Schreiende Weber

Das Problem dieses Abends liegt auf der Hand: Die proletarischen Weber schreien schon in den ersten Sätzen, als sie am Fuß der Treppe über ihr Leben am Existenzminimum klagen. Wie kann man das Schreien noch steigern?  Die Unzufriedenheit sollte bis zum blutigen Aufstand der Weber anwachsen – so sieht es die Handlung von Gerhart Hauptmanns "Die Weber" vor. Bei Michael Thalheimers Inszenierung am Deutschen Theater gibt es statt einer nachvollziehbaren Entwicklung der Figuren vor allem eines: ein Schreien, Zetern und Brüllen bis zum bitteren Ende, das die Stimmbänder der Schauspieler ganz schön ramponiert hat.

Statt einer Entwicklung der Figuren und einer nuancierten Zeichnung der Charaktere erleben wir vor allem klischeehafte Abziehbilder von ausgebeuteten Arbeitern in breitem Schlesisch, die vom herablassend-jovialen Firmenchef Dreißiger (Ingo Hülsmann), der sehr aktuell auf die Zwänge des Marktes verweist, und seiner Marie Antoinette-haften Gattin (Isabel Schosnig) abgewiesen werden.

Die Uraufführung des Stücks "Die Weber" sorgte 1892 im selben Haus noch für großen Aufruhr: Der Polizeipräsident verbot das Stück nach der Premiere. Kaiser Wilhelm II. war so erzürnt, dass er seine Loge am Deutschen Theater kündigte. Noch Jahre später weigerte er sich, Gerhart Hauptmann den Schiller-Preis zu überreichen.

Heute lässt die Inszenierung die meisten Zuschauer unbeteiligt. Angela Merkel geht eher selten ins Theater und schon gar nicht in eine kaiserliche Loge. Sie pendelt stattdessen zwischen den Hartz IV-Verhandlungen über 5 € höhere Regelsätze und ein "warmes Mittagessen" für die Kinder, das Ursula von der Leyen so sehr am Herzen liegt, und dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos. Offensichtliche soziale Probleme gibt es genug. Wie könnte man sie auf der Theaterbühne thematisieren? Dazu braucht es mehr als diesen recht lieblos zerschrienen Abend.

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