Warum die Postmoderne angeblich tyrannische Strukturen aufweist

Guido Preparata - Die Ideologie der Tyrannei
Guido Preparata – Die Ideologie der Tyrannei

In seiner Kampfschrift zeigt Guido Giacomo Preparata auf, welch abstruse intellektuelle Grundlage die sogenannte „Postmoderne“ hat. Er legt dar, weshalb und auf welche Weise sie als gewaltbefürwortende, totalitäre Ideologie Einfluss auf die US-amerikanische Politik genommen hat. Von Christoph Rohde

Mit seinem Werk „Die Ideologie der Tyrannei“ entlarvt der italoamerikanische Philosoph Guido Giacomo Preparata die problematischen intellektuellen Grundlagen „der“ Postmoderne. Er zeigt, dass der große Doyen dieser Strömung, Michel Foucault, von bedenklichen Köpfen wie dem Kriegsromantiker Ernst Jünger und dem vom Autor des Buches so bezeichneten Pornographen George Bataille geprägt wurde. Die „Emanzipatorik“ der Postmoderne weise eher verlogenen Charakter auf.

Neuaufbruch der amerikanischen Linken

Wie Preparata zeigt, hat die amerikanische Linke Anleihen beim französischen Anti-Humanismus gemacht, um eine chaotische, auf antiken Vorbildern beruhende Formen der Systemopposition politisch und religiös zu begründen. Der besondere, aus Frankreich stammende Jargon und die eigentümliche Bildsprache, die die „Visionen“ transportierten, wurden zu einem hybriden ideologischen System entwickelt, „dass die kritischen und analytischen Fähigkeiten der unter ihren Einfluss geratenen Studierenden außer Gefecht gesetzt hat (S. 12).“ Mit dem Hinweis auf den Holocaust wurden alle „festen Narrative“ außer Kraft gesetzt, nur um einer neuen Form des Totalitarismus das Feld zu bestellen. Das Ende der Vernunft, der Wahrheit und des Szientismus wurde zelebriert, in den Lehrplänen setzte sich der diskursive Relativismus durch, so Preparata.

Der diffuse Wert der „Differenz“ produziert Herrschaft stabilisierende Spaltungen

Der Autor argumentiert, dass die normativen Grenzen des postmodernen Relativismus sich dort zeigen, wo das Ausleben der Differenz ein Feindbild zur Sinn generierenden Reibung erfordert. Das unkritische Glorifizieren des „postkolonialen Anderen“, die Forcierung des Dualismus von bösen „Weißen“ und guten „Schwarzen“, Hetero- versus Homosexuellen, Frauen gegen Männer führte die selbst ernannten Gebildeten in die Sackgasse einer eigenen Apartheid. Die neue Gegenkultur brachte jedoch zumeist so radikale Positionen hervor, dass die Kommunikation zwischen Akteuren abbrach und sich Konflikte verschärften. Aber eine konfliktfreie Welt war gar nicht im Sinne der „Postmodernen“, wie Preparata am Beispiel der Autoren zeigt, die diese Bewegung maßgeblich präg(t)en.
Romantisierung von Gewalt, Kriminellen und rituellen Opfern

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In drei ausführlichen Kapiteln zeigt der Autor, dass die Anhänger des Postmodernismus gewaltlegitimierende Gleichnisse aus der griechischen Mythologie benutzten, um „Rache“ am Christentum zu üben. Der ehemalige Priesteranwärter und spätere Pornograph und Anhänger des Marquis de Sade (Sadismus), George Bataille, stellte den christlichen Glauben durch die religiöse Verehrung der reinen Materie auf den Kopf. Werte wie Frieden, Mitgefühl oder Harmonie sollten durch Formen von Gewalttätigkeit in das Nichts überführt werden, das von ihm durch das selbst kreierte kopflose Monster l’acephale dargestellt wurde. Bataille wie auch Michel Foucault waren von gewalttätigen Opferriten primitiver Kulturen fasziniert und grenzten diese von den Gewalttätigkeiten moderner Gesellschaften ab – die extrem grausamen Opferrituale der Atzteken fanden bei Bataille besondere literatarische Nachahmung. Diese Romantisierung gewaltzentrierter einfacher Kulturen sollte dazu als diskursive Grundlage für den postmodernen „Multikulturalismus“ und sein totalitäres, unangreifbares Antidiskriminierungsparadigma dienen.

