung ist, scheitert schließlich. Den FBI-Bossen ist er zu ehrgeizig, unbequem und mächtig. Das Genick brechen ihm sein Hang zum Geldverprassen und der Fauxpas, geheime Akten achtlos stehen zu lassen. Mit ihm, so Wright, muss der Einzige seinen Hut nehmen, der die nahende Bedrohung noch hätte abwenden können. Frustriert ob der Bürokratiemaschinerie kehrt O’Neill dem FBI den Rücken. Am 23. August 2001 tritt er seinen neuen Job an: Als Sicherheits-Chef des World Trade Centers – im 34. Stock des Nordturms.

Auffallend aber nachvollziehbar ist die beißende Religionskritik, die Wright einstreut. Er prangert das mittelalterliche Regelwerk der Scharia an, die das Leben bestimmen soll, ginge es nach führenden Islamisten. So verurteilt die Scharia zwar das Trinken von Alkohol, nicht aber Mord. Vermählte Frauen besitzen kein Scheidungsrecht und auf Ehebruch stehen schwere Strafen bis hin zur Steinigung. Aus dem Mund des Mann hingegen genügt ein schlichtes „Ich scheide mich von dir“, um den Bund der Ehe korankonform zu lösen.

Wright zeigt, mit welch abenteuerlichen Herleitungen Sawahiri Selbstmordanschläge rechtfertigt und damit das Heilige Buch der Muslime ins Gegenteil verkehrt. Auch mit der heuchlerischen Glaubensauffassung der Taliban rechnet er ab: Einerseits geben sich die afghanischen Herrscher ultra-religiös. Andererseits frönen sie der im Koran verbotenen öffentlichen Schändung von Leichen, missbrauchen Jungen und massakrieren grausam wehrlose Tiere im Zoo.

Wright gelingt Standardwerk zur Terrorgefahr vor 9/11

Spannend verknüpft der Autor die Familiengeschichten der Qaida-Führer Bin Laden und Sawahiri mit der tragischen Antiterror-Karriere des FBI-Agenten John O’Neill. Dabei gelingt es Wright beeindruckend, die bergeweise gesammelten Fakten und belegten Äußerungen äußerst unterhaltsam und lehrreich aufzubereiten. Es ist ein wichtiges Buch über die Wurzeln des wohl einschneidendsten Ereignisses nach der Jahrhundertwende. Lawrence Wright legt die Messlatte für kommende Werke hoch, die al-Qaida und den 11. September aufarbeiten.

Und er bringt Licht ins Dunkel: Wer ist die bärtige, mythenreiche Figur, die auf TV-Nachrichtenbildern von afghanischen Höhlen aus mit Kalaschnikow an der Wand gegen die Ungläubigen wettert? Wie ticken radikale Islamisten? Und was steht noch auf ihrer Agenda?

Wright, Lawrence,

Der Tod wird euch finden. Al-Qaida und der Weg zum 11. September,

(2007), München, DVA,

544 S., ISBN 978-3-421-04303-0, 24,95 Euro


Die Bildrechte liegen bei der Deutschen Verlags-Anstalt (Cover) und dem Rezensenten (Portrait). Der Verlag im Internet.


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