Neue Perspektiven der Mobilität

Stau im örtlichen Spielzeugladen
Das Stauaufkommen hat sich in den letzten zehn Jahren vervierfacht.

Autofahren wird sich verändern. Automatisierte, vernetzte und elektrisch betriebene Fahrzeuge werden das Straßenbild der Zukunft prägen – so die Theorie. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg, doch er lohnt sich. Von Johannes Thiele

Die Zukunft der Mobilität betrifft alle. Jede Person ist auf ihre Weise durch Mobilität im täglichen Handeln beeinflusst. Vorab ist jedoch eine Unterscheidung wichtig: Was ist Mobilität und was grenzt Verkehr hiervon ab? Verkehr meint den tatsächlichen Ortswechsel von Personen und Gütern, währenddessen Mobilität den gesamten Möglichkeitsraum an Verkehrsträgern wie Auto, Bahn oder Bus einschließt. Berufspendelnde, die täglich im Auto im Stau stehen, sind daher nicht unbedingt mobil, obwohl sie täglich weite Wege zurück legen, denn automobiler Verkehr bedeutet gerade in den Ballungsgebieten Stillstand. Und dennoch ist das Auto auch in der Zukunft der Mobilität nicht wegzudenken. Fast 90 Prozent der Verkehrsleistung in Deutschland geht auf das Automobil zurück. Lösungen für aktuelle Probleme der Mobilität werden daher auch in Zukunft das Auto mit einbeziehen (müssen).

Herausforderungen der Mobilität

Im Jahr 2016 betrug die Gesamtstaulänge mehr als 1,3 Millionen Kilometer – eine Vervierfachung des Stauaufkommens in den letzten zehn Jahren. Luftverschmutzung und eine stagnierende Reduktion der Emissionen im Verkehrssektor sind die Folge dieser Entwicklung. Weitere Probleme ergeben sich durch neue Technologien. Die Digitalisierung, welche auch im Bereich Mobilität Einzug gehalten hat, birgt neue Gefahren. Moderne Autos zeichnen Sensordaten etwa bei der Benutzung von Lenk- und Bremsassistenzsystemen auf und können genauso gut selbst von außen gegen den Willen des Fahrenden durch Schadsoftware fremdgesteuert werden.

Diesem Phänomen kann nur durch gesetzgeberische Maßnahmen wie jüngst im Januar 2017 vom Bundestag beschlossen, gegengesteuert werden. Das Auto zeichnet nach diesem Gesetzesentwurf in Zukunft einzelne Automatisierungsschritte auf, sodass Rechtssicherheit für Fahrer und Hersteller bestehen wird. Darüber hinaus muss die Sicherheitssoftware im Auto stetig weiter entwickelt werden.

Das Bezahlen im Supermarkt mit EC-Karte ist heute absolut selbstverständlich, weil Banken und Softwareanbieter Sicherheitsmaßnahmen entwickelt haben. Diesen Effekt erhoffen sich die Hersteller von autonomen, also selbstfahrenden Fahrzeugen, ebenso. Denn obwohl VW, Daimler und Co. vor allem Autos verkaufen und Geld verdienen wollen, hat das autonome Fahren für Mensch und Umwelt darüber hinaus enorme Vorteile.

Was bringt uns Automatisierung in der Mobilität?

Die Vorteile automatisierter Fahrzeuge sind zuerst die Verbesserung des Verkehrsflusses und in der Folge das Senken der Unfallgefahr, da eine zuverlässige computergestützte Sensorentechnologie zuverlässiger das Verkehrsgeschehen überwachen kann als ein menschlicher Fahrender. Dieser wird immer häufiger durch das Handy abgelenkt und verursacht Unfälle. Eine Folge ist ein kontinuierlicher Anstieg der Verkehrstotenzahlen seit 2014 auf knapp 3.500 Personen.

Fahrerloses Fahrzeug
Fahrerlose Fahrzeuge sind bald Realität.

