Sonnenenergie als Alleskönner

Das Megaprojekt Desertec erhitzt die Gemüter der Energieexperten. Der Bau riesiger solarthermischer Anlagen in der Wüste soll eine nachhaltige und klimafreundliche Stromversorgung ermöglichen. Ist Desertec eine realistische Zukunftsvision für die Staaten Nordafrikas und des Mittleren Ostens? Von Johannes Kurt

Die Vision klingt großartig! Das Desertec-Konsortiums, bestehend aus Schwergewichten wie E.ON, RWE, Siemens und der Münchner Rück, will den Staaten der MENA-Region (Middle East and North Africa) Know-how und Kapital für den Bau solarthermischer Spiegelkraftwerke bereitstellen. Aus der Sonneneinstrahlung der Region könnte so sauberer Strom entstehen und die Energieversorgung der Region gesichert werden. Obendrein würde durch den überschüssig produzierten Strom in den MENA-Staaten ein wichtiges Exportgut geschaffen.

Vor dem Hintergrund der drängenden Frage, wie eine CO² arme und hocheffiziente Energieversorgung zu erreichen sei, hatte das Wüstenstrom-Projekt eine energiepolitische Grundsatzdebatte ausgelöst. Braucht man die vom Konsortium angestrebte Großtechnologie oder ist es doch sinnvoller, auf dezentrale Erzeugungseinheiten zu setzten? Seit seiner Vorstellung im Juni 2009 waren auch die entwicklungspolitischen Chancen und Risiken des Desertec-Projekts kontrovers diskutiert worden.

Nachhaltige Entwicklung durch Wüstenstrom

Die KfW-Entwicklungsbank, im letzten Jahr weltweit größter Investor in Erneuerbaren Energien, lud im Januar zu einer Diskussionsrunde zum Thema „Strom aus der Wüste“ ein. Als Repräsentanten der bei Desertec angestrebten Partnerschaft aus privatwirtschaftlichen und staatlichen Akteuren waren Paul van Son und der Marokkaner Ali Fassi Fihri anwesend.

Paul van Son, Vorstandsvorsitzender des Desertec Konsortiums, pries sein Projekt als technisch machbare Zukunftsvision an, die nicht nur den Energiebedarf Nordafrikas, sondern auch Westeuropas mit Strom aus Erneuerbaren Energien decken könne. Bereits in zehn Jahren könnte dann der erste Strom fließen.

Der Generaldirektor der marokkanischen Elektrizitätsbehörde Fassi Fihri bestätigte, dass die Nutzung der Solarenergie für Marokko eine Vision langanhaltender Entwicklung darstelle. Für sein Land, das über keinerlei Ölreserven verfüge, sei Desertec eine große Chance. Er machte aber auch deutlich, dass die Kooperation erst am Anfang stehe und dass man sich nicht zugunsten deutscher oder europäischer Stromkonzerne übervorteilen lassen würde.

Wer subventioniert den Solarstrom?

Die momentan größte Herausforderung für das Desertec-Projekt ist es die richtigen Rahmenbedingungen für die Umsetzung des Vorhabens zu schaffen. Die Entwicklung der MENA-Region hängt maßgeblich vom Zugang zu Energie ab. Investitionen in neue Infrastruktur Projekte sind dringend notwendig.

Entwicklungspolitisch ist die Förderung einer Energiegewinnung aus erneuerbaren Ressourcen wünschenswert. Eine Umsetzung entsprechender Vorhaben wird momentan jedoch durch hohe Investitionskosten erschwert. Von entscheidender Bedeutung für die Machbarkeit von Desertec wird es sein, dass in den beteiligten Ländern ein Einspeisetarif für Solarstrom realisiert werden kann. Nur so kann gewährleistet werden, dass sich der Wüstenstrom für einen festen Preis pro Kilowattstunde verkaufen lässt.

„Für die Subventionierung des solarthermischen Stroms ist ein Entgegenkommen der europäischen Energiekonzerne notwendig“, betonte Ali Fassi Fihri. Wie die Differenz zwischen konventionellen und erneuerbarem Strom ausgeglichen werden soll, ist bislang jedoch noch völlig unklar.

Desertec: Schwieriger Balanceakt

Energiepolitische und bürokratische Details sind jedoch nicht die einzigen Hürden für Desertec. Viele Kritiker aus der MENA-Region sehen das Riesenprojekt als energiepolitischen Neokolonialismus. Genährt werden die Ressentiments vor allem durch die bislang ungeklärte Frage bezüglich des Produktionsstandorts der notwendigen Solaranlagen. Der größte Mehrwert entsteht bei der Herstellung der Anlagen und nicht bei der Konstruktion vor Ort.

Eine Notwendigkeit für das Zustandekommen der Kooperation sei es, große Teile der Produktion in Nordafrika anzusiedeln, sagte der Marokkaner Fassi Fihri. Er unterstrich damit die Bedeutung der Beteiligung der MENA-Staaten an der Wertschöpfung bei der Produktion der Solaranlagen.

Paul van Son verwies in diesem Punkt auf die noch frühe Planungsphase des Projekts. „Wir stehen am Anfang eines langen Prozesses und werden versuchen, so viele Win-Win-Situationen wie möglich zu schaffen“, sagte der Niederländer diplomatisch. Konkrete Nachfragen zur Kooperation, Finanzierung und Realisierung von Desertec verliefen mit ähnlichen Begründungen im Sande.

