Mit den beiden starken Auftaktinszenierungen Medea und Jeder stirbt für sich allein konnten spätere Abende des 50. Berliner Theatertreffens nicht mehr mithalten.
Bemerkenswert war vor allem noch der fulminante Schluss von Sebastian Baumgartens Brecht-Bearbeitung Die heilige Johanna der Schlachthöfe aus Zürich: die Schauspieler ließen den Abend, als Johanna gescheitert vor ihnen lang, mit Haifisch, Rammsteins Adaption der Mackie Messer-Ballade aus der Dreigroschenoper, ausklingen, im Hintergrund wurden auf einer großen Videoleinwand ihre Namen und ihre Großaufnahmen wie bei einem Kinoabspann eingespielt.
Eine typische Jelinek-Textwüste bot Johan Simons, der Die Straße. Die Stadt. Der Überfall von den Münchner Kammerspielen mitbrachte. Dieser Abend lebt vor allem von Sandra Hüllers Monologen als Jelinek und Benny Claesens als Modezar Moshammer.
Sandra Hüller stand auch als Moderatorin im Mittelpunkt des großen Jubiläumsfests, das für eine halbe Stunde unterbrochen wurde, da sie kollabierte. Jürgen Kuttner lieferte einen Videoschnipselvortrag, wie man ihn seit fast zwei Jahrzehnten aus der Volksbühne kennt, der zwar wenig mit dem Theatertreffen zu tun hatte, aber dennoch für Heiterkeit sorgte. Höhepunkte des Festes waren ein Puppenspielerinnen-Auftritt mit einer Parodie auf Elfriede Jelinek und Lars Eidinger als DJ.
Zum Jubiläum wurde auch eine Bustour quer durch Berlin zu mehreren Terminen während des Festivals angeboten. Die Idee, historische Videos einzuspielen und die Spielorte zu präsentieren, war glänzend. Leider blieben die Bustour in Informationshäppchen stecken, so dass ein guter Ansatz nicht ganz glückte.
Nach dem Eröffnungsstück Medea standen beim 50. Berliner Theatertreffen zwei Bühnenfassungen von Romanen auf dem Programm, die dem Publikum mit einer Länge von viereinhalb bzw. mehr als fünf Stunden einiges an Konzentration und Sitzfleisch abverlangten.
Am 6. und 7. Mai gastierte das Hamburger Thalia-Theater mit Luk Percevals Jeder stirbt für sich allein nach dem gleichnamigen Roman von Hans Fallada. In der Romanvorlage verarbeitete Fallada 1946/47 die wahre Geschichte des Berliner Arbeiterehepaares Elise und Otto Hampel, die zwei Jahre lang heimlich Postkarten an belebten Orten der Hauptstadt deponierten und zum Widerstand gegen Hitlers Gewaltherrschaft aufriefen, bevor sie denunziert, gefoltert und zum Tod verurteilt wurden.
Das Besondere an diesem voluminösen Abend ist, dass es Regisseur Luk Perceval, Dramaturgin Christina Bellingen und ihrem Schauspielerensemble um Barbara Nüsse, Gabriela Maria Schmeide und Mirco Kreibich gelingt, das Publikum nicht mit bleierner Schwere zu erdrücken. Als zentrale Themen werden Widerstand, Verrat und Folter verhandelt: Wie reagieren die Figuren unter totalitärer Repression? Die Kleinganoven lavieren sich durch, die meisten passen sich an, eine überraschende Wandlung erlebt der für seine Strenge gefürchtete Kammergerichtsrat Fromm, der den Widerstandskämpfern hilft, da er sich der Idee der Gerechtigkeit verpflichtet fühlt.
Neben den beklemmenden Momenten, die bei diesem Stoff zwangsläufig sind, gab es für das Publikum auch heitere Szenen, so dass trotz des düsteren Titels Jeder stirbt für sich allein erstaunlich viel gelacht wurde.
Die Thalia-Produktion ist eine gelungene Theaterfassung von Falladas Roman, der erst in den vergangenen Jahren den verdienten, weltweiten Erfolg erlebte, als die ungekürzte Originalfassung neu herausgegeben wurde. Der Schriftsteller Primo Levi,
ein Überlebender von Auschwitz, nannte Falladas Roman „das beste Buch,
das je über den deutschen Widerstand geschrieben wurde."
Völlig misslungen ist hingegen Sebastian Hartmanns Annäherung an Leo Tolstois Epos Krieg und Frieden als Koproduktion der Ruhrfestspiele Recklinghausen und des Centraltheaters Leipzig mit Ex-Bravo-TV-Girlie Heike Makatsch in einer Gastrolle. Die Inszenierung schleppt sich ziellos dahin, bevor sie in Albernheiten und Kalauern versandet.