Automatisiertes Fahren kann auch bei einem weiteren Thema, das gerade in den letzten Jahren verstärkt zu beobachten ist, helfen: Ältere Autofahrende fühlen sich häufig in einem immer anspruchsvoller werdenden Verkehr überfordert und verursachen teils tragische Unfälle. Dieses Problem wird in einer alternden Gesellschaft – wie der deutschen – in Zukunft verstärkt auftreten. Automatisierte Assistenzsysteme im Auto unterstützen den Fahrenden in einer für ihn schwierigen Situation. Die steigenden Unfallzahlen belegen, dass Seniorinnen und Senioren bei PKW-Unfällen in 67 Prozent der Fälle die Hauptschuld tragen und über 75-Jährige in 75 Prozent an einem Unfall schuldig sind.

Und wo bleibt dabei die Elektromobilität? Was bringt uns automatisiertes Fahren, das Leben retten kann, wenn das Auto gleichzeitig Schadstoffe und krankheitserregende Emissionen ausstößt? Umweltverbände fordern bereits seit Jahren eine schrittweise Anhebung der Hürden für Verbrennungsmotoren und eine weitere Förderung der E-Mobilität.. Auch wenn Verbrennungsmotoren durch Abgaben und Steuern bereits belastet sind, erscheint diese Belastung im Hinblick auf ihr gesundheitsgefährdendes Potenzial für Mensch und Umwelt ausbaufähig.

Ein systemischer Ansatz muss her

Die Lösung für die Mobilität von morgen kann daher nur eine systemische Kopplung unterschiedlicher Technologien im Gesamtsystem Mobilität heißen.

Elektrisches Auto an Ladestation
E-Auto an einer Ladestation

Durch automatisiertes Fahren verbessert sich der Verkehrsfluss, dadurch sinkt der Energieverbauch eines jeden Autos. E-Autos werden auf diese Weise in Zukunft mit einer optimierten Batterie und einem gleichmäßig fließenden Verkehr mehrere hundert Kilometer weit fahren können. Entscheidend wird dann der Strom-Mix sein, aus dem das E-Auto seine Energie zieht. Erneuerbare Energien müssen daher weiter ausgebaut werden.

Gleichzeitig werden neue digitale Lösungen gesucht. Hochentwickelte Handy-Apps bieten praktische und sinnvolle Varianten zum öffentlichen Nah- und Fernverkehr, indem die Nutzung lokaler Carsharing-Angebote stark vereinfacht wird. Auch das ist eine Lösung um Staus, Unfälle und Parkplatzmangel zu überwinden.

Alles also heitere Welt?

So optimistisch diese Visionen auch aussehen mögen, die Realität ist eine andere. Schwere SUVs (Sport Utility Vehicle) gibt es immer mehr auf deutschen Straßen und nur wenige Kunden sehen in einem E-Auto eine wirkliche Alternative. Wer mag es Ihnen verübeln. Sie kosten das Vielfache und haben eine nicht einmal halb so große Fahrleistung – Disruption sieht anders aus!

Die Politik ist hier einmal mehr gefordert. Sie muss den Infrastrukturausbau für das Ladesystem beschleunigen, E-Autos weiter fördern und Verbrennungsmotoren steuerlich stärker belasten. Nur so können sich Technologien von morgen wie Vernetzung, Automatisierung und Elektromobilität durchsetzen. Gewerkschaften, Automobilverbände und Politik sind sich erstaunlich einig: Die Mobilitätswende muss kommen, lieber jetzt als später.

Denn die Gefahren für eine abgehängte deutsche Automobilwirtschaft sind gewaltig. Man mag es gut finden oder nicht: Weite Teile des Wohlstandes der Bundesrepublik hängen von einer funktionierenden Autoindustrie ab. Die Zeit für den Wandel zur Mobilität von morgen ist daher mehr als reif.


Bildrechte

Bild 1: Traffic jam 2009. Die Bildrechte liegen bei Wendell. Lizenz: Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivs 2.0 Generic (CC BY-NC-ND 2.0).
Bild 2: Selbstfahrendes Auto (Simulation) 2015. Die Bildrechte liegen bei Automobile Italia. Lizenz: Creative Commons Attribution 2.0 Generic (CC BY 2.0)
Bild 3: Electric car2go 2014. Die Bildrechte liegen bei Michael Coghlan (Electric car2go/Creative Commons). Lizenz: Creative Commons Attribution-ShareAlike 2.0 Generic (CC BY-SA 2.0).


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