Martin Kobler – UN-Sondergesandter für Libyen

Martin Kobler
Martin Kobler – Kinshasa 2013

Der 62-jährige Spitzendiplomat Martin Kobler arbeitet seit über 30. Jahren im Auswärtigen Dienst. Auf internationaler Ebene erreichte er (umstrittene) Erfolge in den UN-Missionen für Ostkongo und als Sondergesandter für Libyen. von Angela Unkrüer

Am 6. Juni 2016 saß Martin Kobler an dem berühmten hufeisenförmigen Tisch im Sitzungssaal des UN-Sicherheitsrats, vor sich das monumentale Wandgemälde von Per Krohg. Der Sondergesandte des Generalsekretärs für Libyen und Leiter der dortigen UN-Unterstützungsmission war nach New York gekommen, um das höchste Gremium der Vereinten Nationen über die Lage in dem nordafrikanischen Land zu informieren.

Diese stellte sich im Frühsommer 2016 nicht wesentlich anders dar als bei Koblers Amtsantritt im vergangenen Oktober: Denn seitdem der langjährige Machthaber Muammar al-Gaddafi 2011 von einem Volksaufstand mitsamt anschließender internationaler Militärintervention hinweggefegt wurde, versinkt Libyen in Chaos und Anarchie. Monatelang rang eine von Islamisten dominierte Schattenregierung in der Hauptstadt Tripolis mit dem gewählten Parlament im ostlibyschen Tobruk um die Macht; hinzu kommen die Begehrlichkeiten diverser Milizen und Stammesführer. Als ob diese Gemengelage nicht schon kompliziert genug wäre, hat der libysche IS-Ableger das Machtvakuum im Land ausgenutzt und einen Küstenstreifen am Golf von Syrte unter seine Kontrolle gebracht, während an den Mittelmeerstränden nach wie vor zahllose Flüchtlinge auf die gefährliche Überfahrt nach Europa warten.

Trotz dieser eher unerfreulichen Aussichten konnte Martin Kobler nach knapp zwei Monaten im Amt bereits einen wichtigen Erfolg für sich verbuchen: Unter seiner Vermittlung einigten sich die rivalisierenden Fraktionen am 17. Dezember 2015 auf eine Einheitsregierung mit Fayiz as-Sarradsch als Premierminister – ein Ergebnis, das einiges über die Arbeitsweise des 62-jährigen Spitzendiplomaten aussagt. Der gebürtige Stuttgarter begleitete die langwierigen und streckenweise dramatischen Verhandlungen im marokkanischen Badeort Shirat von Beginn an mit einer Mischung aus „Druck und strategischer Geduld“, wie er kürzlich in einem Interview schilderte. Und so ist es auch Koblers persönlichem Einsatz zu verdanken, dass die Verhandlungen nicht in letzter Minute am Widerstand eines renitenten Delegierten scheiterten.

Für erklärte Gegner des politischen Prozesses hat Kobler indes weder strategische noch sonst wie geartete Geduld übrig. So spricht er sich für ein hartes Vorgehen gegen den libyschen IS-Ableger aus, dessen weitere Expansion unbedingt verhindert werden müsse. Mit dem „Islamischen Staat“ könne man nicht verhandeln, so Kobler, und wird nicht müde, in Interviews für eine militärische Lösung zu werben. Allerdings legt er Wert auf die Feststellung, dass der Kampf gegen den IS vorrangig eine Aufgabe der Libyer sei und am besten einer einheitlichen nationalen Armee vorbehalten bleiben solle. Außerdem tritt der Vater dreier Kinder, der in einem protestantisch geprägten Elternhaus aufwuchs und Jura, asiatische Philologie und indonesisches Seerecht studierte, für eine Aufhebung des Waffenembargos gegen Libyen ein. Von einer einheitlichen Armee ist Libyen freilich noch weit entfernt, denn die Loyalität einiger hochrangiger Militärs darf nach einem halbherzigen Putschversuch im Jahr 2014 getrost angezweifelt werden. Mit der neuen Einheitsregierung ist bislang ebenfalls nicht viel Staat zu machen: als as-Sarradsch und sein Präsidialrat im März 2016 unter abenteuerlichen Umständen aus dem tunesischen Exil nach Tripolis zurückkehrten, wurden sie mit Schüssen empfangen und mussten sich fürs Erste auf eine Marinebasis am Stadtrand zurückziehen.