Das 50. Berliner Theatertreffen (3.-20. Mai 2013)
Jeder stirbt für sich allein (Thalia-Theater Hamburg)
Roman-Vorlage Jeder stirbt für sich allein
Krieg und Frieden (Centraltheater Leipzig/Ruhrfestspiele Recklinghausen)
Die Kollegin bei Nachtkritik hat es schon am Premierenabend im April 2012 geschrieben: Michael Thalheimers Medea-Inszenierung am Frankfurter Schauspielhaus muss zum nächsten Berliner Theatertreffen eingeladen werden. Auch die Feuilletons von Stadelmeier in der FAZ bis zur taz waren unisono von der archaischen Wucht dieser Inszenierung begeistert.
Zur Eröffnung des 50. Berliner Theatertreffens machte das Festival sich und seinem Publikum das Geschenk, die Inszenierung auch im Berliner Festspielhaus an zwei Abenden (Freitag, 3. Mai und Samstag 4. Mai) zu zeigen, Medienpartner 3sat strahlte die Inszenierung am Samstag ebenfalls auf. Thalheimer und sein Team setzen ganz auf die Macht der Worte, Euripides Tragödientext hallt durch Olaf Altmanns fast leere Bühne, ohne Requisiten, Schnickschnack und psychologische Deutungen. Oft wurde Medea in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten symbolisch als Frau, die sich gegen männliche Herrschaftsverhältnisse wehrt, oder als Migratin, die in der fremden, feindlichen Umgebung ausgestoßen wird, gedeutet. Auch diese Interpretationen haben ihren Reiz, wie Christa Wolfs Roman Medea: Stimmen 1996 zeigte. Thalheimer geht bewusst einen anderen Weg und reduziert den Text auf seinen Kern.
Schon die ersten Minuten machen den Zuschauer neugierig auf den Ansatz dieser Inszenierung: eine Amme schleppt sich schlurfend in die Bühnenmitte und beklagt Medeas Schicksal, der Scheinwerfer zoomt nach oben und rückt Constanze Becker in der Titelrolle der Medea in den Mittelpunkt. Auf einer meterhohen Betonwand schreit und seufzt sie, krümmt sich in ihrem Leid. Statt des Zerrbilds einer rasenden Kindsmörderin, das manche mit Medea assoziieren, kann Constanze Beckers Medea aber auch ganz anders: in anderen Momenten hat sie sich im Griff und zieht eiskalt mit rationaler Raffinesse ihren Racheplan durch.
Zwei Höhepunkte prägen diesen Abend: Ganz langsam rückt die meterhohe Wand mit Medea auf ihrer Plattform Zentimeter um Zentimeter von der Bühnen-Rückwand zum Parkett vor und kommt Jason (Marc Oliver Schulze) und dem Publikum bedrohlich nah. Den Kindesmord setzt Thalheimer mit einer Videoinstallation, Piktogrammen und schrillen E-Gitarren-Klängen Bert Wredes, diesmal die einzige musikalische Untermalung, um.
Die Frankfurter Medea-Inszenierung war ein gelungener Auftakt der Jubiläums-Ausgabe des Berliner Theatertreffens und ist ähnlich beeindruckend wie Barbara Freys Inszenierung mit Nina Hoss in der Titelrolle am Deutschen Theater Berlin im Jahr 2007. Damals hatte das Deutsche Theater einen Spielzeit-Schwerpunkt auf antiken Tragödien, Michael Thalheimer und Constanze Becker überzeugten damals schon gemeinsam, als sie die Orestie nach Aischylos auf die Bühne brachten.
Das 50. Berliner Theatertreffen: 3.-20. Mai 2012
Eine schöne Erkenntnis des Theaterabends Gólgota Picnic beim Foreign Affairs-Festival im Haus der Berliner Festspiele war, dass es in Berlin keine wütenden Blasphemie-Vorwürfe religiöser Eiferer oder Rechtspopulisten gab. Als der Argentinier Rodrigo García mit seiner Inszenierung in Graz und Hamburg vor einigen Monaten gastierte, empörten sich Haiders Gesinnungsgenossen von der FPÖ bzw. die Piusbrüder.
Zurecht blieb es in Berlin ruhig. Wie schon Rezensionen bei SPIEGEL Online, nachtkritik und FAZ herausarbeiteten, setzt dieser Abend auf eine Ekel-Ästhetik, die sich im Geist des Aktionstheaters der 60er oder 70er Jahre ganz besonders wild und rebellisch gibt: die Schauspieler müssen sich natürlich ausziehen und mit Farbe beschmieren, sich gegenseitig Hamburger in den Mund stopfen und die Reste ausspucken. Am besten überträgt man die Highlights dann auch noch auf große Leinwände, wie es Frank Castorf als Stilmittel an seiner Volksbühne vorgemacht hat. Fertig ist die angebliche Skandalinszenierung, die sich als wütende Abrechnung mit Konsumgesellschaft und Christentum versteht. Vor einigen Jahrzehnten mag ein solcher Regiestil noch eine Herausforderung für das bürgerliche Publikum gewesen sein, vielleicht ist ein solcher Abend auch in einem tiefkatholischen Land wie Spanien noch mutig, hierzulande sorgt die plumpe Brachialästhetik für müdes Abwinken.
