Die Ananas – süß, billig und unheimlich giftig

Die Frucht des Anstoßes: Gegen die Ananas-Monokulturen regt sich Widerstand in Costa Rica, wie hier auf einer Demonstration in der Hauptstadt San José.

Hören wir das Wort Ananas, so denken wir an eine schmackhafte, süße Frucht, die in tropischen Regionen angebaut und wunderbar günstig in unseren deutschen Supermärkten angeboten wird. Doch was steht hinter diesen niedrigen Preisen? Ein Besuch vor Ort zeigt, wie diese Spottpreise zustande kommen. Ein Kommentar von Julia Gießler

Das kleine Land Costa Rica mit einer Gesamtfläche von 51.000 km² baut auf 450 km² Ananas als Monokultur an. Zahlen, die sich in erschreckenden Lebensrealitäten widerspiegeln. Aus diesem Grund regt sich Widerstand in der Bevölkerung, der jedoch von Regierung und Wirtschaft meist ignoriert, wenn nicht sogar niedergeschlagen wird.

2015 wurden laut Deutschem Bundesamt für Landwirtschaft und Entwicklung 78.353 Tonnen Ananas allein aus Costa Rica nach Deutschland eingeführt. Mit seinen 2,5 Millionen Tonnen, die jährlich geerntet werden, ist Costa Rica Weltmarktführer im Anbau von Frisch-Ananas. Viele Deutsche wissen nicht einmal, wo das kleine zentralamerikanische Land liegt – und die, die es wissen, werden meist von Costa Ricas grünem und nachhaltigen Image geblendet, das mit Ökotourismus wirbt und in Werbekampagnen immer wieder auf seine Biodiversität verweist.

Die allerwenigsten haben Kenntnisse über die Missstände, die der Anbau im großen Stil mit sich bringt. Oxfam Deutschland veröffentlichte 2016 eine Studie mit dem Titel „Süße Früchte, bittere Wahrheit“, in der auf die Mitverantwortung großer deutscher Supermarktketten eingegangen wurde, die diese Dumpingpreise unterstützen – ungeachtet der Folgen, die dies für Mensch und Natur vor Ort in Costa Rica hat.

Folgen für Mensch, Tier und Umwelt

In Deutschland lassen sich die tropischen Früchte in Supermärkten schon zu einem Niedrigpreis von 1,50 € pro Frucht finden, obwohl sie fast 10.000 km zurückgelegt haben von der Plantage bis in deutsche Supermärkte. Im Vergleich dazu kosten heimische Äpfel 1,99 € pro 2 Kilo. Wodurch ist dieser Preis möglich?

Er lässt sich nur erzielen durch massives Lohndumping der Arbeiter auf den Ananasfeldern – vorwiegend sind es Männer, die zu Erntezeiten bis zu 12 Stunden auf den Feldern in sengender Hitze arbeiten müssen. Diese schweißtreibende Aktivität dürfen sie nur für eine 30-minütige Mittagspause unterbrechen. Ein ehemaliger Mitarbeiter der Ananasplantage der Firma Pindeco im indigenen Gebiet Salitre, das im Süden Costa Ricas gelegen ist, berichtet gemeinsam mit zwei Kollegen, zuerst zögerlich, im Verlauf des Gesprächs jedoch immer offener über die unmöglichen Arbeitsbedingungen: „Länger als fünf bis zehn Jahre kannst du den Job auf der Plantage nicht machen, da es körperlich so anstrengend ist. Wir alle haben schwere körperliche Schäden von den Jahren auf der Plantage davongetragen, die zum einen von den schweren Körben auf dem Rücken und der gebückten Haltung beim Ernten und Pflanzen stammen. Zum anderen spielen auch Hautkrankheiten, Allergien und Verätzungen eine große Rolle, die aufgrund des Einsatzes von giftigen Chemikalien und Düngemitteln entstanden sind.“

Costa Rica ist das Land mit dem höchsten Pestizideinsatz auf den Hektar gerechnet. 52 Tonnen werden jährlich auf einem Hektar Land verteilt. Da überrascht es nicht, dass es in den Regionen um die Ananas-Monokulturen zu erheblichen gesundheitlichen Schäden kommt, da vor allem Boden und Grundwasser verseucht sind. Die Menschen können das Wasser aus der Leitung nicht mehr ohne Bedenken genießen.

Seit mehreren Jahren werden die betroffenen Regionen im Süden, Norden und der Karibik des Landes mit Trinkwasser beliefert, das aber eben gerade mal zum Trinken ausreicht. Die Menschen müssen sich und ihre Kleidung weiterhin mit dem verseuchten Wasser aus der Leitung waschen. Erst im Mai 2017 wurde vom Landwirtschaftsministerium ein Dekret erlassen, um den Einsatz des hochgiftigen Pestizids Bromacil zu unterbinden, welches in Europa schon lange auf der schwarzen Liste steht.

Aus dem Logo des US-amerikanischen Fruchtkonzerns „Del Monte“ wird hier „De Muerte“ („des Todes“).