Martin Kobler Demokratische Republik Kongo
Martin Kobler Demokratische Republik Kongo 2014

Martin Kobler und seine Mitarbeiter residieren derweil in einem mehrstöckigen Appartementhaus in Tunis, wohin die UNSMIL 2014 evakuiert worden war. Von dort aus fliegt Kobler, der neben Englisch, Französisch und Indonesisch auch fließend Arabisch spricht, mehrmals in der Woche nach Libyen, wo er unverdrossen und allen Rückschlägen zum Trotz um Vertrauen wirbt – bei Mandatsträgern ebenso wie bei Clanchefs und einfachen Bürgern. So hat er es sich zum Leidwesen seiner Sicherheitsleute zur Gewohnheit gemacht, seinen Fahrzeugkonvoi immer wieder spontan anhalten zu lassen, um mit Passanten über ihre Sorgen zu sprechen.

Auch als Leiter der UN-Mission in der Demokratischen Republik Kongo (MONUSCO) war Kobler dafür bekannt, den direkten Kontakt zur Bevölkerung zu suchen. Seine Freundlichkeit hinderte ihn jedoch nicht daran, rigoros gegen die berüchtigte Rebellentruppe M23 vorzugehen, die die Bevölkerung im Ostkongo mit brutaler Gewalt terrorisierte. Im Herbst 2013 sorgte Kobler so für eine denkwürdige Premiere in der Geschichte der Vereinten Nationen, indem er UN-Blauhelme erstmals in einen Kampfeinsatz schickte und damit die Kapitulation der M23 erzwang. Koblers Entscheidung war allerdings nicht unumstritten, so dass der Diplomat sein Handeln im Nachhinein mit ungewohnt markigen Worten verteidigte: Wenn man für Menschenrechte und gegen sexuelle Gewalt eintrete, so befand er, dann dürfe man ruhig radikal sein.

Martin Kobler Teambesprechung MONUSCO
Martin Kobler Teambesprechung MONUSCO 2013

Die Kontroverse um den Blauhelmeinsatz ist nicht die erste Gelegenheit in seiner Diplomatenkarriere, bei der Kobler mit Kritik konfrontiert war. So war eine gemeinsame Tätigkeit mit seiner Ehefrau Brita Wagener an der deutschen Botschaft in Kairo 2005 Gegenstand eines kleineren, kaum publizierten Streits um vermeintliche „Ehegattenprivilegien“ im Auswärtigen Dienst. Als deutlich heikler sollte sich die Visa-Affäre im gleichen Jahr erweisen: Damals musste sich der Diplomat mit Grünen-Parteibuch vor einem Bundestags-Untersuchungsausschuss dafür rechtfertigen, in seiner Funktion als Büroleiter von Außenminister Fischer zu spät über Missstände bei der Visa-Vergabe informiert zu haben.

Letztlich hat Kobler beide Affären jedoch unbeschadet überstanden, so dass er ab 2010 als einer von wenigen Deutschen in Spitzenpositionen bei den Vereinten Nationen vorrücken konnte. Dort gilt er inzwischen als Spezialist für „diplomatische Himmelfahrtskommandos“ und hat sich bei der Leitung von UN-Einsätzen im Irak und in Afghanistan den Ruf erworben, auch mal mit dem Kopf durch die Wand zu wollen. Für Martin Koblers neueste Mission in Libyen kann eine solche Reputation nur hilfreich sein, entspricht sie doch seinem Motto: „Es gibt kein Problem ohne Lösung.“

Der Beitrag erschien zuerst in WeltTrends 118 – Die Gier nach Rohstoffen.
Die Autorin Angela Unkrüer ist Redakteurin der Fachzeitschrift WeltTrends.


Bildnachweis
Bild 1: Martin Kobler – DRC. Kinshasa. MONUSCO HQ. 13th of august 2013. Autor: MONUSCO / Myriam Asmani. Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic (CC BY-SA 2.0).
Bild 2: Le RSSG de l’ONU en RDC, Martin Kobler, sous les yeux étonnés des enfants, effectuant un tour à moto, lors de sa visite à Kota-Koli. Autor: MONUSCO Photos. Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic (CC BY-SA 2.0).
Bild 3: Martin Kobler meeting the MONUSCO staff management team in Kinshasa 2013. Autor: MONUSCO Photos. Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic (CC BY-SA 2.0).


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