Über die beschriebenen Szenen legt sich ein Brei aus Monologen der Schauspieler im spanischen Original mit deutschen Übertiteln, die mit mehr oder minder nachvollziehbaren Assoziationen um die Kreuzigung Jesu auf dem biblischen Berg Gólgota und die Essgewohnheiten einer Fast-Food-Gesellschaft kreisen. Die Schauspieler waten und wälzen sich durch ein Meer der handelsüblichen Papp-Brötchen, die ansonsten von McDonald´s, Burger King und Co. mit faden Beilagen und zähem Fleisch belegt werden.
Die zweite Hälfte des Stückes gehört allein Mario Formenti, der sich auch erst mal auszieht, aber überraschenderweise von keinem Bühnen-Kollegen mit irgendwelchen Farben oder Flüssigkeiten beschmiert, besprüht oder übergossen wird, sich stattdessen ans Klavier setzt, das über das Burger-Schlachtfeld polternd reingeschoben wird, und Joseph Haydns Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze spielt.
Zur Eröffnung des Foreign Affairs-Festivals stand an diesem Wochenende das Stück Las Multitudes des Argentiniers Federico León im Haus der Berliner Festspiele auf dem Programm. Ein Großaufgebot von 121 Darstellern von Kindern bis Senioren wuselte in Gruppen über die Bühne.
Federico León beschreibt im Presseheft seine Grundidee so: "Am Anfang sind alle Gruppen zerstritten, aber dann verbinden sie sich zu einer großen Gemeinschaft, und jeder fühlt, dass er ein fundamentaler Teil einer Maschine ist, einer Gesamtheit, und dass diese Gesamtheit ohne ihn nicht funktionieren würde... Für mich ist Las Multitudes ein Gesellschafts-Ideal. Die einzelnen Gruppen streiten sich zwar, kümmern und sorgen sich aber auch umeinander, jeder interessiert sich für den anderen, und das Stück führt in eine große Vereinigung."
Die Schluss-Szene ist tatsächlich das eindrucksvollste Bild, das beim Verlassen des Theaters nach knapp 70 Minuten im Gedächtnis bleibt: Die ausgelassene Partystimmung der Generationen ist schön choreografiert und mit angenehmen Beats untermalt. Bis dahin blieben jedoch viele Szenen Stückwerk. Man merkt dem Abend seine Entstehungsgeschichte an: "Der Probenprozess verändert den Text, so dass am Ende etwas Neues entsteht, demgegenüber man sich wieder anders positionieren muss. Wenn ich mit einem Projekt anfange, habe ich immer einen konkreten Plan, einen Ausgangspunkt, der sich dann während des Probenprozesses immer mehr verwandelt. Von vielem, was in den Proben plötzlich lebendig wird, hatte ich beim Schreiben noch gar keine Ahnung. Sachen, die das Stück nähren und es quasi um- und fertigschreiben."
Das scheint der springende Punkt zu sein: Vieles ist interessant anzusehen, manches sorgt für Lacher, aber es fügt sich noch nicht wieder zu einem organischen Ganzen. Kein klarer roter Faden verbindet die einzelnen Szenen. Der Probenprozess wirkt noch nicht ganz abgeschlossen, vielleicht reift die Inszenierung bei den nächsten Aufführungen. Auch in Kleinigkeiten zeigen sich Brüche: Kurz vor Schluss beginnt eine Frau aus der Gruppe der Seniorinnen kurz zu rauchen. Es erschließt sich nicht, ob der Regisseur und Autor León damit eine Botschaft vermitteln will oder ob sich dieses Detail nur zufällig im Probenprozess eingeschlichen hat.
Jürgen Kuttner, bekannt für seine Videoschnipselvorträge an der Volksbühne, wo er abseitige Videos mit endlosen Monologen kommentiert, und als Vater der Moderatorin Sarah Kuttner, inszeniert bereits in der dritten Spielzeit in Folge gemeinsam mit Tom Kühnel am Deutschen Theater Berlin. Nach die Sorgen und die Macht und Capitalista, Baby! gelingt ihnen mit Demokratie ihre unterhaltsamste und stringenteste Produktion.
Sie halten sich erstaunlich eng an ihre Vorlage, das gleichnamige Politdrama von Michael Frayn aus dem Jahr 2003, das die zeithistorischen Vorgänge des Sturzes von Willy Brandt nachzeichnet. Unmittelbarer Auslöser war die Enttarnung seines persönlichen Referenten Günter Guillaume (Daniel Hoevels) als Stasi-Spion, tiefere Ursache waren die unübersehbaren Risse in der Mutter aller SPD-Troikas (Willy Brandt, Herbert Wehner, Helmut Schmidt).
