Martin Luther als Mensch und Reformator

Cover Luther Biographie von Heinz Schilling
Cover Luther Biographie von Heinz Schilling

Pünktlich zum 500. Jubiläum des Wittenberger Thesenanschlages hat Heinz Schilling eine Neuauflage seiner klassischen Biographie des Reformators vorgelegt. Von Christoph Rohde

In umfassender Weise stellt Historiker Heinz Schilling von der Berliner Humboldt-Universität in seiner Luther-Biographie nicht nur den neuesten Forschungsstand zu dessen Leben dar, sondern bewertet auch seine religiöse und kulturelle Wirkung bis in die Gegenwart. Die Biographie reißt keine Gräben zwischen den Konfessionen auf, sondern zeigt im Gegenteil, dass Luther bereits bestehende Reformbemühungen auch in der katholischen Kirche aufgriff und mit Hilfe neuer Kommunikationsstrategien eine weltverändernde Differenzierung des Christentums auslöste.

Schuld als starke Antriebskraft des Mönches

Martin Luder war der Sohn eines aufstrebenden Bergbauunternehmers aus Mansfeld in Thüringen, was lau Schilling in zahlreichen Biographien übersehen wird, für das Verständnis seiner Persönlichkeitsentwicklung jedoch von Bedeutung ist. Trotz seiner exzeptionellen Erfahrungen hält Schilling nichts davon, die Motivationen und Entwicklungen des Reformators übertrieben psychoanalytisch zu interpretieren. Er beschreibt das intellektuelle Profil des Refomators als eher existenziell denn wissenschaftlich. Form und Inhalt seiner Theologie seien in hohem Maße von persönlichen Erfahrungen geprägt. Seine starke Religiosität war hingegen in dem sehr frömmigkeitsgeprägten Zeitalter nichts Außergewöhnliches. Seine robuste Entschiedenheit in der Durchsetzung seiner religiösen Ziele führte er auf seine Geburt und Herkunft zurück, glaubt der Autor (S. 73); damit kann Luther seine Prädestinationslehre mit seinem eigenen Werdegang rechtfertigen.

Gute Kontextbedingungen für die Reformation

In hervorragender Weise stellt Schilling die gesellschaftlichen, machtpolitischen, ökonomischen und kulturellen Bedingungen dar, die das weltpolitische Ereignis der Reformation ermöglichten. Die gesellschaftliche Differenzierung hatte bereits begonnen, die Produktion von Rohstoffen und die wachsende Bevölkerung schufen neue Wachstumsmärkte; vor allem aber der Buchdruck ermöglichte Luther die Reformation als weltgeschichtlich erste große Medienkampagne.

Zu diesen Faktoren gesellte sich die angespannte außenpolitische Gesamtlage, die es Kaiser Karl V. nicht ermöglicht hätte, gegen die zahlreichen reformatorischen Gruppen in den unterschiedlich regierten Fürstentümern und Reichstädten vorzugehen. Zu stark wurde seine Herrschaft durch die Franzosen im Westen und die Osmanen im Osten herausgefordert. Insgesamt ist die Reformationsgeschichte eng mit der europäischen Gesamtentwicklung verbunden. Dem Verfasser gelingt die Darstellung dieses Zusammenhangs in vorzüglicher Weise.

Gemälde von Luther und seiner Frau
Gemälde von Lucas Cranach der Ältere – Luther und seiner Frau Katharina von Bora

