Vulkanausbruch im Vorbeifahren

Während oben die Aschewolke das Fliegen vereitelt, kommen unten Zugreisende des Fernverkehrs ins Spekulieren. Eyjafjallajökull steht nicht nur für den Ausnahmezustand, sondern eröffnet auch neue Perspektiven. Von Nona Schulte-Römer

Der isländische Vulkan, dessen Name ich nicht aussprechen kann, bietet ein erstklassiges Gesprächs- und Spekulationsthema für Bahnreisen. Während sich am Freitagabend nach dem Naturereignis im völlig überfüllten Zug von Frankfurt nach München Galgenhumor breit machte, ist der ICE auf der Rückreise am Sonntagmorgen erstaunlich locker besetzt und bietet Raum für sozialkritische Gedankenspiele.

Pechvögel am Boden, Preise in der Höhe

Seit dem Ausbruch des Eyjafjallajökull habe ich die Nachrichten nur sporadisch verfolgt,  Überschriften à la „Aschewolke erreicht München“ registriert und Fotos von schlafenden Menschen neben Rucksäcken auf Wartehallenbänken. Für die Zugfahrt rüste ich mich also mit einer einschlägigen Sonntagszeitung. So erfahre ich, dass der qualmende isländische Gletscherkrater „Eia-fjatla-jökütl“ ausgesprochen wird. Klingt komisch und überhaupt entbehrt das Thema nicht einer gewissen Komik, denke ich, als der ICE pünktlich um 11:08 aus dem Münchener Hauptbahnhof rollt.

Während Pechvögel in Transitbereichen festsitzen, lassen Alternativenfündige bei der Bahn die Kassen klingeln. Tickets im Wert von 4000 Euro habe sein Kollege in einem Zug von München nach Hamburg allein in der ersten Klasse verkauft, staunt ein Bahn-Beschäftigter. Meine sensationslustige Stimmung wird bis Augsburg nicht getrübt, eher noch befeuert, mischt sich aber mit Entrüstung: Im Bordbistro höre ich von exorbitanten Hotelpreisen und opportunistischem Wucher bei den Autoverleihern, wo Anwärtern auf einen Leihwagen in der Not vierstellige Eurosummen abgeknöpft wurden.

Entschleunigungtheorien für Zugreisende

Ereignisse, die die Welt bewegen oder auch stilllegen, fördern bekanntlich die Kommunikation unter anonym Reisenden. Rasch komme ich mit meiner Sitznachbarschaft ins Gespräch. Ich beginne die Wirkmacht von Aschepartikeln in der Atmosphäre zu begreifen, noch bevor ich den Wirtschaftsteil der Zeitung aufschlagen kann.

Der Schaden für die Ökonomie sei enorm, erklärt ein Energieanlagenbauer, der mir gegenüber sitzt. „Wenn sich die Lage nicht ändert, können wir unsere Verträge in China nicht einhalten. Da müssen Teams von hundert Leuten befördert werden.“ Seine Besorgnis hält sich trotzdem noch in Grenzen. Der Reisende am Nachbartisch bemerkt, es gäbe immer irgendeine Lösung, den Pazifik zu überqueren und befürwortet die damit einhergehende Entschleunigung. Wie ich, scheint er eher amüsiert als betroffen. Der Schaffner kommt und der Anlagebauer erkundigt sich nach seinen Reisemöglichkeiten von Stuttgart nach Paris. Ich schlage die Zeitung auf.

Frischobst-Umverteilung weitergedacht

Als wir Ulm Hauptbahnhof erreichen, ist mir das Ausmaß der kilometerhöheren Gewalt mit dem wenig bedrohlichen Namen bewusst. Schon am Freitag, als der Frankfurter Flughafen dicht machte, fielen 60 Prozent aller europäischen Flüge aus, lese ich mit wachsendem Staunen. Sollte Eyjafjallajökull weiterspeien, werden erst die Früchte im Supermarkt knapp und irgendwann auch die anderen wundervoll billigen Freuden des Alltags made in developing countries. Vielleicht könnten aus der Asche neue Organisationsformen und Lebensweisen wachsen, die aus der Erde einen menschenfreundlicheren Ort machen – „back to the roots“ statt „up in the air“.

Während wir über die Schienen gleiten, spinne ich den Gedanken weiter. Wie lange erträgt Europa die Einäscherung, bevor Fluglinien pleite gehen? Könnte Eyjafjallajökull – im Stillen nenne ich ihn nur noch „Jökutl“ – mit einem Ausbruch erreichen, wofür die Globalisierungs- und Umweltbewegungen dieser Welt seit Jahrzehnten kämpfen? Ich träume von kurzen Lieferketten und Videokonferenzen, male mir aus, wie die Pareto-Optima der Weltwirtschaft neu zur Disposition stehen. Reicht das verminderte Flugaufkommen vielleicht sogar, um den gewaltigen Dreckfleck in der europäischen CO2-Bilanz auszugleichen?

Kurz vor Stuttgart bekommt mein Gegenüber einen Anruf. Sein Termin in Paris ist jetzt abgesagt. Er wird also nicht in den TGV steigen, sondern einfach nach Hause fahren. Als der Zug hält, sieht er nicht unglücklich aus. Sein Sonntag hat abrupt an Fahrt verloren und an sonntäglicher Freizeit gewonnen.

Asche auf mein Haupt

Bei Mannheim klingelt dann auch mein Handy. Einem Freund hat die Entschleunigung eher Stress beschert, erfahre ich. Sie hat ihn auf einem Wochenendtrip erwischt, während sein Arbeitsalltag morgen ungebremst seinen Lauf nehmen wird – besser, er ist dann dabei. Spontanes Mitgefühl bremst meine luftigen Gedankensprünge über eine andere mögliche Welt, unter der Wolke.

Die Information eines neuen Mitreisenden holt mich endgültig auf den Boden der Tatsachen zurück: „Für die Fluggesellschaften ist das jetzt schon schlimmer als die Anschläge vom 11. September. Jeden Tag 150 Millionen“, weiß er zu berichten. Die Fluglinie SAS, so lese ich, hat angekündigt, ab Montag 2500 Mitarbeiter in unbezahlten Urlaub zu schicken, sollte sich die Wolke nicht verziehen.

Wir sind kurz vor Frankfurt, als mir auffällt, dass mich eben diese Fluggesellschaft in vier Tagen sanft in den Urlaub befördern soll. Jetzt habe ich das Ereignis eingeholt, die Asche ist auch in meiner Lebenswirklichkeit angekommen. Ich werde der Erde dennoch nicht zürnen, sondern gespannt beobachten, ob „Jökutl“ tatsächlich in der Lage ist, meine Urlaubsplanung und unsere Wirtschaftsordnung nachhaltig zu erschüttern. Etwas in mir hofft und fürchtet zugleich, dass sich die Asche verzieht und sich all diese Szenarien in Luft auflösen.


Die Bildrechte liegen bei Daniel Örn (Vulkan) bzw. bei Bob McInnes (Flugzeug) und sind als Creative Commons lizensiert.


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