Die Machtkämpfe der drei Alphamänner werden gut herausgearbeitet, Bernd Stempel glänzt in der Rolle des knorrigen Fraktions-Zuchtmeisters Herbert Wehner, der auf Parteidisziplin pocht und die Aussöhnungspolitik mit dem Warschauer Politik und die mangelnde Entscheidungsfreude des Kanzlers mit bissigen Kommentaren geißelt. Dabei spielt er Felix Goeser (Willy Brandt) und Andreas Döhler (Helmut Schmidt) streckenweise an die Wand. Auch vermeintliche Nebenfiguren wie Horst Ehmke (Helmut Mooshammer), der vom Posten des Kanzleramtschefs ins Postministerium abgeschoben wurde, des machtbewussten Innenministers und Strippenziehers Hans-Dietrich Genscher (Markwart Müller-Elmau), des Stasi-Führungsoffiziers (Matthias Schweighöfer) und des fragwürdig agierenden Verfassungsschutz-Chefs Nollau (Matthias Neukirch) werden in interessanten Charakterstudien sichtbar.
Zeithistorische Aufklärung über das Innenleben der Sozialdemokratie in den 70er Jahren und einen Einschnitt in die Geschichte der Bundesrepublik war aber sicher nicht das Hauptanliegen von Kuttner/Kühnel. Sie nutzen den Stoff als Spielwiese und toben sich mit eingestreuten Schlagern aus Ost und West nach Herzenslust aus. Man muss anerkennen: Was leicht in Albernheiten versinken könnte, funktioniert an diesem Abend richtig gut. Die Songs, die vom Band eingespielt und zu den recht synchronen Lippenbewegungen der Schauspieler in die Handlung integriert werden, setzen meist gelungene Pointen und spiegeln das Innenleben oder die Beziehungen zwischen den Protagonisten.
Ein Lob hat auch das Programmheft verdient: Dort findet das Publikum einige zeithistorische interessante Ausgrabungen, wie ein wütendes 69-Punkte-Pamphlet des Bayernkurier-Chefredakteurs und Franz Josef Strauß-Vertrauten Wilfried Scharnagl aus dem Wahlkampf 1969 oder Reportagen aus Tageszeitungen über wichtige Stationen des Dramas.
Das Publikum muss an diesem Abend aber auch einiges aushalten: Die stinkenden Rauchschwaden, die von der Bühne in den Zuschauerraum ziehen, wirken genauso aus der Zeit gefallen wie die Handlung und die Schlager aus den 70er Jahren. Statt echter Zigaretten wären Attrappen wesentlich sinnvoller gewesen, gerade in einem Tag, an dem selbst der notorische Kettenraucher Helmut Schmidt bei der Verleihung des Westfälischen Friedenspreises das Rauchverbot im Rathaus von Münster respektiert und zwei Stunden lang auf einen Bruch des Gesetzes verzichtet.
Jürgen Kuttner konnte während der dreieinhalb Stunden-Inszenierung anscheinend auf sein Nikotin zu verzichten. Außer seinem Gequalme setzte er immerhin auch positive Akzente in einem furiosen Rundumschlag, mit dem er ein Sebastian Hafner-Video anmoderierte, das sich ansonsten nicht recht in die Handlung einfügen wollte. Was ist von der Kultur eines Landes zu halten, fragt Kuttner, in der Günther Jauch als politischer Journalist, Veronica Ferres als Schauspielerin und Richard David Precht als Philosoph gilt?
Sehr viele junge Gesichter gab es in den Kammerspielen des Deutschen Theaters bei Uli Jäckles Inszenierung von Homers Epos Odyssee: der Zuschauerraum war voll mit Teenagern und Schulklassen, die leider für Unruhe durch ständiges Rascheln und Tuscheln sorgten. Auf der Bühne waren ausschließlich Laienschauspieler zu erleben, die Jüngste kam zum Schlussapplaus mit ihrem Stofftier, die ältesten Protagonisten waren bereits im Seniorenalter.
Diese bunte, generationenübergreifende Laienschar hatte eine sehr freie Adaption des Stoffes einstudiert, die in ihrem frischen Zugriff auf den Mythos offensichtlich die Zielgruppe ansprach, wie der Schlussapplaus zeigte. Vom Tonband wurden zwischen den Szenen Gedankenfetzen über das Warten, auseinandergerissene Familien und abwesende Väter eingespielt, so dass die Motive in die Lebenswelt der Jugendlichen übertragen wurden.
Alles in allem ist diese Arbeit des Jungen DT als interessanter Versuch zu bewerten, neue Zielgruppen und zukünftige Generationen von Abonnenten oder Stammgästen an das Theater heranzuführen.
Dem jungen Friedrich Schiller hätte diese Inszenierung seiner Räuber am Gorki-Theater wahrscheinlich gefallen. Anfang 20 war der spätere Säulenheilige der Weimarer Klassik gerade mal, als er dieses wütende Sturm und Drang-Drama schrieb, das bei seiner Mannheimer Uraufführung vom jugendlichen Publikum begeistert gefeiert wurde. Der Herzog von Württemberg war von der offensichtlichen Kritik an seiner feudalistischen Herrschaft alles andere als amüsiert, Schiller floh vor der Festungshaft aus Stuttgart.
