Wir und die Anderen – Zur Renaissance von Stereotypen

Abdul Hamid II, The Red Sultan
Der „blutige Sultan“ Abdülhamid II., Karikatur zu Progromen an den Armeniern im Osmanischen Reich 1894-1896

Ein Kommentar zur Diskussion um die Identität der „Deutschen“ von Anne Klinnert

Seit Beginn der Pegida-Demonstrationen vor einem Jahr in Dresden ist die in Deutschland in Verbindung mit der Friedlichen Revolution von 1989/90 bekannte Parole „Wir sind das Volk!“ wieder zu hören. Wurde damit vor dem Fall der Mauer gegen die politischen Verhältnisse in der DDR protestiert, geht es Pegida und AfD darum, ihren Unmut gegen die Aufnahme und Unterbringung von Asylsuchenden in Deutschland zum Ausdruck zu bringen. Die Demonstranten in der DDR benutzten den Begriff des Volkes also um Einheit nach innen zu verdeutlichen, Pegida und AfD hingegen um sich nach außen abzugrenzen. Der Definition nach ist ein Volk eine historisch entstandene durch gemeinsame Kultur, Geschichte und Sprache verbundene große Gemeinschaft von Menschen, auch Ethnie, oder die Masse der Angehörigen einer Gesellschaft, der Bevölkerung eines Landes oder Staatsgebiets, also Staatsvolk. In dieser Bedeutung kann Volk zum Teil gleichbedeutend sein mit der Nation.

Die Frage, wer dazu gehört und wer ausgeschlossen ist, wurde im Laufe der Geschichte unterschiedlich beantwortet. Wer Teil des „deutschen Volkes“ ist, beantwortet das Grundgesetz in Art. 116, Abs. 1 wie folgt: Deutscher im Sinne des Grundgesetzes ist, wer die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt oder als Flüchtling oder Vertriebener deutscher Volkszugehörigkeit oder als dessen Ehegatte oder Abkömmling Aufnahme gefunden hat. Ethnische Herkunft und Glauben der (zukünftigen) Staatsbürger sind somit unerheblich. Die Hetzer von Pegida und AfD sehen das anders. Sie bedienen sich in der Flüchtlingskrise jahrhundertealter Stereotype und Feindbilder, wenn sie vor „der Islamisierung unseres öffentlichen Raumes“ (Lutz Bachmann) warnen, wenn sie behaupten: „Multikulti hat die Aufgabe, die Völker zu homogenisieren und damit religiös und kulturell auszulöschen.“ (Beatrix von Storch) und wenn sie fordern, an der deutschen Grenze „notfalls auch von der Schusswaffe Gebrauch [zu] machen“ (Frauke Petry).

Die Abgrenzung des christlichen Europa von Türken oder Muslimen, die bis ins 19. Jahrhundert weitgehend gleichgesetzt wurden, hat eine lange Tradition. Sie fußt einerseits auf der Erfahrung kriegerischer Auseinandersetzungen, u.a. mit den Mauren auf der iberischen Halbinsel oder dem Osmanischen Reich im Südosten, andererseits auf religiösen und kulturellen Unterschieden. Der Islam galt als Gefahr und der Feind schlechthin. Karikaturen vom grausamen, fanatischen, säbelschwingenden Orientalen gaben dieser diffusen Angst ein Bild. Beispiele sind Darstellungen des „blutigen Sultan“ Abdülhamid II., der das Osmanische Reich von 1876 bis 1909 regierte. Diese Präsenz des Islam im europäischen kollektiven Gedächtnis wiederhole sich regelmäßig und sei nahezu zwanghaft.[1] So war es nach den Anschlägen vom 11. September 2001 und so ist es heute bei der Frage der Flüchtenden wieder. Von männlichen Muslimen, die als Asylsuchende nach Deutschland kommen, wird in dieser Tradition gern behauptet, sie seien IS-Kämpfer oder islamistische Schläfer.

Die sogenannte Völkertafel - 1725 in der Steiermark entstandenes Gemälde.
Die „Völkertafel“ – auch „Kurze Beschreibung der in Europa befintlichen Völckern und Ihren Aigenschaften“ – Um 1725 Steiermark.

Da Feindbilder für die Entstehung und Legitimierung von Nationen eine maßgebliche Rolle spielen, distanzierten sich Deutsche und andere Europäer nicht nur vom fremden Osmanen, sondern auch von ihren Nachbarn. Vereinfachte Selbst- und Fremdbilder mit emotional wertender Tendenz wurden ab dem 18. Jahrhunderts immer häufiger in Druckgraphiken und Gemälden dargestellt. Ein Beispiel für solche Stereotypen dieser Zeit ist die „Völkertafel“ aus der Steiermark. Das Ölgemälde eines unbekannten Malers zeigt eine bebilderte Tabelle, die die verschiedenen europäischen Völker und ihre Eigenschaften aufführt. Aufgrund seines steierischen Ursprungs ist es nicht verwunderlich, dass die Deutschen mit übertrieben positiven Eigenschaften beschrieben werden (u.a. offenherzig, gewitzt, sehr fromm, unüberwindliche Kriegstugenden), andere Völker hingegen negativ. Unsere französischen Nachbarn seien leichtsinnig, betrügerisch und arglistig, die Polen bäuerisch, wild und verfressen. Je weiter östlich, desto negativer die Einschätzung. So werden Ungarn als verräterisch, Russen als noch verräterischer und Türken bzw. Griechen am verräterischsten charakterisiert. In Kriegs- und Krisenzeiten, wie etwa im Siebenjährigen oder Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, hatten solche Darstellungen Hochkonjunktur und wurden für Propagandazwecke genutzt. Heute sind es keine Gemälde, sondern Behauptungen in den sozialen Medien, die diesen Zweck erfüllen.

Feindbilder und Stereotype reduzieren Komplexität auf bloße Gegensätze, neigen zu Übertreibung und Dramatisierung. In dieser unübersichtlichen Zeit mag gerade das für viele ihren Reiz ausmachen. Die Einfachheit macht es aber auch leichter, deren Wahrheitsgehalt zu überprüfen bzw. deren Unsinnigkeit offenzulegen. Wenn ein Björn Höcke von der AfD Thüringen den Flüchtlingsstrom nach Deutschland als „Invasion“ bezeichnet, ist das schon der Definition nach, aber auch mit Blick auf die Größenordnungen einfach unsinnig und hetzerisch. Derzeit sind etwa fünf Prozent der deutschen Bevölkerung Muslime, d.h. 4 bis 4,5 Millionen Menschen, so das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Auch nach Aufnahme der Flüchtenden kann weder von einer Überfremdung noch von einer drohenden Dominanz von Muslimen in der Gesellschaft gesprochen werden. Stereotype waren, sind und bleiben Ausdruck erstarrten Denkens und die „patriotischen Europäer“ sind nicht das Volk.

[1]     Flacke, Monika (2011): Nation. In: Fleckner, Uwe / Warnke, Martin / Ziegler, Hendrik (Hrsg.): Handbuch der politischen Ikonographie. Beck, München, S. 170.

Der Beitrag zur Rubrik „Politik im Bilde“ erschien zuerst in WeltTrends Nr. 114 “Schachbrett Syrien”.


Bildrechte
Bild 1: The Red Sultan aus „Le Rire“ Nr. 134 1897 Paris. Public Domian. Weitere Informationen zum Bild: The Armenian Genocide Museum-Institute.
Bild 2: Gemälde zur Völkerkunde – 1725 Steiermark. Public Domain.


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