Sarrazin kann es nicht lassen

Thilo Sarrazin provoziert gerne. Berlins ehemaliger Finanzsenator schimpft über „Kopftuchmädchen“ und „türkische Wärmestuben“ und hält seine ganz eigenen Integrationslösungen parat. Ein Kommentar von Niklas Allgaier

Immer wieder provoziert Thilo Sarrazin, ehemaliger Finanzsenator von Berlin und derzeitig im Vorstand der Bundesbank, ganz bewusst mit seinen Äußerungen. „Zweimal Hausaufgaben nicht gemacht, Kindergeld um 50 Prozent gekürzt“, so Sarrazins Vorschlag, der insbesondere auf Familien und Jugendliche mit Migrationshintergrund abzielt. Empörung ist garantiert, Empörung ist beabsichtigt, denn sie ist Teil von Sarrazins Diskursstrategie. Sarrazin weiß um die Wirkung der medialen Öffentlichkeit und bedient nur zu gerne die Mechanismen der Empörungsindustrie.

Öffentliche Ansichten eines Fußgängers

Was Herrn Sarrazin zum Experten für Migration und Integration ausweist, bleibt hingegen bis zum heutigen Tage unklar. Als Bildungs- oder Migrationsforscher ist er jedenfalls noch nicht in Erscheinung getreten. Er selbst verweist auf seine Alltagserfahrungen auf den Straßen Berlins. Doch im Unterschied zu „Franz Fußgänger“ ist Thilo Sarrazin im Vorstand der Deutschen Bundesbank und kann sich publizistischer Resonanz sicher sein. Er schöpft seine Meinung aus seinem Alltagshorizont, veräußert sie jedoch zugleich und speist sie in die öffentliche Debatte ein. Durch die Publikation muss man sich zwangsläufig mit Sarrazins Impressionen aus der Großstadt auseinandersetzen:

Seine veröffentlichte Weltbeschreibung entbehrt nicht einer gewissen Relevanz. Aus der „katholischen Arbeitertochter vom Lande“, die noch in den 60er Jahren das Sinnbild für Mehrfachbenachteiligung im Bildungssystem war, wurde in den vergangenen beiden Jahrzehnten der „Migrantensohn aus einem Problemviertel“. Richtig ist außerdem, dass Bildung, und hier vor allem die Sprachkompetenz, das entscheidende integrative Moment ist.

Bringschuld statt Bildung, Sanktionen statt Sozialarbeit

Doch Sarrazin belässt es nicht bei der Analyse dieser einfachen Zusammenhänge, wenn er Sanktionen für fehlende Hausaufgaben fordert: „Integration ist zu 80 Prozent eine Bringschuld und keine Holschuld.“ Der ehemalige Finanzsenator von Berlin will den Staat aus der Verantwortung nehmen und diese an Eltern und Kinder gleichermaßen übertragen. Damit fordert Sarrazin die Konterrevolution in der Bildungspolitik ein. Denn es ist gerade nicht die Stärkung der Eigenverantwortung, die die Bildungspolitik nach PISA kennzeichnete. Ganztagsschule, Hausaufgabenbetreuung, Ausbau der KITA-Betreuung. Dies bedeutet de facto die Ausweitung des staatlichen Einflusses auf die Erziehung der Kinder.

Chancengleichheit ist eine Illusion, wie der französische Soziologe Pierre Bourdieu schon in den 60er Jahren feststellte. Die ökonomische und kulturelle Ungleichheit der sozialen Herkunft lässt sich nur bis zu einem bestimmten Grade kompensieren. Die geeigneten Instrumente hierfür sind die Familien- und die Bildungspolitik. Aus der Erfahrung weiß die Forschung und auch die Politik, dass der einzig gangbare Weg über die Schule führt. Familienpolitische Maßnahmen setzen dabei langfristig an und sind als flankierende Maßnahmen sicherlich angebracht. Thilo Sarrazin hingegen glaubt an den unmittelbaren Erfolg von Sanktionen, die in Zukunft dann sogar die Arbeit von Sozialarbeitern ersetzen könnten.

Sarrazin braucht intellektuelle Gegenspieler

Wie naiv ist es zu glauben, betroffenen Familien fehle es nur an der richtigen Motivation? Manifeste Probleme wie die Ausgrenzung aus der Mehrheitsgesellschaft, Arbeitslosigkeit oder Bildungsarmut spielen eben keine untergeordnete Rolle: Wie zum Beispiel wollen denn Eltern, die Analphabeten oder der deutschen Sprache nicht mächtig sind, die Hausaufgaben ihrer Kinder kontrollieren? Es gilt die Familie einzubinden, die Jahrzehnte lang Erfahrungen mit Exklusion und Zurückweisung gemacht haben. Pilotprojekte in Grundschulen, in denen Kinder und Eltern gemeinsam Deutsch lernen, sind Beispiele hierfür. Wenn nötig, muss der Einfluss der Familie auf die Entwicklung des Kindes minimiert werden. Eine KITA-Pflicht und Ganztagsschulen sind die richtigen Instrumente für Familien, in denen weder ein Mahnbrief vom Sozialamt noch Sozialarbeiter etwas an den Zuständen ändern können.

Es gibt nur eine Möglichkeit den unqualifizierten und unterkomplexen Äußerungen Sarrazins zukünftig ihrer Wirkung zu berauben. Kritische Intellektuelle und die Wissenschaft müssen sich endlich wieder in den öffentlichen Diskurs einbringen und die neuen Ansätze in der Integrations- und Bildungspolitik unterstützen. Es waren Intellektuelle wie Bourdieu (er in Frankreich; Jürgen Habermas in Deutschland), die die Bildungsexpansion der 60er und 70er Jahre maßgeblich vorbereiteten und Einfluss auf die Politik nahmen. Das neue Jahrzehnt braucht wieder solche Typen.


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