Wie bringt man ein politisches Drama eines angry young man, der zum Klassiker erstarrt ist, einige Jahrhunderte später auf die Bühne? Der Regisseur Antú Romero Nunes streicht kurzerhand das Personal auf die drei zentralen Figuren Franz (Paul Schröder) und Karl Moor (Michael Klammer) sowie Amalie (Aenne Schwarz) zusammen. Er verzichtet auf jedes Bühnenbild und lässt seine drei Schauspieler auf der kahlen Bühne Monologe zwischen 20 und 60 Minuten sprechen, in denen Versatzstücke aus Schillers Dramen-Dialogen mit Parodien auf das Theater, Kommentaren zu René Pollesch-Inszenierungen und Geplauder mit dem Publikum gesampelt wird. Dieser wilde Mix sorgt zwar immer wieder für Lacher, ist aber ohne Textkenntnis von Schillers Drama nicht richtig einzuordnen.
Vor dem Auftritt von Karl Moor erschallen plötzlich laute Schreckschusspistolen, die bei Besucher mit Herzproblemen Schwierigkeiten auslösen könnten. Später springen abrupt junge Schauspielstudenten mitten aus dem Publikum auf und brüllen als Chor ebenfalls Schiller-Dialog-Fetzen.
Der Abend zielt vor allem auf Schulklassen, die sich mit den Dramenklassikern abmühen und am Gorki eine kurzweilige Inszenierung mit Witz und Knalleffekten erleben, die für manche Überraschung gut sind. Das bildungsbürgerliche Staatstheaterpublikum wird es aber mit gemischten Gefühlen erleben, seinen Schiller so auf der Bühne zu sehen. Ihm selbst hätte es aber wahrscheinlich gefallen.
Weitere Informationen und Termine
Die Berliner Festspiele haben neben ihren bewährten Veranstaltungen wie dem Theatertreffen oder dem Musikfest eine neue ambitionierte Programmreihe ins Leben gerufen: Das Festival Foreign Affairs, das von 28. September bis 26. Oktober 2012 seine Premiere erleben wird, bringt Performances und Theateraufführungen aus allen Kontinenten nach Berlin. Das Festival will neue Sichtweisen jenseits eurozentrischer Denkweisen eröffnen und das deutsche Publikum mit spannenden, kontroversen Arbeiten bislang häufig unbekannter Künstler vertraut machen.
Die Festivalleiterin Frie Leysen erläutert in Ihrem Vorbericht für /e-politik.de/ das politische Konzept des Festivals und stellt die interessantesten Inszenierungen vor:
Foreign Affairs ist eine Einladung. Eine Einladung auf eine Affäre mit unserer Zeit und unserer Welt. Die Welt ist komplex. Wir sind daran gewöhnt, eine immer unübersichtlicher werdende Umgebung nur von unserem Standpunkt aus wahrzunehmen. Man hat uns Vereinfachungen angeboten, doch lässt sich das Komplexe weder durch Vereinfachungen begreifen, noch lassen sich mit Klischees Probleme lösen. Stattdessen kann man anfangen, sich in ein Verhältnis zur Welt zu setzen – und dabei den Standpunkt, von dem aus wir sprechen, mitzureflektieren und unser beschränktes Verstehen zu akzeptieren. Darüber gilt es miteinander in Dialog zu treten. Und der beginnt zwischen Menschen.
Im zweiten Teil des Premierenwochenendes am Deutschen Theater kehrte der Ödipus-Mythos in einer modernen Adaption von Wajdi Muawad in den Kammerspielen wieder. Sein beklemmendes, verschachtelt gebautes Drama Verbrennungen schildert die Reise von Zwillingen, die nach dem Tod ihrer Mutter den Traumata der Familie nachgehen und auf Abgründe von Folter und Vergewaltigungen im libanesischen Bürgerkrieg stoßen.
Tilman Köhlers Regie mutet in den fast drei Stunden seinem Publikum einiges zu: die Schauspieler springen in rascher Szenenfolge zwischen verschiedenen Rollen und Zeitebenen hin und her, die Zusammenhänge bleiben bis zur Entschlüsselung der Tragödie lange unklar. Gerade deshalb wirkt das Stück wie ein Mahlstrom, in dem sich Berichte von seelischen Grausamkeiten und seelischen Qualen aneinanderreihen. Als ob er vor der Schwere des Stoffs fliehen möchte, lässt der Regisseur Christoph Franken zwischendurch kleine Slapstick-Szenen spielen, die wir von ihm aus vielen anderen Abenden kennen, die aber in diesem Drama merkwürdig deplatziert wirken. Dementsprechend unfertig und unentschlossen wirkte die Handschrift des Regisseurs.
