Warum Kissinger heute noch die US-Außenpolitik beeinflusst

Buchcover Biographie Kissinger von Greg Grandin
Buchcover „Kissingers langer Schatten“ von Greg Grandin

In seinem neuem Buch zeigt der Historiker Greg Grandin wie der ehemalige Außenminister der USA, Henry Kissinger, die US-Außenpolitik bis in die Gegenwart maßgeblich prägt. Er schießt jedoch über sein Ziel hinaus. Von Christoph Rohde

Mit seinem Buch „Kissingers langer Schatten – Amerikas umstrittenster Staatsmann und sein Erbe“ hat der New Yorker Historiker Greg Grandin den zahlreichen Publikationen zum umstrittenen Staatsmann eine provokante Schrift hinzugefügt. Das Buch versucht Kissinger metaphysisches Denken in Beziehung zu seinen praktischen politischen Handlungen zu setzen. Der Autor schließt, dass Kissingers Denken dem militaristischen Interventionismus der USA bis in die Gegenwart Rechtfertigungen verschafft.

Kein „Realist“, sondern „Spenglerist“

In einem besonders originellen Kapitel am Anfang des Buches stellt Grandin die geistigen Grundlagen dar, die Kissingers Weltbild von Beginn an bis in die Gegenwart beeinfluss(t)en. Er verweist darauf, dass im Holocaust 12 Familienmitglieder des Stardiplomaten ermordet wurden, ohne einen direkten Einfluss dieser Erfahrung auf sein Weltbild zu behaupten. Das pessimistisches Weltbild Kissingers, das dazu führte, dass er häufig der Denkschule des Politischen Realismus zugeordnet wird, stammt laut Gardin eher aus seinem Studium der Geschichte. Oswald Spenglers Metaphysik prägte Kissingers Denken nachhaltig. Das Faszinierende war für diesen die Vorstellung des Philosophen, dass die Geschichte eine Ebene beinhalte, die jenseits rationaler, darstellbarer Kausalitäten liege und von Individuen geprägt werden könne. Aus Spenglers „Der Untergang des Abendlandes“ habe Kissinger nicht die Lehre gezogen, dass die Abschaffung des Krieges und die Umlenkung der Ressourcen eben jenen Untergang vermeiden könne. Sondern er befürwortete Kriege, wenn sie seiner Ansicht nach zielgerichtet geführt würden, da Kriege den Verlust von Weisheit verhinderten, die in der letzten Phase einer satten Zivilisation unvermeidlich aufträte.

Der Chefkonstrukteur des außenpolitischen Verständnisses der USA

Kissinger war viel mehr als nur der politischer Praktiker, so lautet die Leitthese des New Yorker Historikers. Grandin spricht von Kissingers „herausragend(r) Rolle bei der Schaffung der Welt, in der wir heute leben. Diese Welt sieht endlosen Krieg als selbstverständlich an“ (S. 22). Für den Sicherheitsberater und späteren Außenminister, dessen Einschätzungen bis in die Gegenwart der US-Außenpolitik Gewicht haben, war die Strategie geradezu ein spenglerianischer Mythos, dem die Wahl der Mittel unterzuordnen war. Das heißt, jede „Schweinerei“ war erlaubt, wenn ein strategisches Ziel erst einmal definiert war. Die Auswahl der Strategie lag im Ermessen des Staatsmannes und wurde von Kissinger, wenn möglich, ebenfalls demokratischer Kontrolle entzogen. Wie willkürlich diese „Strategien“ entstanden, glaubt Grandin in diesem Buch aufzeigen zu können.

