Der Christliche Realismus Reinhold Niebuhrs

Cover Reinhold NiebuhrEin neues Buch über den amerikanischen Theologen und Politikberater Reinhold Niebuhr zeigt auf, dass sein Christlicher Realismus noch von Relevanz für die Analyse gegenwärtiger politischer Problemlagen ist.
Von Ingo Neumann

Nicht nur die Tatsache, dass sich sowohl Barack Obama als auch Hillary Clinton in ihren politischen Ansichten auf Reinhold Niebuhr berufen, stilisiert die Auseinandersetzung mit seinem Werk zu einem reizvollen Unterfangen. Auch dass er sich im Widerstand gegen das Dritte Reich erheblich engagierte, ist ein spannendes Sujet, dem sich der Autor des Bandes, Dr. Christoph Rohde, ausführlich widmet. Politikwissenschaftler Rohde, der bereits den politischen Realismus Hans J. Morgenthaus intensiv untersucht hat, versucht einerseits, eine breite Übersicht über Niebuhrs Gesamtwerk zu liefern; andererseits hebt er unter Berücksichtigung bisher unbekannter Dokumente die intensive kulturelle, politische und religiöse Beziehung Niebuhrs zu Deutschland hervor.

Die schwierige Akkulturation in den USA

Das zweite Kapitel des Buches zeigt, basierend auf einer grundlegenden, aber viel zu wenig bekannten Vorarbeit des Freiburger Theologen Dieter Splinter, die schwierige Anpassung des in der Deutschen Evangelischen Synode Nordamerikas sozialisierten Niebuhrs. Dessen Absetzungsversuche aus dem deutschen Umfeld mündeten in einem pro-amerikanischen unkritischen Hurra-Patriotismus, dem der 1892 geborene Mann im Ersten Weltkrieg im Krieg gegen das Wilhelminische Deutschland anheim fiel. Sichtbar wird ebenfalls, dass Niebuhr schnell erkannte, dass dieser Krieg nicht aus einer Konstellation der Guten gegen die Bösen bestand – die Struktur des internationalen Systems ließ einen Großkonflikt unvermeidlich werden. Wie bei anderen Vertretern des politischen Realismus entstand Niebuhrs realistische Weltsicht  durch die Wahrnehmung des Scheiterns des Völkerbundes und das Scheitern der jungen Demokratien in der Zwischenkriegszeit. Durch Reisen nach Deutschland kam Niebuhr mit dortigen kirchlichen und sozialistischen Kreisen in Kontakt; hieraus sollte sich seine intensive Arbeit für den Widerstand deutscher Exilanten in den USA ergeben.

Der Einfluss der deutschen Theologie und Philosophie

Obwohl Rohde keine theologische Arbeit vorgelegt hat, so sind seine Anmerkungen zu denjenigen Denkern, die Niebuhrs Entwicklung in theologischer und säkularer Hinsicht beeinflussten, hinreichend  interessant. Der Autor stellt heraus, dass der Christliche Realismus stark von Augustinus‘ Bild vom Menschen, von Kierkegaards und Emils Brunners Anthropologie sowie Friedrich Nietzsches, später von Derrida perfektionierter dekonstruktivistischer Diagnosemethodik beeinflusst wurde. Hier wäre es wünschenswert gewesen, wenn der Einfluss des Theologen Ernst Troeltsch und seiner Geschichtsphilosophie nicht nur erwähnt, sondern sorgfältig ausgearbeitet  hätte werden können. Denn der Augsburger Theologe beeinflusste Niebuhrs Interpretation der deutschen Theologie stärker als bisher dargestellt wurde.  Dessen anthropologische Pessimismus  seines biblischen Weltbildes wird von Niebuhr in seinem Spätwerk mit einem optimistischen Liberalismus verbunden und führt ihn auf diese Weise durchaus zu einem Glauben an eine Veränderbarkeit der sozialen Umwelt.