Maren Eggert betritt als Nawal in der Rolle der traumatisierten Mutter zunächst im Pullover-Schlabber-Look aus dem Publikum die Bühne und bewahrt ihre Figur auch im weiteren Verlauf davor, in der Aura einer Schmerzensmadonna zu erstarren. Obwohl sie das Zentrum der Handlung bildet, zieht sie sich immer wieder aus der Bühnenmitte zurück, die aus zwei großen Gitterplatten mit einem Riss besteht und von amphitheater-artig ansteigenden Publikumsrängen umgeben ist. Von dort oben wird das Drama regelmäßig von den Klagegesängen von zwei Araberinnen untermalt.
Auffällig ist, wie einig sich die Kritiken in den Feuilletons waren, dass das Leiden der gequälten Figuren in einer "spröden" Inszenierung mit vielen Worten behauptet, aber letztlich für das Publikum nicht erlebbar wird. Der komplexe Aufbau der Textwüste sorgt dafür, dass die Zuschauer auf Distanz gehalten werden. Deswegen ist dieser Abend weniger kraftvoll als die antike Tragödie Ödipus Stadt zuvor auf der Großen Bühne des Deutschen Theaters.
Macht Gewalt Demokratie: Unter dieses Motto stellt das Deutsche Theater Berlin seine neue Spielzeit 2012/2013. Mit den beiden Premieren des Eröffnungs-Wochenendes wurde dem Publikum gleich anspruchsvolle, schwere Kost geboten. Der Start in die hochpolitische Spielzeit war jedoch sehr vielversprechend.
Regisseur Stephan Kimmig und sein Dramaturg John von Düffel wagten sich an eine Dramen-Trilogie der griechischen Antike: Ödipus und Antigone von Sophokles sind in der luziden Schärfe ihrer Dialoge, in der präzisen Herausarbeitung der Konflikte um Macht und Gewalt zwei der interessantesten und zugleich frühesten Theaterstoffe, die zu diesem Themenkomplex geschrieben wurden.
Der besondere Kunstgriff dieses Abends ist es, die beiden im Bildungsbürgertum wohlbekannten Dramen als Anfangs - und Endpunkt dieses Theaterabends zu nehmen und als Mittelteil Sieben gegen Theben von Aischylos und Die Phönizierinnen von Euripides einzufügen. Unter dem Titel Ödipus Stadt gelingt es Kimmig und von Düffel so, eine spannende Entwicklung der Figuren nachzuzeichnen. Kreon, glänzend gespielt von Susanne Wolff, ist zu Beginn umsichtiger Berater von König Ödipus (teilweise etwas zu überzogen in Gestik und Mimik: Ulrich Matthes). Im letzten Teil entwickelt er sich zu einem engstirnigen Despoten, der keine Kritik zulässt und jede Empathie verloren hat. Im Rededuell mit Antigone (sehr überzeugend: Katrin Wichmann), einem der Höhepunkte dieses Abends, tun sich bei Kreon die Abgründe auf, die zu erleben sind, wenn ein Herrscher rücksichtslos seinen Willen durchsetzt.
Wer einen visuell opulenten Theaterabend erwartet, dürfte enttäuscht werden. Das Bühnenbild von Katja Haß ist karg und besteht nur aus einer überdimensionalen Halfpipe-Rampe. Die Figuren versuchen immer wieder, zu fliehen, den Kreislauf der Gewalt zu brechen und gegen die Rampe anzurennen, rutschen aber ab und werden zurückgeworfen. Mit diesem eindrucksvollen Symbol bringt das Bühnenbild den Kern dieser Tragödie gut auf den Punkt. Die Kraft dieser Inszenierung liegt in ihren starken Dialogen, der gelungenen Neuübersetzung der griechischen Stoffe durch Gregor Schneider und das exzellente Schauspieler-Ensemble des Deutschen Theaters.
Ein Gewinn war auch die Diskussion im Rahmen der Früh-Stücke am Morgen nach den Premieren: Die - wie stets - klug analyisierende Publizistin Carolin Emcke arbeitete in ihrem Beitrag heraus, worin die Stärke des Textes und ihrer Inszenierung liegen. Auf den ersten Blick könnte man den Stoff über den Fluch über dem Königshaus Ödipus aus archaischen, blutigen Mythos abtun, der uns heute kaum noch etwas zu sagen hat. Emcke zeichnete mit vielen Bezügen auf aktuelle kulturwissenschaftliche, soziologische und philosophische Studien nach, welche Aussagekraft dieses Drama über Verletzte und Vernachlässigte, die vom Opfer zum Täter werden, bis in unsere Gegenwart mit ihren blutigen Bürgerkriegskonflikten weltweit als Denkanstoß hat.
Ödipus Stadt - Weitere Informationen und Termine
Die kleine Meg scheint eine blühende Phantasie zu haben. Sie ist fest davon überzeugt, dass Frau Zucker, die reizende ältere Dame aus der Nachbarschaft, Kinder entführt und ihnen gemeinsam mit Frau Doktor Giftig ihre Energie absaugt.