Luther treibt ungewollt Konfessionalisierung voran

Der Reformator produzierte eine Differenzierung des Christentums in Konfessionen und Sekten, die ganz und gar seinem Ziel widersprach, eine einheitliche Kirche, basierend auf der „Wahrheit des Evangeliums“ zu bauen. Aus diesem Zerfaserungsprozess entsprang letztlich ein internationales System rechtlich gleichgestellter Partikularstaaten, der durch die Konfessionskriege ausgelöst wurde. Der dreißigjährige Krieg war das Resultat fanatischer konfessioneller Auseinandersetzungen, die sich machtpolitisch ausformten. Das Ende dieses Konfliktes brachte mit dem Westfälischen Frieden von 1648 ein neuartiges System diplomatischer Interaktion zwischen säkularen Nationalstaaten hervor. Auch wenn die Wurzeln für diesen Weg in die Neuzeit bereits im Mittelalter zu lokalisieren sind, war es laut Schilling die Dynamik der Reformation, die diesen Prozess religiös und staatspolitisch legitimierte. Und: „ …Luther kehrte die eingerissene Verweltlichung der Religion um in eine prinzipielle Welthaftigkeit der Religion, eine Folge der ‚Bekehrung zur Welt‘ als einer der Grundzüge von Luthers Rechtfertigungslehre“ (S. 642.) Glaube musste folglich das Wirken in der Welt beinhalten. Vom Augsburger Religionsfrieden über den dreißigjährigen Krieg und den darauf folgenden Frieden von Münster und Osnabrück führte der Weg durch die Einrichtung neuartiger säkularer Institutionen zur Trennung von Politik und Religion, der die gesellschaftlichen Veränderungen in Richtung Moderne intensiv befördern sollte.

Mut zur Darstellung der Schattenseiten

Wie Schilling die Leistungen Luthers für die kirchliche Reformation, die Entwicklung der deutschen Sprache und der Vergesellschaftung der Religion darstellt, so vernachlässigt er auch die Schattenseiten im Charakter und Wirken des Reformators nicht. War er persönlich ein Gemeinschafts- und Familienmensch, so war er aufbrausend, dogmatisch und verurteilend, wenn es um religiöse oder politische Auseinandersetzungen ging. Seine Verdammung der Juden, die er zwar mehr eschatologisch als politisch-rassistisch begründete, war ein großer dunkler Fleck in Luthers Vita ebenso wie seine Verdammung der aufständischen Bauern. In den Bauernkriegen stellte sich Luther unkritisch auf die Seite der Fürsten und stachelte sie sogar zur Gewaltausübung an, wie Schilling anhand von Dokumenten nachweist.

Lutherzimmer
Das Lutherzimmer in der Veste Coburg

Bewertung der Rolle Luthers in der deutschen Geschichte

Die besondere Stärke des Buches liegt in der Bewertung der Lutherrezeption in Bezug auf die deutsche Geschichte. Denn zahlreiche Interpreten des deutschen „Sonderweges“, gerade auch in Bezug auf die Erklärungsansätze des Phänomens des Nationalsozialismus, versuchten eine Linie von Luther als angeblichem Begründer des deutschen Obrigkeitsstaates hin zur Entstehung des Dritten Reiches zu ziehen. Sie lassen, so Schilling, dabei außer Acht, dass Luther menschliche Herrschaft und jede Form politischen Handelns an das göttliche Recht und Maßstäbe irdischer Gerechtigkeit zu binden versuchte. Er war allerdings auch kein absichtsvoller Revolutionär, da er der Heilsgeschichte die Priorität über die konkrete Sozialgeschichte einräumte. Dass seine Reformation die Dynamik zur Entwicklung der europäischen Neuzeit mit auslöste, hält der Verfasser für einen strukturellen Effekt. Aber Luther für wesentliche Fehlentwicklungen im deutschen Denken verantwortlich zu machen, diesen Schluss hält Schilling mit Recht für absurd.

Ein umfassendes aktualisiertes Standardwerk

Die vierte Auflage der großen Luther-Biographie stellt eine wunderbare Grundlage für das kommende Jubiläumsjahr der Reformation dar. Denn jenseits aller Legenden und Lobpreisungen wird hier eine Person dargestellt, die welthistorische Bedeutung erlangte. Bei der Vielzahl der Neuerscheinungen zur Reformation und den sie prägenden Figuren wird diese Arbeit von zentraler Bedeutung sein. Auch aufgrund des guten Preises ist ihr eine breite Leserschaft sicher.

Heinz Schilling: Martin Luther – Rebell in einer Zeit des Umbruchs. Aktualisierte Sonderausgabe
2016. 728 S. Gebunden. ISBN 978-3-406-69687-9. 19,95 Euro.

Der Verlag im Internet: C.H.Beck


Die Bildrechte liegen beim Autor (Bilder) und dem Verlag (Cover-Abbildung).


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