Christoph Rohde
Der Autor Christoph Rohde

Als Funktionär und Fundraiser im Widerstand

In den Kapiteln vier und fünf arbeitet Rohde heraus, auf welche Weise Niebuhrs Interesse am Land seiner Ahnen zu seinem Einsatz im Widerstand gegen den Nationalsozialismus führte. Durch Kontakte zu Dietrich Bonhoeffer und Otto Dibelius wurde der Theologe über die Situation in Deutschland informiert. Er erkannte, dass selbst die Bekennende Kirche nicht in der Lage war, institutionellen Widerstand gegen das Dritte Reich zu leisten, sondern das der Widerstand lediglich das Werk von Individuen war. Im politischen Bereich förderte Niebuhr insbesondere den österreichischen Sozialisten Karl Frank alias Paul Hagen, der die American Friends for a Democratic Germany ideologisch führte sowie den vom theologischen Kollegen Paul Tillich geleiteten Council for A Democratic Germany. Die Arbeit dieser Gruppen stand jedoch im Schatten des Offices of Strategic Services. Aus Rohdes Sicht erarbeitete sich Niebuhr  durch seine Arbeit im Widerstand das Rüstzeug, das ihn zu einem der einflussreichsten außenpolitischen Publizisten des Kalten Krieges in den USA machte.

Außenpolitische Begründungen

Die zentrale außenpolitische Leistung Niebuhr bestand in der Antizipation des Kalten Krieges. Und diese Vorstellung erlangte er als Mitglied der U.S. Education Mission to Germany unter George F. Zook, so der Verfasser. Er erklärte der liberalen, historisch-optimistischen amerikanischen Öffentlichkeit die Mechanismen des internationalen Systems, das auf den Prinzipien des Mächtegleichgewichts beruhe. Niebuhr glaubte an die institutionelle Fortentwicklung des internationalen Systems, sollten sich die Staaten eines destruktiven Nationalismus entledigen können.

Niebuhr - The world tomorrow
Ausgabe der Zeitschrift „The World Tomorrow“, die von  Niebuhr mit herausgegeben wurde

Prophetischer Realismus

In weiteren Kapiteln wird gezeigt, dass Niebuhr die Voraussetzungen für eine stabile Demokratie in sozioökonomisch fairen korporatischen Mechanismen sah; eine rein auf deliberative Prinzipien gebaute Demokratie erachtete er als utopisch und ideologieanfällig und stieß mit seiner Kritik an den eher behavioristisch orientierten amerikanischen Ostküstenuniversitäten auf Widerspruch. Deshalb forderte er, dass die Regierenden stets von einem prophetischen Geist in der Öffentlichkeit herausgefordert werden müssen. Diesen prophetischen Geist leitet Niebuhr aus den alttestamentlichen Propheten Amos und Jesaja und aus calvistischen Denkansätzen ab. Für das Verhältnis von Demokratie und Religion ist sein Ansatz  auch in der Gegenwart weiter hoch aktuell, zeigt Rohde.

Wichtiges deutschsprachiges Update zu Niebuhr

Rohdes Buch ist umfassend strukturiert, was in einigen Passagen auf Kosten der analytischen Tiefe geht. Dennoch zeigt er in überzeugender Weise, warum der Christliche Realismus gerade in den Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung von hohem Nutzen ist. Das Buch nicht nur für Historiker und Theologen, sondern auch für Vertreter der Disziplin der internationalen Beziehungen von Interesse. Es stellt in der Reihe von deutschsprachigen Neuinterpretationen klassisch-realistischer Denker von John Herz und Hans Morgenthau einen wichtigen neuen Mosaikstein dar.

Christoph Rohde: Die Geburt des Christlichen Realismus aus dem Geist des Widerstandes. Duncker & Humblot. Berlin 2016. 354 Seiten. 89,90 Euro.


Bildrechte
Bild 1: © Duncker & Humblot
Bild 2 + 3: © Christoph Rohde


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