Aus diesem Stoff entwickeln Peter Lund und Wolfgang Böhmer als bewährtes Duo gemeinsam mit ihren Studenten von der Universität der Künste (UdK) ein turbulentes Märchen-Grusical, das vor ausverkauftem Haus im saunaartig aufgeheizten Obergeschoss der Neuköllner Oper begeisterten Applaus bekam. Im Gegensatz zu früheren Inszenierungen wie Leben ohne Chris oder Mein Avatar und ich geht es diesmal nicht um eine humorvoll-unterhaltsame Auseinandersetzung mit realen gesellschaftlicher Entwicklungen wie Mobbing unter Jugendlichen oder dem Web 2.0. Diesmal ist die Handlung in einer Märchenwelt mit Hexen, Sciencefiction-Apparaten und überforderten Eltern angesiedelt.
Ansonsten sind die Markenzeichen der Peter Lund-Inszenierungen wieder klar erkennbar: die ausgefeilte Choreographie, die akrobatische und gesangliche Leistungsfähigkeit der jungen Darsteller, die faire Aufteilung der Dialoge und Gesangspartien ohne eine dominante Hauptrolle, die alle anderen an die Wand spielen würde, aber leider auch wieder das Zigaretten-Qualmen ohne irgendeine erkennbare dramaturgische Funktion auf der Bühne, die den Sauerstoffgehalt im ausverkauften Haus noch weiter reduziert.
Die Inszenierung Frau Zucker will die Weltherrschaft
Das Stück hatte am 18. Oktober 2011 Premiere an der Neuköllner Oper.
Eine überraschende kulturpolitische Entscheidung wurde in Berlin bekanntgegeben: Shermin Langhoff, die sich mit spannendem, "postmigrantischem" Theater am kleinen, aber feinen Ballhaus Naunynstraße 36 einen Namen gemacht hat, wechselt an eines der großen Häuser.
Ab Sommer 2013 wird sie als Nachfolgerin von Armin Petras neue Intendantin am Maxim Gorki Theater direkt an der Museumslinie.
Sie hat sich letztlich gegen Nicolas Stemann, der mit ungewöhnlichen Regiearbeiten z.B. am Hamburger Thalia Theater, den Salzburger Festspielen und am Deutschen Theater Berlin auf sich aufmerksam gemacht hat. Seine achtstündige "Faust I + II" - Inszenierung war auch beim Berliner Theatertreffen eingeladen.
Vor dem Haus der Berliner Festspiele baumelt ein Transparent, mit dem die Berliner "Ernst Busch" Schauspielschule auf ihre Raumnot aufmerksam macht. Anders als bei der ARD steht der Ruf nach passenden Ausbildungs- und Proberäumen hier unangefochten in der ersten Reihe. Denn beim Berliner Theatertreffen vom 4. bis 21. Mai 2012 versammeln sich die, denen die Bühnenbretter die Welt bedeuten. Restkarten sind rar, die in Berlin verstreuten Spielstätten erfüllt vom Plaudern und Prosten alter Bekannter, beteiligter Profis und Kritiker oder kritischer Zuschauer.
Zwischen(s)panischer Fliege am Donnerstag und acht Stunden Faust am Samstag stehen am Freitagabend des 11. Mai zwei von fünf auserwählten Stückemarkt-Stücken auf dem Programm, auserwählt aus 325 Einsendungen.
Zerstörungslust und einige Prisen Salz
Am Anfang steht die Rede von der Zerstörung, die aber bei so viel sprachlicher Dekonstruktion und eingeschriebenem Nihilismus zunehmend erbauliche Züge annimmt. Fünf Schauspieler sitzen auf einer Tribüne den Zuschauern gegenüber, ausgerüstet mit dem Skript Jonas Jagow von Michel Decar (1987), mit mehreren Packungen Jodsalz und mit sichtlichem Spaß beim szenischen Lesen. Regieanweisungen werden konsequent publik gemacht: „Jonas Jagow will Berlin zerstören, zerstört aber immerzu sich selbst“ , so die Erläuterung zu Szene 9.
Doch ganz so einfach ist es nicht: Zwar schwingt unser Protagonist wütende Reden, philosophiert dann aber für Nina, die Frau auf der anderen Seite der Telefonleitung oder des Betts, über flüchtige Gedanken und die Schwerkraft von Herzkörpern. Zwar wird gesoffen, geraucht und geschimpft, wie es sich für realitätsnahes Theater zu gehören scheint, doch auf der Strecke bleibt hier so richtig keiner. Selbst der Meteorit, gerade mal „groß genug ein Wolfsrudel zu töten“, schweift nur kometenhaft durch die lose Szenenfolge. So ist der angerichtete Schaden in etwa so schwerwiegend wie die eingestreuten Bestrafungstaten, wenn der Protagonist sich selbst, Nina und Konsorten oder das Publikum verschwenderisch mit Salz berieselt. Dass dabei Substanz entsteht und Freude aufkommt, liegt sowohl am Tempo und ironischen Zwinkern der Darsteller als auch an Michel Decars Text.
