Weltenlauf am Abfahrtshang

Dabei sein ist längst nicht mehr alles. Höher, schneller, weiter – das ist das wahre Motto der Olympischen Spiele. Wie lange das noch gehen soll und wo das alles hinführt; darüber diskutierten die Gäste des Epeisodion. Von Lennart Faix

Neulich zu später Stunde im Epeisodion: Am Tresen sitzen zwei leicht ergraute Familienväter. Dieser trinkt Weinschorle, Jener ein Weizen. Am Nachbartisch tafelt der „Herr Kommissar“. Sein Pferd hat er draußen vor der Tür angebunden. Gerte und Reithelm liegen auf dem Stuhl neben ihm. Der Wirt balanciert ein Tablett mit vollen Ouzogläsern Richtung Eisschrank. Dieser und Jener sind bislang ganz zufrieden mit dem Abschneiden der deutschen Athleten bei den Olympischen Spielen. Nur der verpassten Medaille bei der Damenabfahrt trauern sie noch etwas hinterher.

DIESER: Das reinste Chaos-Rennen war das ja… da ist doch beinahe jede zweite gestürzt… fürchterlich…

JENER: Ja und der Rest ist gefahren wie junge Vögel, die zum ersten Mal das Fliegen ausprobieren müssen… erbärmlich…

Kurzes Schweigen, Kopfschütteln und Nippen am Glas.

JENER: Also ich mag es, wenn es ab und zu mal scheppert… Die Amis, die sind da ja runter als gäbe es kein Morgen und haben haushoch gewonnen… die haben da sowieso mehr Bezug zum Spektakel…

DIESER: Aber das geht doch so nicht weiter… Immer schneller, steiler, halsbrecherischer… Material, Pisten, Techniken…das kennt doch alles gar keine Grenzen mehr…

JENER: Dann sollen die’s halt sein lassen. Der Wasmeier hat auch gesagt, es setzt sich ja nicht jeder, der ein bisschen Auto fahren kann, in einen Formel-1-Wagen…

DIESER: Toll! Und am Ende gibt’s wieder Tote, wie dieser Schlittenfahrer…Das ist doch mittlerweile Lebensgefahr per Anordnung!

WIRT (räumt die leeren Gläser ab): Normal, Herr Dromologe… mit Technologie wurde der Unfall erfunden. (entfernt sich murmelnd) Vernichtet Raum, verdichtet Zeit…sicherer Weg in Katastrophe…Zack, bumm! (knallt sein leeres Tablett auf die Theke)

DIESER: Verstehst du den…? Also der redet vielleicht immer wirr daher…

JENER (nachdenklich): Aber… wer gewinnt denn nun das Rennen, der beste Schlitten oder der beste Fahrer?

DIESER: Na, wahrscheinlich bedingt sich das gegenseitig… (holt aus) Weil der Mensch ja so seine Grenzen hat, baut er immer bessere Hilfsmittel…

JENER (triumphierend): …und wenn er denen dann nicht mehr hinterher kommt, baut er an sich selber rum… Ganzkörperrasur, Höhentrainingslager, Zentrifugen…schleuder… Blutdoping…

DIESER: Also, jetzt komm ich nicht mehr hinterher… Egal, ist eh schon spät. Teilen wir uns ein Taxi?

JENER: Nee, lass uns lieber zu Fuß…

DIESER: Zu Fuß? Spinnst du? Du meinst ich soll… (zum Wirt) Chef, machst du mir nen fahrbaren Untersatz, bitte!

WIRT: Kommt, Kollege! (greift zum Hörer und setzt die Wählscheibe in Bewegung)

JENER: Also ich lauf gerne heim, die frische Luft und… (zögert kurz) Unten verrichten zwar die Füße ihren Dienst, oben aber… als stünde man bewegungslos da und unter einem würde irgendwie die Umgebung davongetragen (kennt nun kein Halten mehr) So entsteht der tröstliche Eindruck man habe direkt an ihr teil; nur indem man ihre allmähliche Veränderung beobachtet…

DIESER (tippt sich an die Stirn, während Jener in seine Jacke schlüpft): Gute Nacht, Herr Wandersmann.

Der Wirt versucht jeweils acht Gläser mit einem Handgriff von der Abtropffläche ins Regal zu hieven. Er wundert sich selbst ein wenig, wie gut das klappt. Dieser setzt sich noch eine Weile zum „Herr Kommissar“ an den Tisch. Jener verlässt das Lokal. Ganz schön groß, so ein Pferd, denkt er sich draußen vor der Tür und ihn schaudert ein wenig.



Die Bildrechte liegen bei /e-politik.de/-Autor Sören Sgries.


Weiterführende Links zu Dromologie/ Paul Virilio:

Lexikonartikel „Dromologie“

Der Preis des Fortschritts

Die Logik des Unfalls


Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:

Plastikweinlaub auf Hartz-IV

Der Oetti – die Idealbesetzung

Vorolympischer Spießroutenlauf