Gewaltexzesse um der „Glaubwürdigkeit“ willen

Das Thema der „Glaubwürdigkeit“ amerikanischer Macht spielt bis in die Gegenwart eine zentrale Rolle in der US-Außenpolitik. Man denke an die Politik der „roten Linien“ Barack Obamas gegenüber dem syrischen Präsidenten Assad , die von ihm dann nicht durchgehalten wurde. Das Thema Glaubwürdigkeit führte zum fatalen US-Einsatz in Vietnam und wurde von Kissinger mit seinen strategisch motivierten Bombardements auf unschuldige Akteure noch unnötig verlängert, wie der Autor verdeutlicht. Den großen Sündenfall stellte die Invasion ins neutrale Kambodscha und die damit in Zusammenhang stehenden Weihnachtsbombardements auf selbiges Land Ende 1970 dar, die Kissinger maßgeblich mitverantwortete. Aber auch der Sturz des demokratisch gewählten sozialistischen Präsidenten Chiles, Salvador Allende und die Stützung des menschenrechtsfeindlichen Diktators Augusto Pinochets , der Tausende Mitglieder der Opposition ermorden ließ, zeigt die Schattenseiten der von Kissinger mit getragenen Kalten Kriegs-Politik der USA auf. Grandin schiebt die Taten dieser politischen Schattenwelt jedoch einseitig Kissinger in die Schuhe, ohne die bürokratischen und politischen Kontexte zu berücksichtigen, in denen solche Entscheidungen gefällt werden – diese Tatsache macht das Buch zu einer einseitigen Anklageschrift.

Porträt Greg Gardin 2015
Porträt Greg Gardin 2015

Dennoch: Kissinger ist „hipp“

Grandin zeigt, dass es erstaunliche Versuche in der außenpolitischen Elite der USA gibt, um Henry Kissinger als „Liberalen“ und „Moralisten“ darzustellen. Paradoxerweise nannte die US-Präsidentschaftskandidatin, Hillary Clinton, die Anfang der siebziger Jahre in Yale gegen Kissingers Kambodscha-Politik auf die Barrikaden gegangen war, den „berühmten Realisten“ Kissinger erstaunlich „idealistisch“ (S. 249). Jeder, der in der außenpolitischen Elite der USA etwas gilt, wird gern mit Kissinger abgelichtet. Der inzwischen 91-Jährige, der unlängst eine bewegende Trauerrede zum Tode Helmut Schmidts gehalten hat , ist als Persönlichkeit weit differenzierter zu betrachten als es Grandin tut. Der Versuch, eine klare Konsonanz von Kissingers Überzeugungen und seinem Handeln herzustellen, führt zu einer unredlichen Vereinfachung politischen Entscheidungshandelns.

Mehr Abrechnung als Analyse

Die vom Autor vorgenommene lineare und scheinbare logische Konstruktion eines einheitlichen Weltbildes Kissingers, das er angeblich skrupellos in seiner Realpolitik umgesetzt hat, trägt den Makel der Einseitigkeit. Denn wie unter Anderem eine unlängst erschienene tausendseitige Arbeit Neill Fergusons mit dem Titel „Henry Kissinger – Der Idealist 1923 – 1968“, zeigt, die den ersten Teil einer zweiteiligen Biographie darstellt, ist das Denken und Wirken des gebürtigen Fürthers zu komplex, um in ein einfaches Raster gepresst zu werden. Grandin bewertet die Rolle der Person Kissingers maßlos über und vernachlässigt die Bedeutung der strategischen Kultur in den USA, die den Handlungsspielraum für jedes Individuum stark beschränkt (hat) – besonders unter den spezifischen Bedingungen des Kalten Krieges. Deshalb sollte dieses Buch mit Vorsicht gelesen werden. Es ist lediglich geeignet für Leser, die mit den Rahmenbedingungen des Kalten Krieges und den Handlungsspielräumen der beteiligten Akteure vertraut sind.

Biografische Angaben zu Kissinger
Henry Alfred Kissinger wurde am 27. Mai 1923 als Jude in Fürth geboren. Nach seiner Emigration in die USA machte er dort Karriere als Harvard-Professor, nationaler Sicherheitsberater und Außenminister unter Präsident Richard Nixon. Heute leitet er das Beratungsunternehmen Kissinger Associates.

Bibliografische Angaben
Greg Grandin: Kissingers langer Schatten. C.H.Beck Verlag. München 2016. 296 Seiten. 24,95 €. ISBN 978-3-406-68857-7.


Bildnachweis
Bild 1: Buchcover „Kissingers langer Schatten“ © C.H.Beck-Verlag
Bild 2: Porträt Greg Grandin 2015 © Courtesy of David Barreda.


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