Sprachlich gewitzt gewendet
Der Autor (Foto: Hans Goedecke)hat Berliner Szenen, die das Leben schrieb, nicht nur gut beobachtet, sondern zieht auch sprachlich alle Register. Alles ist drin und dabei, von Schillers Räubern bis Andreas Baader, Moritz Bleibtreu und Andritz Bleiber, die sich laut Hauptfigur J.J. allesamt ficken können oder „halt endlich machen“ sollen. Mit unserem Helden finden wir uns am Potsdamer Platz und in einem Weddinger Bus wieder, oder (Szenenanweisung)...
„...in einem alten Luftschautzbunker, der früher einmal eine U-Bahn Station war, jetzt aber ein illegaler Technoclub ist, tagsüber jedoch als Galerie fungiert, in der manchmal Lesungen stattfinden, aber meistens Führungen für Touristen, die sich für illegale Technoclubs interessieren.“
Wie eine gute Anleitung zum Überleben endet das Fragment lapidar und fast versöhnlich mit den Worten "wohnen und warten“. In der Kassenhalle des Festspielhauses geht es dagegen nach kurzer Pause gleich weiter.
Polnisches Stimmungsbild in einem Stück
Die Bühne ist umgebaut, auf dem Podest hat sich eine Gruppe Schauspieler eingefunden, um Fremde Körper von Julia Holewińska (Foto: Tomasz Szerszen) zur Aufführung zu bringen. Es ist die Geschichte eines polnischen Widerstandskämpfers, der sich im Kreise seiner Mitstreitern, der gläubigen Gattin Maria und des „Sohnemann“ Lech doch immerzu als Frau im falschen Körper fühlt. In Zeitsprüngen erzählt die Warschauer Dramatikerin, was zwischen 1984 und heute geschah. Im unabhängigen Polen erleben wir Adam als Eva, dank eines chirurgischen Eingriffs und krebskrank nach einer Hormonbehandlung. In einer wenig toleranten freien Gesellschaft ist sie der Fremdkörper.
Doch während Jana Schulz und Matthias Bundschuh eindringlich als Adam und Eva überzeugen, wirkt das Skript teils allzu ausdrücklich und ausbuchstabiert. Von Katholizismus bis Katyn scheint kaum ein polnisches Thema unberührt und bei Netzstrümpfen und Wodkaströmen auf dem Podium auch ungebrochen. Ungeachtet dessen hat die Warschauerin Julia Holewińska ein gelungenes Stück kritischen Theaters geschrieben. Entsprechend werden beim Autorengespräch zwei junge, viel versprechende Dramatiker gefeiert.
Das Deutsche Theater Berlin machte angesichts der sibirischen Kälte, die von Osten hereinbricht, das einzig Vernünftige und genießt eine Woche lang Ferien. Davor war noch eine Werkschau der Dramatikerin Dea Loher zu erleben: Ihr Stück Diebe wurde 2010 als Auftragsarbeit des Deutschen Theaters uraufgeführt und anschließend auch als eine der zehn besten Inszenierungen zum Theatertreffen eingeladen.
Regisseur Andreas Kriegenburg, der zuvor schon zahlreiche Loher-Texte auf die Bühne gebracht hatte, fand für das Bühnenbild eine interessante Idee: Ein großes Mühlrad, das an die mittelalterlichen Darstellungen der Räder des Schicksals anknüpft, dreht sich unerbittlich im Zentrum der Bühne. Mit jeder Umdrehung spuckt es die Protagonisten aus, die sichtlich um Halt ringen. Die kleinen Miniaturen zeigen Menschen, die verängstigt und desillusioniert sind. In geduckter Haltung schleichen sie durch ihr Leben, träumen von einer glücklicheren Zeit, stecken aber doch im Morast ihrer beengten Verhältnisse fest.
Tragikomisch sind diese Figuren, wie die Supermarkt-Angestellte Monika Tomason (Barbara Heynen), die vom Aufstieg zur Filialleiterin in Holland träumt und deswegen schon fleißig die Sprache lernt, am Ende aber doch wegrationalisiert wird, oder Linda Tomason (Judith Hoffmann), die sich in ihrer Einsamkeit eine Kleinfamilie an ihren Frühstuckstisch dazuerfindet. Die meisten Lacher entlockt das Ehepaar Schmitt (Bernd Moss und Katrin Klein) dem Publikum, die völlig verängstigt sind, da sie sich von einem undefinierbaren Tier beobachtet fühlen. Ihre kleinbürgerliche Idylle wird am Ende aber gar nicht von einem Tier bedroht, sondern von einem unheimlichen Besucher, der sich als Beobachter in ihrem Wohnzimmer breitmacht, bis ihnen der Geduldsfaden reißt und sie ihn erschlagen.
Die Grundstimmung dieser Miniaturen und taumelnden Gestalten schwankt zwischen Melancholie und Aberwitz, angesichts der Länge von fast 4 Stunden hätten einige Striche in der Textfassung den Theaterabend noch dichter gemacht.
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