Demonstration gegen die Expansion des Ananasanbaus

Der Protest gegen die Erweiterung des Ananasanbaus in Costa Rica ist kein neuer, aber vielleicht umso dringender, da sich die Anbaufläche allein in den Jahren zwischen 2007 und 2017 verdreifacht hat. Am 10. Mai 2017 fand in San José, der Hauptstadt Costa Ricas, anlässlich des Tages der Landwirtschaft eine Demonstration gegen die Expansion der Ananas-Monokultur statt. Über 500 Menschen aus ganz Costa Rica fanden sich vor dem Sitz der Regierung ein, um ihren Unmut über die Erweiterungspläne des Großkonzerns Pindeco kundzutun.

Bei dem bedrohten Gebiet handelt es sich um Sierpe-Terraba, ein Feuchtgebiet im Süden des Landes, welches über eine immense Artenvielfalt in Flora und Fauna verfügt. Noch zumindest – dies könnte sich sehr schnell ändern, wenn Pindeco seine Expansionspläne in die Realität umsetzt, denn dann wird aus der einst so grünen Oase eine verseuchte Einöde aus stacheligen, kniehohen Pflanzen, die sich kilometerweit durch die Landschaft fressen und dabei alles töten, was ihnen zu nahe kommt. Mit dem Absterben der Vegetation bleiben auch Tiere fern, verhungern oder müssen sich einen neuen Lebensraum suchen.

Ein Landwirt der Finca 9, einer kleinen Gemeinde, die direkt an das betroffene Gebiet angrenzt, erklärt mit Tränen in den Augen, warum er um 3 Uhr nachts aufgestanden ist und die Strecke von 5 Fahrstunden auf sich genommen hat, damit er um 9 Uhr an der Demonstration im Herzen San Josés teilnehmen kann: „Wir möchten unser Land zurück, ein Land, das wir im Einklang mit der Natur bestellen möchten. Und deshalb ist mein Anliegen an die Regierung, dass sie auch uns Bauern als Menschen ansehen. Denn nicht nur die Millionäre sind Menschen, die über Rechte verfügen, wir als einfache Menschen zählen auch.“

Doch was geht uns das an?

Vielleicht fragt sich jetzt der oder die ein oder andere, wieso uns das denn in Deutschland eigentlich interessieren sollte, was dort in diesem kleinen zentralamerikanischen Land, so weit weg von uns und unserer eigenen Realität passiert? Und wie sollten wir all diese Missstände eigentlich ändern können?

Deutschland ist das zweitgrößte Abnehmerland für die süße Frucht aus Costa Rica, direkt nach den USA. Genau deshalb stehen wir in der Verantwortung, wir als Verbraucher, die gern alles günstig einkaufen.

Ebenso verantwortlich sind auch unsere großen Supermärkte und Discountketten, die dafür sorgen, dass die Preise so niedrig bleiben, wenn nicht sogar weitersinken, sodass Löhne, Arbeitsbedingungen und der Schutz der Umwelt in den Produktionsländern in den Keller gehen. Unsere Supermarktketten und unser Konsumverhalten sind für die Missstände verantwortlich, die uns in einer global vernetzten Welt früher oder später noch gewaltig auf die Füße fallen werden.

Wir können mehr tun, als uns vielleicht bewusst ist. Der erste Schritt wäre ein verantwortungsbewusster Konsum. Gemeint ist damit, zu hinterfragen, was man da eigentlich zu einem so wahnsinnig günstigen Preis in seinen Einkaufswagen legt, und ob das für einen selbst, die Umwelt und andere Menschen wirklich so gesund sein kann.

Also weg von „gut und günstig“, da der Schein meist trügt und es oft eher „gefährlich und günstig“ heißen müsste, wenn man die Herstellung unter den Aspekten der Nachhaltigkeit, der Arbeitsbedingungen der Menschen und der irreversiblen Schäden für die Natur betrachtet.

Eine Hauptforderung der Demonstranten: „Stoppt die Ausweitung des Ananasanbaus.“

Also wäre ein erster Schritt getan, wenn man die so lecker aussehende Frucht im Supermarkt liegen lässt. Wer einmal eine Ananas in einem Land probiert hat, in dem sie angebaut wird, wird sich ohnehin über den faden Geschmack der nach Deutschland importierten Frucht ärgern. Wer jedoch trotzdem nicht ganz auf die süße Frucht verzichten möchte, hat die Möglichkeit, sie in Bioläden zu erwerben, welche ökologisch nachhaltigen Anbau unterstützen und auch die ersten Versuche unternehmen, die Ananas zu besseren Arbeitsbedingungen zu produzieren und zu faireren Preisen zu vertreiben. Für kleine Unternehmen bleibt es jedoch schwer, auf dem internationalen Markt Fuß zu fassen und für viele sind die Ökostandards zu preisintensiv, als dass sie es sich leisten könnten, so im großen Stil zu produzieren.

Damit einhergehend muss es zu einer flächendeckenden Aufklärung kommen, in den Schulen, zu Hause. Dies geht weit über die Ananas hinaus und betrifft den allgemeinen Konsum importierter Lebensmittel, die so günstig angeboten werden, das damit einfach irgendetwas nicht stimmen kann.

So majestätisch wie die Ananas auch mit ihrer Krone und ihrer so verlockenden äußeren Erscheinung daherkommt, so giftig und gefährlich ist doch ihr innerer Kern. Auf lange Sicht zählen doch die inneren Werte mehr als der schöne Schein.

 


Die Bildrechte liegen bei der Autorin.


 

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