Dem Konsortium sei sich bewusst, dass es in erster Linie um die Stromversorgung und Entwicklung der MENA-Region ginge, so van Son weiter. Fraglich ist dennoch, ob dass Desertec Konsortium das richtige Gremium für die Klärung entwicklungspolitischer Fragen ist und das Vertrauen der vielen Partnerländer gewinnen kann.

Zentrale oder dezentrale Nutzung der Sonnenenergie?

Problematisch für die Region Nordafrika ist, dass bei der Umsetzung des Desertec Projekts -ähnlich wie bei Kohle- oder Atomkraftwerken – die Energieversorgung zentral vorgenommen würde. Der im großen Maßstab produzierte Solarstrom kann für die Versorgung der ans Netz angeschlossenen Großstädte genutzt werden. Die ländlichen Regionen wären aber besser mit dezentraler Stromproduktion versorgt. Es ist also fraglich ob eine zentrale Stromversorgung die armen und ländlichen Bevölkerungsteile Nordafrikas überhaupt erreichen würde.

Desertec verhindert nicht, dass der Ausbau dezentraler Stromversorgung gefördert wird. Ihre Wirtschaftlichkeit wird durch die Entstehung großer Netzstrukturen allerdings verschlechtert. Der gerade erst in Fahrt gekommene Ausbau dezentraler Anlagen in den MENA-Staaten könnt so behindert werden. Viele Experten gehen davon aus, dass die für Desertec vorgesehenen Summen besser in dezentrale Anlagen oder nationale Solarprojekte zu investiert seien, anstatt die Lösung  sofort im regionalen Großprojekt zu suchen.

Fata Morgana für Deutschland

Bis zu 15 Prozent der europäischen Stromversorgung sollen mittelfristig per Stromimport aus der Sahara gedeckt werden. Damit steht das Projekt auch im Mittelpunkt der deutschen Energiepolitik. Ein zentrales System wie Desertec kann nur von einigen wenigen Großkonzernen realisiert und betrieben werden.

Es sei die Frage wem die Diskussion um Desertec in Deutschland nützten würde, merkte der SPD-Politiker Ulrich Kelber an. Interessant sei es, so Kelber weiter, wie sich die großen Energiekonzerne erst gegen die Windkraft, dann gegen die Biomasse und nun gegen die Solarenergie gestellt hätten, nur um dann die Führung bei der zentralen Vermarktung dieser Energieträger zu übernehmen.

Kelber spielte damit vor allem auf die Kritik seines Parteigenossen Hermann Scheer am Wüstenprojekt an. Dieser hatte Desertec als Fata Morgana bezeichnet. Das vorrangige Ziel des Großprojekts besteht nach Meinung von Scheer darin die Dezentralisierung der Stromerzeugung in Deutschland zu verlangsamen und ein Anbietermonopol aufrecht zu erhalten. Diese Struktur wird von den Befürwortern einer dezentralen Energieversorgung als das größte Hindernis gegenüber der Einführung Erneuerbarer Energien angesehen.

Sonnige Aussichten

Der Kerngedanke des Desertec-Projekts klingt verlockend. Auch die Frage ob DESERTEC ein Einstieg in eine nachhaltige Energieversorgung darstellt, ist für die nordafrikanischen Staaten sicherlich mit ja zu beantworten. Die Erwartungen an das Großprojekt scheinen allerdings auch unter Annahme der technischen Machbarkeit überzogen zu sein.

Die größte Euphoriebremse besteht im bislang nicht gegebenen Rechtsrahmen für eine Kooperation mit den MENA-Staaten. Die große Zahl der an dem Projekt beteiligten Unternehmen und Staaten erhöht den Koordinationsaufwand und lässt auf langwierige Verhandlungen schließen. Innerhalb von drei Jahren will das Konsortium konkrete Investitionspläne für das gigantische Projekt vorlegen. Dass der Startschuss für das Riesenprojekt bereits 2015 fällt, ist mehr als fraglich.

Angesichts der vielen noch zu nehmenden Hürden sollte der schnell zu realisierende Ausbau von verbrauchsnahen, dezentralen Anlagen vorangetrieben werden, anstatt auf die Universallösung von Großprojekten zu warten. Auf diesem Wege könnten auch die Entwicklungsbedürfnisse der Region besser berücksichtigt werden.

Die Zeit arbeitet ohnehin für die Sonne. Spätestens ab 2020 rechnen Experten mit der sogenannten grid parity-Schwelle, dem preislichen Gleichziehen von fossil und solarthermisch erzeugtem Strom. Die Umsetzung von Solarstromprojekten, auch im großen Stil, würde dadurch erheblich erleichtert.

Über den Autor: Johannes Kurt ist Diplom Politologe. Er studierte am Berliner Otto-Suhr- Institut mit dem Schwerpunkt Internationalen Beziehungen. Sein Forschungsinteresse gilt der internationalen Energie- und Entwicklungspolitik.


Die Bildrechte liegen bei TREC/Creative Commons Lizenz (Karte DESERTEC) und Solar Milenium AG (Solarkollektoren).


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