Foucaults „emanzipatorische Theorie“ als Rechtfertigung des Bestehenden

Die Postmoderne wurde, so der Autor, nicht nur in Europa, sondern auch in den USA wissenschaftlich und institutionell gefördert. Allerdings wird diese These nicht ausreichend belegt, wodurch ein gewisses Glaubwürdigkeitsdefizit entsteht. Spannend ist in seiner Darstellung, dass es die Postmoderne als linke oder rechte Spielart gibt. Die merkwürdigen Gedankenexperimente und Assoziationen der Postmoderne, die sich eigentlich als emanzipatorische Antwort auf den Nationalsozialismus verstanden hat, zeigen ihre Gefährlichkeit darin, dass sie durch die Herstellung unrealistischer gesellschaftlicher Dichotomien im Grunde die Existenz der Tyrannei rechtfertigt.

Die Kritiker der Bourgeoisie waren typische Salon-Kritiker, so Preparata, der besonders Michel Foucault, aufs Korn nimmt: „Postmodernismus ist eine Art Doppelzüngigkeit, die aus der Asche der sechziger Jahre hervorgegangen und maßgeblich durch die Wechselfälle dieser Epoche geprägt worden ist. Sein deutlichstes Merkmal ist, seit Foucault in den Vereinigten Staaten eingeführt worden ist, sein offensichtlich künstliches Gehabe und seine Verlogenheit“ (S. 186). Foucault sei ein aufs Podest gehobener intellektueller Söldner.

Die Lähmung einer gesunden Konfliktkultur durch diskursiven Totalitarismus

Preparata sieht mit Sorge, dass sich die Linke auf die problematische Doktrin der Atomisierung und Entzweiung eingelassen hat und durch eine Art Scheinsolidarität mit durch besondere Zuschreibungen an die Hand genommenen Minderheiten deren Anliegen eigentlich missbraucht habe. So wehren sich zahlreiche Schwarze dagegen, wenn politisch korrekte Gruppen das Wort „Neger“ aus der Gesellschaft verbannen wollen; auch Sinti und Roma empfinden den Begriff „Zigeuner“ häufig als Ehre und wehren sich gegen selbst ernannte Alliierte, die durch Sprachtabus gesellschaftliche Diskriminierungen gerade erst erzeugen, selber aber gar keine materiellen Opfer zugunsten dieser Gruppen zu bringen bereit sind.

Die Selbstwidersprüchlichkeit der Emanzipatorik wahre den Status Quo und diene damit den herrschenden Interessen. Die gesunde Konfliktkultur sei durch falsche Tabusetzungen und Opfermythen zerstört, kritische und moralische Fähigkeiten gelähmt worden. Die Verächtlichmachung alles „Bürgerlichen“ und „Hegemonialen“, jeder festen normativen Ordnung, kann gravierende gesellschaftliche Folgen zeitigen, das ist das Ergebnis dieser polemischen, aber hochspannenden Schrift. Sie erklärt, weshalb klassische Dichotomien wie links versus rechts oder konservativ versus fortschrittlich nur noch wenig Orientierungspotenzial enthalten. Dass emanzipatorische Bewegungen durchaus Erfolge gegen Situationen von Unterdrückung und Diskriminierung vorzuweisen haben, fällt bei Preparata unter den Tisch. Dem Philosophen geht es nicht um den Rückweg in eine romantisch-enge, nationale Bürgergesellschaft, sondern um die Offenlegung der Ambivalenz der Postmoderne, die ihm letztlich gelungen ist. Das Ausfiltern der Übertreibungen in der Kampfschrift obliegt schließlich dem reifen Rezipienten dieser Schrift.

Guido Giacomo Preparata: Die Ideologie der Tyrannei – Neognostische Mythologie in der amerikanischen Politik. Duncker & Humblot. Berlin 2015. 311 Seiten. 39.90 Euro. ISBN 978-3-428-14173-9

Der Verlag im Internet: http://www.duncker-humblot.de/


Bildrechte
1. Coverbild: copyright Duncker-Humblot

2. Pflasterstein: Pflasterstein mit Anstecker „Enteignet Springer“, 1969; Sammlung Kindheit und Jugend (Stiftung Stadtmuseum Berlin), Wallstraße, Berlin-Mitte; Photo von Andreas Praefcke; public domain.


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