Gunnar Herrmann - Auslandskorrespondent für die Süddeutsche Zeitung
Gunnar Herrmann – Auslandskorrespondent für die Süddeutsche Zeitung

Das Büro in der Ottostraße war ein bisschen unordentlich und es war klein. Genau genommen war es gar kein Büro, sondern Nickls (Nikolaus Röttger) ehemalige Studentenbude, die er mit ein paar Regalen und wackeligen Tischen so verändert hatte, dass sie nun wie etwas aussah, das gerne ein Büro sein möchte, aber noch wachsen muss. Als ich dort zum ersten Mal auf einem quietschenden Stuhl vor einem vollen Aschenbecher und einer Tasse mit lauwarmen Filterkaffee Platz nahm, war es um mich geschehen. Der Raum in der Ottostraße sah eben genau so aus, wie man sich damals – es war Mitten in der Hochphase New Economy – den Beginn von etwas ganz, ganz Großem vorstellte. So ähnlich, dachte ich mir, muss es auch in der Garage ausgesehen haben, in der Steve Jobs einst den ersten Apple-Rechner zusammenschraubte. Als ich gefragt wurde, ob ich mitmachen will, sagte ich ohne Zögern ja. Von nun an trank ich fast täglich lauwarmen Filterkaffee auf dem quietschenden Stuhl, schrieb dort, redigierte, bastelte mit HTML, brütete über hochtrabenden Business-Plänen und lernte in der Ottostraße mehr als in so manchem Uni-Seminar.

Trotzdem wurde aus /e-politik.de/ nie ein schickes New-Economy-Start-Up. Was vielleicht ein Glück war, denn vieles, was in der wilden Jugendzeit des Webs modern und erfolgreich war, ist heute, zwei Finanzkrisen später, verschwunden. /e-politik.de/ aber gibt es immer noch. Und es ist sogar ein bisschen gewachsen: Heute wird nicht mehr in einer Studentenbude in der Ottostraße produziert. Sondern in Studentenbuden in der ganzen Republik – in Bonn, Heidelberg und Leipzig, in München, Greifswald und Berlin. Die Webseite ist seit dem Start 1999 unzählige Male erneuert und verbessert worden. Fertig wurde sie aber nie. Das ist wohl das Geheimnis von /e-politik.de/: Dass man sich trotz des ehrwürdigen Alters (zehn Jahre sind viel für ein Internetprojekt) irgendwie immer noch in einer Gründungsphase befindet. Ich hoffe, dass diese Phase noch recht lange andauert. Denn das Beste an /e-politik.de/ ist ja nach wie vor, dass man dort Neues ausprobieren und eigene Ideen verwirklichen kann; ohne Chefredakteur, ohne Verleger. Und meistens auch ohne Büro.